Die Frankfurter Designerin Svenja Boller und ihr Freund Kim Schüssler, der sie beim Verkauf und Vertrieb ihres Labels unterstützt. Foto: Michael Schick
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Die Frankfurter Designerin Svenja Boller und ihr Freund Kim Schüssler, der sie beim Verkauf und Vertrieb ihres Labels unterstützt.

Modestadt Frankfurt

Frankfurt: Coole Parkas und Hosen aus Niederrad

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Svenja Boller designt und näht alles selbst in ihrem Atelier in Niederrad. Ihr Label moski.to begeistert nicht nur Influencer.

Das Atelier von Svenja Boller liegt einsam-romantisch in Niederrad. Erst geht es am Golfplatz und am Waldrand vorbei, kurz denkt man, man hat sich bestimmt verlaufen. Aber dann das Schild: „moski.to“. So heißt Bollers Streetwear-Label im Erdgeschoss einer ehemaligen Villa des Carl von Weinberg in der Golfstraße 35. „Es ist Frankfurt, fühlt sich aber nicht so an. Es gibt sogar Rehe im Garten“, erzählt die 34-jährige Designerin und lacht.

136 Quadratmeter ist das Atelier groß, über ihr arbeiten andere Kreative. Bollers Freund Kim Schüssler ist auch Teil des Labels. „Ich kümmere mich um den Vertrieb und Verkauf. Svenja ist die Kreative“, sagt Schüssler.

Nähmaschinen und Stoffe liegen auf den weißen Tischen. Die fertigen Parkas, Hosen und Hoodies für Frauen und Männer hängen an Stangen. „Das sind keine Massenanfertigungen, sondern es ist alles von mir selbst designt und genäht“, betont Boller. „Wir haben kein Laufpublikum, aber die Leute können einen Termin vereinbaren und die Sachen hier anprobieren. Ich nähe dann auf Bestellung.“

Sie betont: „Bei mir ist alles 100 Prozent Fairtrade, denn ich beute nur mich selbst aus“, sagt sie und lacht. „Wenn ich richtig Gas gebe, schaffe ich es, zwei bis drei Parkas am Tag zu nähen.“ Die Parkas kosten je nach Material zwischen 250 und 699 Euro. „Die Stoffe kaufe ich von meinen vertrauten Stoffdealern. Sie sind oft aus Überproduktionen.“

Auch coole wie bequeme Hosen für Männer und Frauen gibt es bei moski.to

Es gibt Winter- und Frühlingsparkas. Der Look ist wie alle ihre Sachen cool, lässig und futuristisch. Die Materialien für die Parkas, die eben nicht so 08/15 sind, variieren: Boller verwendet Jeansstoffe, Baumwolle oder Baumwoll-Nylonmischungen und mischt verschiedene Farben miteinander. Sehr beliebt sei der Winterparka „Arkade Element Canvas“ (380 Euro). Die Kapuze ist grün, der Rest des Parkas stellenweise senfgelb oder tintenblau. Zudem gibt es verstellbare Verschlüsse in Brusthöhe.

„Dieser Parka hat bei der Frauenvariante einen Vokuhila-Look: Also vorne kurz, hinten lang. Das macht die Beine optisch länger“, sagt Boller und lächelt. Dieser Parka sei aus 100 Prozent Baumwoll-Canvas, habe Innentaschen und Reißverschluss und sei winddicht und gleichzeitig atmungsaktiv. „Und wie alle meine Sachen ist ein individueller Zeitcode aufgedruckt. Darauf steht das exakte Datum und die Uhrzeit, wann ich den Parka fertiggestellt habe.“ Auf einem steht: „11.02 AM-FFM.03-04-20“.

Inspiriert habe sie für den Zeitcode das Album-Booklet von „The Eminem Show“ des US-Rappers. Ist ihre Mode eigentlich nur was für junge Hipster? „Nein, ich habe Kundinnen und Kunden zwischen 12 bis 75 Jahre. Auf Messen treffe ich oft Frauen, die erst sagen: ‚Ah, für diesen Look bin zu alt.‘ Dann ziehen sie den Parka an und verlieben sich.“

Auch beliebt seien bei Männern und Frauen ihre lässig geschnittenen Hosen in Beige oder Schwarz mit Verschluss am Bund zur Einstellung der Weite. Die Hosen kosten 95 Euro. Für die Hoodies, also Sweatshirts mit Kapuze, zahlt man 85 Euro.

ModeSerie

Vom 6. bis 8. Juli 2021 soll die erste Frankfurt Fashion Week stattfinden. Ab 2022 ist geplant, sie sogar zweimal im Jahr auszurichten. Auch die Berlin Fashion Week wird weiterhin saisonal organisiert.

