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Annette Heinz von der Bock-Apotheke in Frankfurt beschäftigt sich seit Ende der 90er Jahre mit medizinischem Cannabis.
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Annette Heinz von der Bock-Apotheke in Frankfurt beschäftigt sich seit Ende der 90er Jahre mit medizinischem Cannabis.

Legalisierung von Cannabis

Frankfurt: Cannabis aus der Apotheke

  • Helen Schindler
    VonHelen Schindler
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Die Wirkstoffe können bei vielen Krankheiten helfen. Eine Frankfurter Apothekerin stellt seit langem Produkte aus Cannabis her.

Die Debatte über die Legalisierung von Cannabis hat angesichts der Ampel-Koalition wieder an Fahrt aufgenommen. Annette Heinz von der Bockenheimer Bock-Apotheke war eine der ersten Apothekerinnen in Deutschland, die sich mit medizinischem Cannabis beschäftigt hat. „Ende der 90er Jahre waren wir die erste Apotheke in Deutschland, die Cannabismedikamente wie Dronabinol und Cannabidiol hergestellt hat“, sagt Heinz, die in Frankfurt Pharmazie studiert hat.

Wie es dazu gekommen ist? „Ein Studienkollege von mir, der bereits approbierter Arzt war, hatte einen schwerkranken Freund. Um ihm zu helfen, wollte er eine Therapie mit Cannabismedikamenten bei ihm ausprobieren.“ Damals seien diese aber nur in Israel und den USA zugelassen gewesen. „Hier gab es das nicht, man konnte die nicht mal importieren“, erinnert sich Heinz. Doch es gab einen Weg, das zu umgehen: Heinz fing an, im Apothekenlabor Dronabinol halbsynthetisch aus Faserhanf herzustellen. „Dronabinol ist sozusagen das THC, also das Psychoaktive, das einen Rauschzustand verursacht oder bei Patientinnen und Patienten eben bei Schmerzen und Krämpfen hilft“, erklärt sie.

Ihr Studienkollege habe das bei seinem schwerkranken Freund, der im Rollstuhl saß, angewandt. „Das hat super funktioniert.“ Generell habe Cannabis recht wenige Nebenwirkungen. „Die schlimmsten Nebenwirkungen sind Durchfall oder Benommenheit, aber an sich ist das wirklich gut verträglich,“ sagt die Apothekerin. „Es wirkt appetitanregend, es stillt den Schmerz, die Leute können wieder schlafen.“

Seit 2017 ist medizinisches Cannabis in Deutschland zugelassen, „seitdem ist das alles einfacher, heute ist das ganz klar reglementiert“, so Heinz. THC-haltige Medikamente fallen unter die Betäubungsmittelpflicht, „da muss jedes Milligramm notiert werden, das wird immer streng kontrolliert“. Die Herstellung sei aufwendig, weshalb das nicht viele Apotheken machten. Die Gefahr einer Abhängigkeit bestehe nicht. „Der Schmerzpatient reagiert anders auf Cannabis, der bekommt von den Medikamenten auch keinen Rauschzustand. Ich habe in 25 Jahren keinen erlebt, der davon abhängig geworden wäre“, versichert Heinz.

Medizinisches Cannabis, hergestellt in der Apotheke, ist immer individuell auf den Patienten oder die Patientin abgestimmt. „Das ist eigentlich immer eine Einzeltherapie“, sagt Heinz. „Sie bekommen das nicht als Fertigmedikament.“ Der Arzt oder die Ärztin muss eine Rezeptur verordnen, die die Apotheke dann in Form von Kapseln oder Lösungen herstellt. „Das ist das Ursprüngliche meines Berufs, deswegen mache ich das so gern“, sagt Heinz.

Mit Dronabinol behandle sie hauptsächlich Schmerz- und MS-Patienten, „das hilft gegen Schmerzen, Verspannungen, Krämpfe, und wir setzen es auch in der Palliativmedizin ein“. CBD, also Medikamente ohne den für einen Rauschzustand zuständigen Wirkstoff THC, bekämen hauptsächlich Kinder, die unter Epilepsie leiden.

