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Die vielgeliebte Pieta des Bildhauers Caspar Weis von 1913 aus dem Frankfurter Dom wird grade restauriert. Bild: Monika Müller
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Die vielgeliebte Pieta des Bildhauers Caspar Weis von 1913 aus dem Frankfurter Dom wird grade restauriert. Bild: Monika Müller

Frankfurter Dom

Frankfurt: Briefe an die Madonna

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
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Verehrt und beschädigt: Im Frankfurter Dom kümmern sich drei Restauratorinnen um die Folgen, die übergroße Verehrung für eine prominente Holzfigur aus dem Jahr 1913 hatte.

Im Frankfurter Dom trauert seit mehr als 100 Jahren eine Mutter um ihren Sohn, es ist eine riesige, rund 160 Kilogramm schwere Skulptur aus Holz, eine Marienfigur mit dem toten Christus auf dem Schoß, eine sogenannte Pieta. Das einzige Andachtsbild in dem hohen Kirchenraum, 1913 als Auftragsarbeit des Bildhauers Caspar Weis und seiner Werkstatt entstanden, wird, seit es im Juni 1914 aufgestellt wurde, viel geliebt und hoch verehrt, und das hat zahlreiche Spuren hinterlassen. Es ist eben nicht nur ein Kunstwerk, sondern ein Kultobjekt.

Die Gläubigen berühren die Figur, streicheln die Füße des toten Christus, brechen als Talisman Zacken aus der Dornenkrone, stellen Blumen und Kerzen vor dem Bildwerk auf. Und sie schieben Zettelchen mit Gebetsanliegen in die Gewandfalten und Ritzen der Figur.

„Wir haben auch einige Passbilder gefunden, als wir sie jetzt für die Restaurierung ins Dommuseum gebracht haben“, sagt Bettina Schmitt, die Museumsleiterin. Vor einigen Wochen waren vier starke Männer nötig, um die Pieta von der Kirche in den benachbarten Domkreuzgang zu tragen, wo sie aktuell restauriert wird.

Dort kümmern sich die Restauratorinnen Moya Schönberg aus Frankfurt und Anke Becker aus Worms zusammen mit Praktikantin Friederike, Schönbergs Tochter, um die überlebensgroße Statue. Feuchtigkeit und Ruß, Feinstaub und Temperaturschwankungen haben der empfindlichen Farbfassung zugesetzt, eine Kerze versengte eine der Gewandfalten, Wachsflecken beschädigten die Oberfläche. Immerhin überstand das Werk schon die Bombenangriffe auf den Dom.

Die Schäden waren doch größer als ursprünglich gedacht, wie Restauratorin Schönberg berichtet. Nun fehlt die Figur ausgerechnet in der Osterzeit, wenn an die Passion Jesu erinnert wird. Voraussichtlich bis Mai soll die Pieta gereinigt, die Fassung gefestigt und mit einem Schutzfilm überzogen sein; so sieht es der Zeitplan vor.

Wo die Restauratorinnen den festgeklebten Staub bereits in Millimeterschritten entfernt haben, leuchten die Farben intensiver, man erkennt wieder die Sorgfalt, mit der Caspar Weis arbeitete. „Wenn man sich zum Beispiel die Gewandfalten genau anschaut, sieht man, wie sehr er sich um die Darstellung des Stoffes und die Art, wie er fällt, bemüht hat“, sagt Schönberg.

Zwar schuf der Bildhauer die Dom-Pieta in seiner großen Werkstatt in Niederlahnstein bei Koblenz, er hatte jedoch enge Verbindungen nach Frankfurt. Bis 1903 befand sich sein Atelier im Stadtteil Sachsenhausen, von hier aus hat er zahlreiche Kirchen mit Kunst ausgestattet. Erhalten ist davon nicht sehr viel. Bis vor wenigen Jahren galt die kirchliche Kunst der Neugotik, die so tut, als sei sie viel älter, als so minderwertig, dass sie bei Kirchenrenovierungen entfernt wurde. Manche Madonna landete also buchstäblich auf dem Müll. Man darf vermuten, dass nur die Verehrung der Gläubigen der Pieta im Dom ein ähnliches Schicksal erspart hat. Fachleute nämlich übersehen das Werk trotz seiner Größe gerne; es stammt eben nicht aus dem Mittelalter, wie das meiste andere Inventar des Doms (das allerdings auch erst im 19. Jahrhundert aus ganz Deutschland zusammengekauft wurde).

Man könnte das Werk, für das Weis die recht hohe Summe von 3000 Reichsmark in Rechnung stellte, als eines der letzten des 19. Jahrhunderts ansehen, einer mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende gehenden, langen Epoche. Im Entstehungsjahr 1913 tat sich einiges in der Kunst in Deutschland: In Berlin und Köln zeigte Picasso seine ersten Einzelausstellungen, in München malte Franz Marc den „Turm der blauen Pferde“, und in Frankfurt stellte der Bildhauer Georg Kolbe sein poetisches Heinrich-Heine-Denkmal in den Wallanlagen auf, das zwei nackte Tanzende zeigt.

Im Vergleich zu dieser Kunst der Avantgarde wirkt Weis’ gleichzeitig entstandene Pieta heute merkwürdig aus der Zeit gefallen. Und auch in Frankfurt änderte sich damals der Geschmack. Kolbe erhielt für sein Heine-Denkmal 20 000 Reichsmark.

Vielleicht lenkt die aktuelle Restaurierung nun doch nach mehr als 100 Jahren wieder den Blick auf das Kunstwerk Pieta. Eigentlich hatte das Dommuseum die Restaurierung im Kreuzgang auch den Besucherinnen und Besuchern zeigen wollen, die strengen Auflagen wegen der steigenden Corona-Zahlen haben diese Pläne torpediert. Es ist mindestens schon die dritte Restaurierung nach den 1950er und den 1990er Jahren, wie die Restauratorin festgestellt hat. Möglich macht dies eine Stiftung zur Erinnerung an die 2018 verstorbene Kunsthistorikerin Elsbeth de Werth, die den Dom und seine wertvolle Ausstattung wissenschaftlich untersuchte.

Im Mai soll die Pieta in den Dom zurückkehren – geht es nach den Restauratorinnen, dann etwas besser vor allzu zudringlichen Gläubigen geschützt. Andererseits ist sie aber ein verehrtes Bild, das Trost spendet, nicht nur zur Messe, sondern im Alltag. Und dazu gehört vielleicht doch auch die ehrfurchtsvolle Berührung. Erlebt hat die Figur seit 1914 viel. „Es stimmt nachdenklich“, sagt Schmitt, „dass nur vier Wochen, nachdem sie im Dom aufgestellt wurde, der Erste Weltkrieg ausbrach und dann so viele Mütter um ihre Söhne trauerten.“

Moya Schönberg, Dipl. Restauratorin und Leiterin der Restaurierung, mit den Plänen, die die Schäden an der Figurengruppe zeigen. Bild: Monika Müller

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