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Elsbeth Muche (85) weiß selbst nicht, woher sie all die Energie für ihren Einsatz nimmt. Rolf Oeser

Bornheim

Elsbeth Muche - Sozialpflegerin seit 50 Jahren

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Elsbeth Muche engagiert sich seit 50 Jahren als Sozialpflegerin. Aufhören will die 85-Jährige noch nicht.

Nein, das Schreiben an die VGF hätte Elsbeth Muche nicht gerne in ihrem Briefkasten gefunden, sagt sie. Zu heftig wird darin geschimpft, dass der Aufzug zur U-Bahn-Station Seckbacher Landstraße monatelang defekt war. Zu sehr gewettert, dass viele Menschen mit Gehbehinderung oder Eltern mit Kinderwagen in dieser Zeit bis zur Haltestelle Bornheim Mitte fahren mussten, wo der Lift funktioniert. Muche kennt den Inhalt gut. Sie hat den Brief selbst geschrieben. „Ich bin jemand, der sich immer wehrt“, sagt sie. „Ich bin diskussionsfreudig.“

Kaum eine Sitzung des Ortsbeirats 4 vergeht, ohne dass Muche aufsteht und sich mit lauter Stimme zu Wort meldet. Oft sind es Missstände, auf die sie hinweist. Etwa wenn Radfahrer auf dem Bürgersteig fahren und Kinder und ältere Menschen gefährden. Jüngst sei sie von einer Dame angesprochen worden, woher sie ihre Energie nimmt. Elsbeth Muche hat keine Erklärung. „Das ist halt so“, sagt sie schlicht.

Von ihrem Engagement profitieren viele Menschen, schon lange. In diesem Jahr jährt es sich zum 50. Mal, dass sie in der Sozialarbeit tätig ist. 1969 wird sie Sozialpflegerin in Bornheim, acht Jahre später Sozialbezirksvorsteherin – bis heute. Im Anstaltsbeirat des Männergefängnisses im Preungesheim ist sie seit drei Jahrzehnten aktiv. Seit 1992 leitet sie das Gremium, in dem Bürger ehrenamtlich Sprechstunden für Gefangene anbieten. Mit 85 Jahren. Für ihre Ehrenämter hat sie unter anderem das Bundesverdienstkreuz, den Ehrenbrief des Landes und die Römerplakette in Bronze, in Silber und in Gold erhalten.

Schon ihre Mutter war bis ins Alter von über 80 Jahren aktiv gewesen, davon lange Zeit in der Kommunalpolitik in Hamburg. Das hat geprägt. „Verantwortung zu übernehmen, habe ich Zuhause gelernt.“ Elsbeth Muche ist in der Hansestadt großgeworden. Noch heute ist ihr das Norddeutsche anzuhören. „Darauf bin ich stolz.“ Sie wächst in einem liberalen Haushalt auf. Prügel gab es bei ihr nicht. „Bei uns durfte geredet und diskutiert werden.“ Mit 19 Jahren tritt sie in die SPD ein – und folgt damit der Familientradition: Ihr Urgroßvater war schon 1863 Mitglied.

Sozialpflegerin Elsbeth Muche: Der Vater musste unter den Nazis seinen Posten räumen

Beruflich will sie ihrer Mutter folgen, die eine Kinder- und Jugendeinrichtung leitete. „Um die eigenen Ideen im Umgang mit Kindern zu verwirklichen.“ Sie macht eine Ausbildung zur Erzieherin. Als ihr klar wird, dass es lange dauert, selbst eine Einrichtung zu leiten, entscheidet sie sich und will stattdessen Kriminalbeamtin werden. Schließlich hatte ihr Vater als Richter gearbeitet – bis zur Machtergreifung der Nazis. Da verliert ihr Vater mit jüdischen Wurzeln seinen Posten. 1936 kommt er ins Gefängnis, wegen Hochverrats. „Er hatte versucht, anderen Juden zur Flucht zu verhelfen.“ Nach einem Jahr ist er wieder auf freiem Fuß. Später muss er als Zwangsarbeiter Trümmer aufräumen. Andere Mitglieder von Muches jüdischer Familie werden deportiert oder ermordet. Auf ihr Engagement hin werden für sie in Hamburg Stolpersteine gesetzt.

Ihren Ehemann Fred Muche lernt sie in der sozialistischen Jugend Die Falken kennen. 1966 ziehen sie nach Frankfurt, zusammen haben sie drei Söhne. In ihrem Beruf kann Elsbeth Muche am Main nicht weiterarbeiten. Bei der Kripo hätte sie um 7.15 Uhr anfangen müssen, „die Kita aber öffnete erst um 8 Uhr“, sagt sie: „Wie hätte das funktionieren sollen?“

Um ihrem Job wenigstens etwas treu zu bleiben, fängt sie bei C&A als Hausdetektivin an. „Ich habe die Mädchen gemeldet, die geklaut haben.“ Erst als ihr zweiter Sohn zur Welt kommt, hört sie auf zu arbeiten. Dafür beginnt sie ihre Arbeit als Sozialpflegerin, acht Jahre später übernimmt sie das Team als Sozialbezirksvorsteherin in Bornheim. Zur Kommunalwahl 2021 will sie das Amt abgeben.

Als sie in den 80er Jahren gefragt wird, ob sie Interesse daran habe, im Anstaltsbeirat im Gefängnis zu arbeiten, meldet sich Muche sofort. „Da konnte ich wieder an meine alte Arbeit als Kriminalbeamtin anknüpfen.“ In Sprechstunden sitzt sie männlichen Gefangenen gegenüber. Die meisten seien höflich, „die würden mir nichts tun“. Vergreife sich dennoch einmal einer im Ton, frage sie, „wollen Sie so mit mir reden?“ – und das Problem ist behoben.

Manche Insassen wollen nur den Beirat kennenlernen. Andere haben ein konkretes Anliegen. Etwa den Wunsch nach mehr Schweinefleisch. Muche konnte helfen. Mit dem Chefkoch habe sie ausgehandelt, dass es mindestens zweimal im Monat auf dem Speiseplan steht. „Einmal gibt’s Schnitzel, einmal Schinkennudeln.“ Noch fünf Jahre lang will sie das Ehrenamt ausüben.

Über ihr Engagement sagt Muche von sich selbst, „ich bin kein Maßstab“. Dass sie 85 Jahre alt ist, gerät dabei leicht in Vergessenheit. Erst vor kurzem habe ihr eine Klientin gesagt, „werden Sie erst einmal so alt wie ich“, erzählt Muche und lacht. Die Frau war neun Jahre jünger als sie.

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