Vor zwei Jahren, im November 2019, wurden CBD-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel anerkannt, wodurch sie nicht als Arznei gelten. Seitdem haben sich viele Anbieter im Markt etabliert. „Das, was es als CBD-haltige Lösungen auf dem freien Markt zu kaufen gibt, ist zum einen sehr gering konzentriert und zum anderen genügen sie oft nicht den pharmazeutischen Reinheits- und Qualitätsanforderungen“, sagt Jens Süßmann, Apotheker in der Neu-Isenburger City-Apotheke.

glossar

Cannabis: Ist der wissenschaftliche (lateinische) Name für Hanf. Aus der Nutzpflanze werden Seile, Kleidung, Dämmstoffe oder Öle hergestellt. Die Bestandteile der weiblichen Pflanzen enthalten besonders hohe Konzentrationen von Cannabinoiden, die teilweise für Arzneien, aber auch Drogen verwendet werden.

Cannabinoide: Sind Substanzen, die ausschließlich im Hanf vorkommen. Sie wirken auf das endocannabinoide System, das auch im Organismus des Menschen vorkommt. Kurz gesagt: Im menschlichen Nervensystem befinden sich Cannabinoid-Rezeptoren, an denen die Wirkstoffe aus der Cannabispflanze andocken können. Zu den Cannabinoiden zählen etwa THC und CBD.
THC: Steht für Tetrahydrocannabinol. Es handelt sich dabei um den psychoaktiven Wirkstoff der Cannabis-Pflanze, der hauptverantwortlich für den Rausch ist.

Dronabinol: Ist der internationale Freiname für THC, speziell für die Verbindung Delta-9-THC. In Deutschland steht Dronabinol lediglich als Rezepturarzneimittel zur Verfügung. Apotheker bereiten das entsprechende Medikament also individuell zu. Üblicherweise wird Dronabinol in Form öliger Tropfen oral eingenommen.

CBD: Steht für Cannabidiol. Es ist ein Cannabinoid aus dem weiblichen Hanf und ist nicht psychoaktiv. Dadurch hat es keine berauschende Wirkung.
Anbaugebiete: In Deutschland wird nur wenig medizinisches Cannabis angebaut. Erst seit Juli dieses Jahres wird Cannabis aus Deutschland an Apotheken geliefert. Der Großteil der Medikamente bzw. der Cannabisblüten muss deswegen (teuer) importiert werden, meistens aus Kanada. Weitere Anbauländer sind beispielsweise Australien, Israel, Kolumbien, Dänemark, Portugal oder Spanien.

Importmenge: Im ersten Halbjahr 2021 wurden etwa 8966 Kilogramm Cannabisblüten importiert, 2020 waren es noch etwa 4946 Kilogramm. Im ersten Halbjahr 2017 waren es rund 494 Kilogramm.

Zusammengestellt von Steven Micksch

Er versorgt MS-, Schmerz-, Schlaf- und Suchtpatienten mit medizinischem Cannabis in Form von Blüten und Extrakten. Weil die CBD-Produkte auf dem Markt unter das Nahrungsmittelrecht fielen, würden sie von den für die Apotheken zuständigen Regierungsbehörden überhaupt nicht kontrolliert. Vieles, was verkauft werde, habe mit einer Wirkung bei einer medizinischen Anwendung wenig zu tun. „Das hat teils eine zweifelhafte Wirkung, teils ist es in meinen Augen Betrug.“ Verschreibungspflichtige Medikamente auf der Grundlage von CBD als Wirkstoff aus der Apotheke seien etwas ganz anderes, „das sind hochwirksame Medikamente. Der Anspruch an ein Produkt in der Apotheke ist super hoch, das ist absolut rein. Auf der Straße weiß kein Mensch, was da drin ist“.

