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Björn Höcke sprach 2017 auf der Buchmesse in Frankfurt.
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Björn Höcke sprach 2017 auf der Buchmesse in Frankfurt. (Archivfoto)

Interview zur Frankfurter Buchmesse

„Quasi eine Nazimesse in der Buchmesse“

  • Katja Thorwarth
    VonKatja Thorwarth
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„Partei“-Politiker Nico Wehnemann über rechte Verlage auf der Frankfurter Buchmesse, die Haltung der Messeleitung und den Buchmessen-Boykott 2021.

Herr Wehnemann, 2017 sind Sie mit Mitgliedern der „Identitären Bewegung“ auf der Buchmesse aneinandergeraten. Was genau war passiert?

Ich habe mit Freund:innen gegen eine Veranstaltung auf der Buchmesse protestiert. Es gab eine Bühne des Antaios-Verlags, auf der auch Björn Höcke auftreten sollte. Es sollte das Buch „Mit Linken leben“ vorgestellt werden, was natürlich haufenweise rechtes Publikum auf dem Plan rief. Die „Identitäre Bewegung“ war mit mehreren hundert Personen vor Ort, und wir haben uns ihnen entgegengestellt. Eine solche Veranstaltung, egal ob auf der Buchmesse oder anderswo, darf nicht unkommentiert bleiben. Sowas muss eigentlich verhindert werden. Statt den Gegenprotest zu unterstützen, gab es Repressionen seitens der Messe. Der Messe-eigene Sicherheitsdienst brachte mich zu Boden, als ich die Situation verlassen wollte. Uns schlug Hass und Faustschläge seitens der Nazis entgegen. Geholfen hat uns niemand – sie wollten die Naziveranstaltung durchprügeln, und das haben sie geschafft.

Wie war die Situation mit rechten Verlagen seinerzeit auf der Buchmesse?

Sie konnten unbehelligt Stände, auch prominent, auf der Buchmesse aufbauen und blieben seitens der Buchmessenführung einfach unbehelligt. Sie konnten tun und lassen was sie wollten, sie haben Bühnenplätze bekommen, die natürlich der Buchmesse Geld einbringen, sie haben ihre Kameraden mit Tickets versorgen können; es gab quasi eine Nazimesse in der Buchmesse, und dem Börsenverein wars egal. Das hat sich seit unserem Protest 2017 etwas geändert.

Nico Wehnemann in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung im Jahr 2018. (Archivfoto)

Zur Person

Nico Wehnemann ist Stadtverordneter für die PARTEI im Frankfurter Stadtparlament und Fraktionsvorsitzender der FRAKTION. Aufgewachsen ist der 38-Jährige noch zu DDR-Zeiten in Ost-Berlin, seit zwölf Jahren lebt er in Frankfurt. Neben der Politik arbeitet er als Informatiker bei der globalisierungskritischen Organisation Attac.

Wie reagierten die Verantwortlichen? Es gab ja massive Kritik an der Organisation.

Sie waren überrascht. Aber nicht vom Umstand, dass rechte Verlage auf der Buchmesse waren, sondern davon, dass es dieses Mal einen öffentlichen Aufschrei gab. Mein Bild, auf dem ich am Boden liege, von einem Sicherheitsmann fixiert, ging viral und wurde in allen großen Zeitungen besprochen. Auf ein Mal gab sich die Messe überrascht und wollte reden. Es gab mehrere Gespräche zwischen mir und dem Börsenverein. Wir haben 2018 sogar eigene Bühnenslots bekommen, um auf Nazis in der Branche aufmerksam zu machen, auch sollte die Einladungspolitik geändert werden. 2018 gab es bspw. nur eine „rechte Ecke“. Ein Fortschritt, dass die Verlage nun nicht mehr prominent und verstreut auf der Messe waren, mehr aber auch nicht. Die Messe hat sich dann noch andere Feigenblätter gesucht. Die sehr wichtige Amadeus-Antonio-Stiftung bekam einen prominenten Platz, so wie einige andere auch. Aber eine Veränderung im Denken der Messeführung gab es halt nicht.

Mit dem Verlag „Jungeuropa“ ist wieder die extreme Rechte präsent. Hat die Buchmesse nicht dazugelernt?

