Chris Gaa (26) hat schon selbst körperliche Gewalt erfahren müssen, nur weil er schwul ist.
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Chris Gaa (26) hat schon selbst körperliche Gewalt erfahren müssen, nur weil er schwul ist.

Mr. Gay Germany

Frankfurt: „Auf der Zeil muss man als Schwuler aufpassen, wenn man Händchen hält“

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Chris Gaa ist Finalist bei der bundesweiten Wahl zu Mr. Gay. Er kämpft mit seiner Kampagne gegen Homofeindlichkeit im Alltag und für die Einfügung des Merkmals der sexuellen Identität in Artikel 3.

Die Wahl zum Mr. Gay ist kein typischer Schönheitscontest, bei dem man als schwuler Mann den Laufsteg bloß hübsch lächelnd hoch– und runterläuft, sich beklatschen lässt und am Ende etwas von „Weltfrieden“ säuselt. Das betont Chris Gaa gleich zu Anfang beim Interview in einem Café in der Frankfurter Innenstadt.

Der 26-Jährige ist einer von zwei Frankfurter Finalisten des bundesweiten Wettbewerbs. Das Finale ist an diesem Samstag in Köln.

Insgesamt sechs Männer treten dort gegeneinander an. „Wenn es nur um Schönheitsideale gehen würde, hätte ich mich nicht beworben. Das wäre mir zu oberflächlich“, sagt er. In Mainz wird Gaa geboren. Als Scheidungskind zieht er mehrmals um. Gerade ist er in der Endphase seines Soziologiestudiums an der Frankfurter Goethe-Uni.

Schwul in Frankfurt: Wahl zum Mister Gay - Zusammenarbeit mit CSD Deutschland und Aidshilfe

Jeder Teilnehmer muss bei der „Mr. Gay“-Wahl eine Kampagne für die schwulen Szene aufbauen. Gaa möchte, dass über den im November von FDP, Grüne und Linke vorgelegten Entwurf zur Änderung des Grundgesetzes möglichst bald im Bundestag abgestimmt wird. Es geht dabei um die Einfügung des Merkmals der sexuellen Identität in Artikel 3 Absatz 3 Satz 1 des Grundgesetzes. „Ich möchte nicht, dass der Entwurf ewig im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz verharrt“, betont er.

Und wie will er das erreichen? „Ich möchte gemeinsam mit Organisationen wie dem CSD Deutschland, der Deutschen Aidshilfe sowie Organisation für LSBTIQ (lesbische, schwule, bisexuelle, trans, inter und queere Menschen) für mehr Öffentlichkeit auf Demos und anderen Veranstaltungen sorgen. Also die Menschen in und außerhalb der Community für das Thema sensibilisieren und mobilisieren.“

Die Wahl Bei der bundesweiten Wahlzu Mr. Gay Germany werden, wie der Veranstalter auf seiner Website schreibt: „mehr als hübsche Gesichter und trainierte Bodys“, gesucht. „Wir suchen den Repräsentanten der Gay-Community Deutschlands. Ein Role-Model und Vorbild – kurz einen Helden der Szene.“

Dieser Held, der für ein Jahr gewählt wird, solle das Selbstbewusstein haben, für eine gerechte Sache einzustehen. So muss jeder Kandidat eine Kampagne vorstellen, die etwas in der schwulen Szene bewegt.

An diesem Samstagist das Finale des bundesweiten Wettbewerbs in Köln. Unter den sechs Finalisten sind auch zwei Frankfurter Kandidaten. Der Gewinner wird auch bei der Wahl zu Mr. Gay Europe und Mr. Gay World antreten. rose

Warum ist ihm das so wichtig? „‚Schwuchtel‘ ist neben ‚Jude‘ und ‚behindert‘ noch immer das beliebteste Schimpfwort auf unseren Schulhöfen. Deshalb verheimlichen viele aus Angst ihre Homosexualität“, so Gaa.

„Die zunehmenden Gewaltdelikte gegenüber queeren Menschen und die noch immer existente Diskriminierung im Gesetz, wie beim Thema Adoption oder Blutspenden, zeigen, wie notwendig die Ergänzung des Grundgesetzes um sexuelle Identität ist“, sagt Gaa, der bei der Frankfurter Aidshilfe im Vorstand ist.

Er betont: „Es gibt leider immer mehr Gewalttaten in Deutschland gegen Homosexuelle.“ Mit Erscheinen der AfD* seien die verbalen und körperlichen Angriffe auf Schwule krasser geworden. Er selbst sei aus dem Grund auch Aktivist beim Bündnis „Akzeptanz & Vielfalt Frankfurt“ geworden. „Das Verhalten auf der Straße gegenüber Homosexuellen ist genauso rauer geworden wie auch gegen Frauen und Juden.“ Gaa selbst erfuhr schon körperliche Gewalt unweit der Feierlichkeiten zum CSD diesen Sommer in Berlin. „Erst wurde ich von einer Gruppe als dreckige Schwuchtel beschimpft– und dann bekam ich zwei Schläge ins Gesicht.“ Er habe Anzeige erstattet.

Frankfurt: Wahl zum Mister Gay - Hohe Dunkelziffer von Gewalt gegen Schwule

Manchmal seien die Angriffe aber auch mehr verbaler Art. „Gerade die Zeil abends ist schlimm. Wenn zwei Männer Hand in Hand gehen, ist das für viele ein offener Angriff aufs Patriarchat. Man muss da wirklich aufpassen.“ Viele seiner Kumpels wählten lieber die Seitenstraße. Dabei sei Homofeindlichkeit unabhängig von Nationalität und Alter: von älteren Leuten bis hin zu „jugendlichen Prolls“. „Es sind immer Gruppen, nie Einzelpersonen. Manchmal sind auch in der Gruppe Homosexuelle, die aber in dem Moment lieber mal die Klappe halten.“

Im Nachtbus zum Güterplatz seien er und ein Kumpel in den Schwitzkasten genommen worden. „Oft tauchen homofeindliche Angriffe nicht mal in der Kriminalstatistik auf, weil es oft nicht reicht, wenn man zu jemanden Schwuchtel sagt. Und die Dunkelziffer von Leuten, die erst gar keine Anzeige aus Angst stellen, ist groß“, sagt Gaa.

Wie war eigentlich sein Outing? „Meine Eltern hatten cool reagiert. In der Schule habe ich meinen damaligen Freund auf dem Schulhof geküsst. Da kamen bald ‚Du Schwuchtel‘-Sprüche.“ Aber er habe sich das nicht gefallen lassen: „Denn Schwuchteln können auch wehrhaft sein.“

Auch ein anderer Frankfurter will Mr. Gay Germany werden: Benjamin Näßler. Er setzt sich für Homofreundlichkeit im Verein ein.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Redaktionsnetzwerks.

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