Auch Heinz betont, es sei wichtig, dass die Medikamente aus der Apotheke kommen. „Wir haben das jahrelang gelernt. In der Apotheke mag CBD teurer sein als in manchen Shops oder online. Aber man weiß auch, was da drin ist.“ CBD, das man im Internet kaufen kann, sei oft gepanscht, „das ist der größte Mist“, so die Apothekerin. „Jeder denkt halt, man kann damit Geld verdienen.“

Tausende Patientinnen und Patienten hat Annette Heinz in den vergangenen Jahrzehnten behandelt, momentan seien es um die 100 bis 200. So versorgt die Bock-Apotheke seit Jahren unter anderem das sozialpädiatrische Zentrum in Höchst mit individuell angefertigten Arzneimitteln. „Viele haben sich auf Cannabismedikamente spezialisiert, wie beispielsweise das Zentrum. Aber der normale Hausarzt um die Ecke kennt sich damit nicht aus“, sagt Heinz. Ein Problem sei auch die Kostenübernahme der Krankenkassen. „Das ist schwierig, der Patient muss austherapiert sein, das heißt, es müssen alle anderen infrage kommenden Medikamente probiert worden sein, bevor es eine Genehmigung für Cannabismedikamente gibt. Es gibt Patienten, die kämpfen darum mehrere Jahre.“

Auch Süßmann kennt dieses Problem: „Ich stehe andauernd Menschen gegenüber, denen ich nicht helfen kann. Cannabis könnte helfen, den Menschen eine höhere Lebensqualität zu bieten“, sagt er. Aber der Blick sei in Deutschland noch sehr konservativ, in anderen Ländern wie beispielsweise Kanada sei man da schon viel weiter. „Bei der Auswahl und Verordnung von hochwirksamen Pflanzenprodukten wie Cannabisblüten oder Extrakten sehen sich manche Ärzte vor Herausforderungen, da Kenntnisse darüber bisher nicht in ihrer Ausbildung vermittelt werden. Ich erlebe, dass Produkte verschrieben werden, die nicht gut zu den Bedürfnissen des Patienten passen.“

Dronabinol in Kapselform.

Man müsse unterscheiden zwischen den verschiedenen Pflanzen: „Die eine Art wirkt erregend und gegen Müdigkeit, die andere fördert das Runterkommen. Dieses differenzierte Betrachten ist oft nicht gegeben.“ Es gebe große bürokratische und rechtliche Hürden.

Auf die Frage, was sie von einer Legalisierung von Cannabis, wie sie aktuell diskutiert wird, halte, sagt Heinz: „Das ist ein ganz schwieriges Thema, aber ich bin eigentlich total dagegen.“ Sie habe Sorge, dass Kinder und Jugendliche dann an Cannabis kämen. Bei Kindern könne Cannabis zu Schizophrenie oder Psychosen führen. „Ich fände es viel besser, wenn es den Leuten zugänglich gemacht würde, die es brauchen. Dass also jeder, der krank oder süchtig ist, Cannabis auf Rezept kriegen kann und die Krankenkassen das übernehmen.“

Aus seinem Qualitätsanspruch heraus und aus Schutzgründen ist auch Süssmann gegen die Legalisierung. „Mir graut es vor der Legalisierung. Aber wenn legalisiert wird, muss es eine Kontrollinstanz geben. Und von der Ausbildung her sind das wir Apotheker“, so Süßmann. „Ich betreibe sehr viel Arbeit und schaue, dass das gute Produkte sind. Das bedarf viel Kenntnis und Empathie und Rechtswissen. Das wäre anders, wenn es legalisiert würde. Wer soll denn darüber wachen, dass es die richtige Dosierung hat? Wenn, dann muss das in die Hände von denen, die sich auskennen.“

Aber er sagt auch: „Ob Cannabis legalisiert wird, unterliegt nicht meiner Bewertung. Für mich ist Cannabis ein reines Medikament, ein Schatz an Wirksamkeit. Die glücklichen Augen der schwerkranken Patienten sind der Grund, weshalb ich das mache. Wenn ein Sterbender weniger Schmerzen hat, ist das ein Sieg für mich.“

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