Aber kann Frankfurt überhaupt Mode? In unserer neuen Serie stellen wir wöchentlich lokale Designerinnen, Modemacher und Ladenbesitzerinnen vor.

Sportmarken-Gründer über Handtaschen-Designerinnen bis zum Schuhmacher sind ebenso dabei wie auch Fashion-Influencerinnen.

Aber wie ist die Designerin eigentlich zur Mode gekommen? „Ich habe nie in der Schule die ‚Vogue‘ studiert, aber ich hatte schon immer meinen eigenen Style.“

Aufgewachsen ist sie in Haiger (Lahn-Dill-Kreis). Nach ihrem Realschulabschluss entscheidet sie sich relativ spontan, in Gießen eine Ausbildung zur Maßschneiderin zu absolvieren. Mit einer Freundin eröffnet sie dort zunächst eine Änderungsschneiderei. „Aber dann dachte ich: ,Willst du das dein Leben lang machen?‘ Mir fehlte das Kreative.“ 2009 zieht sie aus diesem Grund nach Frankfurt. Sie studiert in Höchst an der Frankfurter Schule für Bekleidung und Mode – und macht dort ihren Abschluss zur staatlich geprüften Modedesignerin. „Zusätzlich habe ich noch ein Jahr drangehängt und auch meinen Abschluss als Bekleidungstechnikerin in Produktmanagement dort absolviert.“ Nach den Abschlüssen arbeitet Boller zunächst als Store Managerin bei Adidas in Weiterstadt, kauft für den Laden ein. Parallel habe sie 2012 ihr eigenes Label gegründet. „Vor zwei Jahren sagte ich: ,Jetzt mache ich moski.to ganz oder gar nicht.‘“ Seitdem ist sie selbstständig mit ihrem Label.

Noch sei im Atelier nicht alles an seinem finalen Platz. Denn mitten in der Corona-Krise ist Boller mit ihrem Atelier vom Frankfurter Ostend hierhergezogen. „Wir wollten uns vergrößern, hatten den Mietvertrag wenige Tage vor der Corona-Krise unterschrieben. Wir dachten, was machen wir jetzt bloß?“, erzählt Boller. Jetzt seien sie froh, dass sie hier seien. Auch wenn Corona sie schon hart getroffen habe. „Neben unserem Onlineshop sind Messen unser Hauptgeschäft, und das fiel dann plötzlich alles weg“, sagt Boller. „Aber wir hatten noch Rücklagen aus dem vergangenen Jahr.“

Gerettet habe sie aber vor allem eine „glückliche Fügung“, wie sie es ausdrückt. „Ein Freund fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, ein paar Masken zu nähen für die Leute von ,100 Nachbarn‘, die ehrenamtlich im Bahnhofsviertel Lebensmittel an arme Leute verteilen. Und ich sagte: ‚Klar, mache ich gerne.‘“ Die Masken verschenkte sie. Eine der Initiatoren von „100 Nachbarn“ ist die Frankfurter Stylistin und Influencerin Masha Medusa. Medusa postete die neongelben und neonorangefarbenen Masken zum Binden auf ihrem Instagram-Account. „Und plötzlich wollten viele Leute die Masken. Also entschloss ich mich, sie für 15 Euro zu verkaufen. Fünf Euro davon gehen an ,100 Nachbarn‘.“ Und weil sie sich gut verstanden, postete Medusa von sich aus – und ohne Geld dafür zu wollen – zudem ein Bild von sich mit einem Parka und einer Hose. „Das half sehr, denn so bestellten die Leute nicht nur Masken, sondern eben auch Parkas und Hosen bei uns.“

Gerade arbeitet Boller auch an einer neuen Kollektion. Die Farben sollen weiter gedeckt sein. „Aber diesmal will ich gerne mit neongelb und neonorangefarbenen Elementen arbeiten.“

Wie findet sie es eigentlich, dass ein Teil der Berliner Fashion Week ab nächstes Jahr nach Frankfurt kommt? „Toll, denn Frankfurt ist das neue Berlin. Es gibt viele Modemacher in der Stadt, die aber noch im Untergrund sind. Ich hoffe sehr, dass auch lokale Designer eine Bühne bei der Frankfurt Fashion Week bekommen.“ Sie selbst überlege bereits mit anderen Designern, hier in der Villa eine Off-Location der Messe anzubieten.

Ach ja, und warum heißt ihr Label moski.to? Die Geschichte sei wenig spektakulär, erzählt sie. „Ich habe mal in der Schule über die Moskitoplage in Finnland ein Referat gehalten.“ Das sei irgendwie hängen geblieben.

moski.to, Golfstraße 35, Niederrad. Termine gibt es nur nach Vereinbarung unter der E-Mail-Adresse info@moski.to oder telefonisch unter 0160/ 1810 121. Onlineshop im Internet: https://www.moski.to

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