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Olaf Huth vermisst das English Theatre Frankfurt mit einem leistungsstarken 3-D-Scanner. Das spart künftig viel Arbeit.  

Kultur

Frankfurt: Bühne frei für eine Pionierarbeit

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Die Hochschule Coburg digitalisiert das English Theatre Frankfurt - mit ungeahnten praktischen Folgen.

Haben Platz 7 und 8 in der zehnten Reihe noch freie Sicht, wenn das neue aufwendige Bühnenbild erst einmal steht? Passt die in Großbritannien entworfene Kulisse wirklich in den Saal des English Theatre (ET) in Frankfurt? Und wie stark müssen die Scheinwerfer sein, damit die Zuschauer noch die wichtigen Requisiten im Hintergrund erkennen? Bisher gab es auf solche Fragen lediglich eine Antwort: ausprobieren!

„Im Theater ist Zeit Geld. Es muss alles schnell gehen“, sagt Daniel Nicolai, Chef des Theaters in der Frankfurter Gallusanlage. In der Regel werden die hier gespielten Stücke zwar eigens für das größte englischsprachige Theater auf dem europäischen Festland inszeniert, aber in London geprobt. Das macht zahllose Absprachen notwendig. Auch der Theaterbetrieb ruht hier wie dort wegen der Corona-Pandemie augenblicklich, doch Nicolai hat in der Zwangspause zwei Wissenschaftler ins Haus geholt, deren Arbeit künftig die Abläufe deutlich erleichtern könnte.

Olaf Huth, Professor an der Hochschule Coburg, und sein Kollege Gerhard Gresik haben in der vergangenen Woche Zuschauersaal, Bühne, Garderoben, Bar, Foyer und sogar die Treppenhäuser mit 360-Grad-Lasern gescannt und alle Räume auf 0,5 Zentimeter genau vermessen. 51 Messstationen stellten sie in den Räumen auf. Aus den Punktwolken setzen Huth und Gresik anschließend am Computer dreidimensionale Abbilder des Theaters zusammen.

Ungeahnte Möglichkeiten

Das noch nicht ganz vollständige Ergebnis sieht aus wie eine minutiöse, durchaus dekorative farbige Zeichnung, durch die sich von der Theaterkasse bis in die Garderobe schweben ließe. Was aber erst mal ausschauen mag wie eine technische Spielerei, eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, wie Nicolai schwärmt. Die Möglichkeiten, die sich nun bieten, sind so vielfältig, dass die Theaterleute immer mehr ins Staunen geraten. „Eigentlich wollten wir nur mal die Bühne vermessen lassen, weil wir bei einer der letzten Inszenierungen Schwierigkeiten mit dem Einbau der Kulissen hatten“, berichtet Nicolai. Er fragte eine befreundete Architekturprofessorin um Rat, die den Kontakt zu ihren Kollegen herstellte.

Huth und Gresik, die beide in Coburg am Fachbereich Design den erst 2017 gemeinsam mit der Universität Bamberg eingerichteten Studiengang „Digitale Denkmaltechnologien“ lehren, beschäftigen sich ansonsten eher mit der Erschließung und Analyse historischer Bauwerke. In dem Frankfurter Theater waren sie vor ihrem Projekt noch nie. „Wir wollten uns eigentlich noch eine Aufführung ansehen, aber das hat dann nicht mehr gereicht“, berichtet Gresik.

Dem English Theatre haben sie, das ist jetzt schon klar, mit ihrer Forschungsarbeit einen großen Dienst erwiesen. „Künftig können wir vieles über den Ärmelkanal hinweg besprechen und darstellen“, sagt Nicolai. Kulissen könnten so beispielsweise passgenau konstruiert werden, mögliche Sichtbehinderungen im Zuschauersaal würden schon bei der Planung deutlich und auch die Lichttechnik kann künftig genau am Bildschirm vorab simuliert werden. Die Farbwirkung von Wänden oder Theatersesseln könnte mit einem Knopfdruck ausprobiert werden. Schließlich ließe sich sogar die Akustik mit Hilfe der extrem hochauflösenden Scans berechnen.

Messungen an zwei Tagen

Gerade einmal zwei Tage benötigten die Wissenschaftler für ihr Messungen, es ist eine effiziente und schnelle Technik, mit der sonst altehrwürdige Kirchen oder mittelalterliche Wohnhäuser untersucht und dokumentiert werden. Huth ist selbst ein wenig erstaunt, dass diese eigentlich so naheliegende Idee bisher wohl noch so gut wie gar nicht für Theatersäle verwendet wurde. Das könne auch für andere Bühnen hoch interessant sein, glaubt Nicolai.

War das wirklich eine Pioniertat? Es sieht tatsächlich so aus, wie Intendant Nicolai sagt. „In Deutschland ist mir bisher nichts Ähnliches bekannt“, sagt er. Einem anerkannten Technikexperten, den er befragt habe, sei als einziges Vergleichsbeispiel das berühmte Royal Opera House Covent Garden in London eingefallen – das aber um ein Vielfaches größer ist als das English Theatre.

Bei der nächsten Premiere, wohl erst im Herbst, könnte die neue Technik schon eingesetzt werden. „Ich hoffe, dass wir dann einen Besuch nachholen können. Es sind sehr schöne Räume“, sagt Huth. Auch für Studierende an der Coburger Hochschule dürfte das Projekt viele Möglichkeiten bieten. „Das English Theatre wird sicher Thema vieler Semesterarbeiten werden“, ist sich Huth sicher.

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