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Frankfurt: Buchbranche schlägt Alarm

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Von: George Grodensky

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Karin Schmidt-Friderichs vom Börsenverein, Autor Mohsin Hamid und Direktor Juergen Boos (v. l.).
Karin Schmidt-Friderichs vom Börsenverein, Autor Mohsin Hamid und Direktor Juergen Boos (v. l.). © Renate Hoyer

Sorgen um die Zukunft begleiten den Start der Frankfurter Buchmesse am Dienstag. Der Börsenvereins des Deutschen Buchhandels fordert mehr Unterstützung aus der Politik.

Die Buchmesse ist wieder da. In echt, nicht virtuell. Welche Bedeutung das für die Stadt hat, unterstreicht die dramatische Musik, die zur Pressekonferenz am Dienstag erklingt. Tam-tam-daaa. 4000 Ausstellende aus 95 Ländern sind da, sagt Buchmesse-Direktor Juergen Boos. Mehr als 2000 Events beleben von 19. bis 23. Oktober die Stadt. Das spanische Königspaar kommt zu Besuch, der Bundespräsident, der Landesvater, zig spannende Autorinnen und Autoren.

Die Welt schaut nach Frankfurt, das sagt er zwar nicht, meint es aber. „Die persönliche Begegnung ist gerade jetzt so wichtig wie nie“, sagt Boos. Präsenz helfe gegen Polarisierung. Man spreche anders miteinander, wenn man sich gegenüberstehe. Warum die Messe nicht vor rechten Verlagen warne, möchte ein Frau wissen. Weil die Welt gerade mit gewichtigeren Probleme zu kämpfen habe, findet Boos. Rechte Verlage seien lediglich im Promillebereich auf der Messe zu finden.

„Die Buchmesse ist ein bedeutendes Kulturereignis für die Völkerverständigung“, sagt Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. In einer Welt, in der zwischen politischen, kulturellen und ideologischen Haltungen immer tiefere Gräben entstünden, schaffe die Messe Raum für friedlichen, demokratischen Austausch. Sie wolle den Anwesenden und sich selbst ja nicht die gute Laune verderben, sagt Schmidt-Friderichs dann noch. Tut es aber trotzdem. Mit gutem Grund: Die Lage ist dramatisch. Nicht nur in Afghanistan, in der Ukraine, im Iran oder in Sachen Klima. Auch im Buchhandel.

Energiekosten, Ressourcenengpässe, wenig Frequenz in den Innenstädten und die generelle Zurückhaltung der Kundschaft setzten Verlage, Buchhandlungen und die Branchenlogistik erheblich unter Druck. Buchhandlungen rechneten mit einem Anstieg der Energiekosten von bis zu 300 Prozent. Verlage plagen sich mit zu hohen Kosten. In einer Branche, in der die Margen eh schon gering sind.

Hilfe der Politik gefordert

Jetzt sei die Politik gefragt, fordert Schmidt-Friderichs. Nur wenn die Branche wirtschaftlich stabil sei, könne sie weiter zur inneren Stabilität der Gesellschaft beitragen. Die Politik müsse die im Koalitionsvertrag vereinbarte Verlagsförderung auf den Weg bringen, den Buchhandel bei Kulturveranstaltungen und Leseförderung stützen, die von den EU eröffneten Mehrwertsteuerreduzierungen ausschöpfen und Entlastungspakete und Unternehmenshilfen so schnüren, dass Verlage und Buchhandlungen darauf zugreifen können.

Die gute Laune zurück holt der Gastredner, der Schriftsteller Mohsin Hamid. Nicht nur lobt er den Beitrag von Übersetzerinnen und Übersetzern zur Völkerverständigung. „Mindestens die Hälfte der Bücher, die mir in meinem Leben etwas bedeutet haben, wurden in Sprachen geschrieben, die ich selbst nicht lesen kann.“

Dann erklärt er fesselnd, warum Lesen so einmalig ist. „Es ist ein Akt der Kooperation.“ Ein Autor, eine Autorin schreiben nur das halbe Buch. Die andere Hälfte steuern die Lesenden bei, lassen Charaktere und Setting in ihren Köpfen lebendig werden. Das sind Prozesse, die Kinder täglich erleben, gemeinsam Welten zu erdenken und darin zu spielen. Erwachsene haben das aus ihrem Leben verbannt. Außer: Sie lesen ein Buch.

Was er davon halte, mehr Technik in den Leseprozess zu integrieren, fragt einer, also virtuelle Erweiterungen von Büchern anzubieten, 3-D-Erlebnisse beim Lesen. Diese Technik, sagt Hamid darauf und hebt ein Buch in die Höhe, hat den großen Vorteil, dass man nirgendwo zu klicken brauche. Mehr Technologie einzusetzen, sei der Versuch, neue Geschäftsfelder zu eröffnen. Aber Technik lenke ab, überflute die Menschen mit Reizen, erschrecke sie auch, denn ein Mensch sei auch nur ein Tier und reagiere am stärksten auf Bedrohung.

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