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Frankfurt: Caricatura zeigt Karikaturen von Klaus Stuttmann

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Von: Stefan Behr

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Klaus Stuttmann zeigt „Statements“ im Caricatura Museum in Frankfurt. Bild: Christoph Boeckheler
Klaus Stuttmann zeigt „Statements“ im Caricatura Museum in Frankfurt. Bild: Christoph Boeckheler © christoph boeckheler*

Die neue Ausstellung im Frankfurter Karikaturenmuseum ist einem Frankfurter gewidmet

Was macht es mit einem Menschen, wenn er als Kind ohne eigenes Verschulden aus dem Paradiese verstoßen wird - und an einem Ort landet, der der Hölle recht nahe kommt? Er flüchtet sich in die Kunst. Und nimmt sich zum Lebensleitsatz die alte Goethe-Weisheit „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Und hofft, mit Fleiß und Talent sich wieder einen Weg zurück in die elysischen Gefilde zu bahnen, aus denen er entstammt.

Hat fast funktioniert. Zumindest in seinem Fall. Am Dienstagmorgen sitzt Klaus Stuttmann neben Museumsdirektor Achim Frenz in der Caricatura und wohnt der Pressekonferenz zur Eröffnung seiner eigenen Ausstellung „Statements“ bei. Stuttmann wurde 1949 in Frankfurt am Main geboren und verlebte ein paar unbeschwerte Wochen im Westend, ehe ihn ein grausames Schicksal nach Leinfelden-Echterdingen verschlug, wo sein Vater eine Stelle als Meteorologe am Stuttgarter Flughafen antrat.

Um die Qualen des Knaben in der filderkrautumwucherten Wüstenei noch zu verstärken, hing über dem Sofa im elterlichen Wohnzimmer ein Paradise-Lost-Bild, „eine Idylle mit Bäumen und Tümpel und Kühen“, wie sich Stattmann erinnert. Es trug den Titel „Der Frankfurter Stadtwald“ und stammte von Carl Morgenstern, einem Frankfurter Architektur- und Landschaftsmaler, entfernten Verwandten des Schriftstellers Christian Morgenstern und direkten Vorfahren von Klaus Stuttmann.

Carl Morgenstern ruht heute in einem Ehrengrab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, und so hatte der junge Klaus stets vor Augen, dass Kunst ein Mittel sein kann, Ehre zu erlangen und Frankfurt zu erreichen. Was sollte er also machen? Er zeichnete als Zehnjähriger großflächig Karikaturen damaliger Politiker auf die Wohnzimmertapete. Die Begeisterung der Kritiker:innen (damals in Gestalt seiner Eltern) hielt sich allerdings in Grenzen.

Heute ist das ganz anders. Für seine Karikaturen, die unter anderem seit 2003 fast täglich im Tage sspiegel erscheinen, wurde Stuttmann mehrfach ausgezeichnet. Und selbst Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel, Stuttmanns Lieblingsmuse, an der er sich mehr als 800 mal abgearbeitet hatte, schickte ihm zum Dank für ein ihr zum Abschied ins Kanzleramt geschickte Buch handschriftliche Grüße. Sie habe ihm gewünscht, sagt Stuttmann, „dass ich auch ohne sie in Zukunft ähnlich ansprechende Figuren finde“.

Die Ausstellung

Die Ausstellung i st vom 28. April bis zum 3. Oktober in der Caricatura, Weckmarkt 17, zu sehen. Seuchenbedingt gelten andere Öffnungszeiten: mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, montags und dienstags geschlossen.

Zu sehen sind mehr als 300 Karikaturen aus den Jahren 1990 bis 2002 sowie Illustrationen aus dem 2008 erschienen Museumsführer „Fit fürs Museum“ und dem Weinmagazin enos, zudem eine Auswahl an Radierungen, und Plastiken . Vor allem aber ist zu sehen: Angela Merkel.

Der Künstler Klaus Stuttmann arbeitete bereits für die taz, die Badische Zeitung, die Neue Osnarbrücker Zeitung, die Neue Westfälische, die Hannoversche Allgemeine, die Rhein-Neckar-Zeitung, vor allem aber für den Tagesspiegel. Kein Wunder, dass er sich selbst als Journalist versteht. In technischer Hinsicht ist Stuttmann ein Pionier: Er zeichnet seit mehr als 20 Jahren auf dem Tablet.

Falls Sie Stuttmann treffen, dann sagen Sie ihm frei nach Stoltze: „Es kann merr net in mein Kopp enei, wie will nor e Mensch net in Frankfort sei!“ skb

Hat er nicht. Er habe zwar Boris Johnson „sehr gerne“, wenn auch bloß auf Arbeitsebene - politisch bleibt Stuttmann ein erzkonservativer Linker. Aber ein echter Angela-Ersatz sei der Boris nicht, er trauere der Kanzlerin schon ein wenig hinterher. Freilch: wer schon so früh den Verlust Frankfurts verkraften musste, den kann auch ein Johnson nicht mehr schrecken.

Dabei ist es nicht so, dass Stutmann emotional nicht mehr zu beeindrucken wäre. „Über die Menschheit bin ich momentan ein bisschen entsetzt“, sagt er angesichts der Weltlage. Dieses Grundgefühl ist für einen waschechten Linken natürlich nichts Neues, er habe schon zuvor erkannt, dass „die Menschheit einfach zu blöde ist, Gerechtigkeit in der Welt zu schaffen“.

Das wiederum ist keine wirklich bahnbrechende Erkenntnis für einen, der schon als Kleinkind erfahren musste, wie ungerecht die Welt sein kann. Und der selbst nie eine Frankfurter Schule besuchen durfte, auch wenn die großen künstlerischen Vorbilder des Autodidakten „selbstverständlich alle aus der Neuen Frankfurter Schule“ waren, allen voran F. K. Waechter.

Da hängt er nun also mit seinen Werken inmitten seiner großen Vorbilder in der Caricatura, und sein Urahn Carl Morgenstern dürfte sich vor Stolz in seinem Ehrengrab drehen. Und eigentlich könnte sich hier und jetzt der Kreis schließen und Klaus Stuttmann sein Geburtsrecht einfordern: einen Platz an der Sonne, eine triumphale Rückkehr nach Frankfurt, der schönen Stadt am Main, mit ihren Wäldern, Tümpeln und Kühen.

Aber denkste. Klaus Stuttmann wohnt seit 1970 in Berlin, was anfangs zumindest dadurch zu entschuldigen war, dass er Flugblätter und Karikaturen für eine der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins nahestehende Hochschulgruppe zeichnete. Aber er ist immer noch dort.

Nun ist es eine Sache, mal in Berlin zu wohnen, das ist jedem schon mal passiert. Ohne Not dazubleiben, wenn man auch nach Frankfurt dürfte, ist eine ganz andere. Aber Stuttmann scheint sich an der Spree ganz wohl zu fühlen und gar nicht mehr an den Main zu wollen. Genie oder Wahnsinn? Das liegt wohl wie so oft im Auge des Betrachters. Vielleicht hilft ein Besuch der Ausstellung dabei, diese Frage zu beantworten.

Angela Merkel auf dem Stier, Karikatur von Klaus Stuttmann in der Frankfurter Ausstellung. Bild: Christoph Boeckheler
Angela Merkel auf dem Stier, Karikatur von Klaus Stuttmann in der Frankfurter Ausstellung. Bild: Christoph Boeckheler © christoph boeckheler*

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