Nein. Der öffentliche Druck, den es 2017 noch gegeben hatte, gab es seit zwei Jahren nicht mehr. 2018 hatte ich mit Martin Sonneborn (als Stauffenberg) noch eine Begehung der Messe gemacht und das Thema damit wieder auf die Tagesordnung bringen können. 2019 war es schon weniger. Man hat sich dran gewöhnt. Seitdem hat sich der Börsenverein nicht weiter damit beschäftigt, sie haben sich bei mir nicht mehr gemeldet, um weitere Konzepte zu besprechen. Es ist erschreckend, dass einfach nichts passiert ist. Es muss doch möglich sein, dass man mal einfache Google-Recherchen anstellt, wenn ein Verlag einen Stand haben möchte. Es ist sogar mir peinlich, dass die Messe sowas nicht hinbekommt.

Hunderte demonstrierten 2017 gegen den Auftritt von Björn Höcke und den „Identitären“. (Archivfoto)

Der Standort ist prominent neben der ZDF-Bühne ...

Die Nazis reiben sich die Hände und die Messe schreit „Meinungsfreiheit“. Es geht kaum verlogener. Ich bin erschrocken, wie dumm die Messe (wieder) agiert. Wie gesagt, einfache Internetrecherchen hätten das verhindern können. Ich muss davon ausgehen, dass die Messe einfach nichts an ihrer Politik ändern wollte und alles nur leere Versprechungen waren.

Zur Buchmesse

Die Frankfurter Buchmesse ist eine internationale Buchmesse, die jedes Jahr im Oktober auf dem Gelände der Frankfurter Messe stattfindet. Im Rahmen der Messe werden der Deutsche Buchpreis, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und viele weitere Auszeichnungen verliehen. Für jeden, der 2021 die Messe besuchen will, gilt die 3G-Regel.

Manche Autorinnen boykottieren die Buchmesse. Sie werfen den Verantwortlichen vor, schwarze Frauen nicht zu schützen. Wie ist Ihre Position?

Die Buchmesse sagt von sich, wenn Kritik kommt, sie sei nicht politisch, sie sei neutral. Wenn es aber darum geht, sich öffentlichkeitswirksam an die Seite von Autor:innen zu stellen, die bspw. in Haft sind, ist sie gern politisch. Das Problem an dieser Messe ist doch, dass die Verantwortlichen es nicht ernst meinen. Wer nicht „groß“ genug ist und eine Lobby hinter sich weiß, dem oder der ist die Messe egal. Es geht halt um Geld und Prestige und nicht darum, das Richtige zu tun. Alles, was die Messeleitung sagt, sind Lippenbekenntnisse, denen keine Taten folgen. Aber es gibt immer tolle Jute-Beutel mit super Slogans zur Meinungsfreiheit drauf. Danke dafür.

Aber ist das Argument der Meinungsfreiheit nicht gerechtfertigt?

Damit argumentieren sie jedes Jahr und die Nazis auch. Erinnern Sie sich noch an Daniel-Pascal Zorn? Er hat mit seinem Buch „Mit Rechten reden“ die Rechten ja erst wieder salonfähig gemacht. Natürlich ist es quatsch, mit denen zu reden. Da hilft nicht reden, da helfen nur Taten. Meinungsfreiheit heißt zwar, dass absolut jeder seinen/ihren Müll verbreiten darf, aber als Frankfurter Buchmesse, die sich für Menschenrechte (manchmal) einsetzt, kann man auch sagen: „Das, was Verlag xy tut, steht unseren Werten entgegen.“ Dafür müsste der Börsenverein oder die Buchmesse halt Werte haben. Und genau da ist das Problem, welches sich seit Jahren einfach nicht ändert. Eigentlich müsste man diese ganze Organisation dicht machen und mit coolen Menschen neu hochziehen. Mit Menschen, denen Werte nicht egal sind.

Boykottieren sie auch die Buchmesse?

Zum Teil ja. Einige meiner Freund:innen haben schon abgesagt und wollen die Messe aus Protest nicht besuchen. Ich bin sonst immer die ganze Woche vor Ort und beschränke mich nun auf einen halben Tag. Ich gucke mir das an und werde dann im Kulturausschuss dazu sprechen, die Buchmessenleitung vorladen und weiter versuchen, auch die Stadt in die Verantwortung zu nehmen. Immerhin heißt die Messe „Frankfurter Buchmesse“, und da muss die Stadt auch ihren Einfluss ausbauen. Es darf so nicht weitergehen. Wir führen jedes Jahr die gleichen Diskussionen. Es muss Konsequenzen geben. Bis es diese gibt, danke ich allen mutigen Menschen, die es noch nicht aufgegeben haben und diese Messe, so wie sie ist, weiter kritisieren. Das will auch ich tun. (Interview: Katja Thorwarth)

Die Frankfurter Buchmesse 2021 ist offiziell eröffnet. Bei der Feier sprach Mary M. Simon, die Generalgouverneurin Kanadas, über ihre Inuit-Herkunft.

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