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Frankfurter Bahnhofsviertel: „Karlsson vom Dach“ ließ sich Bordellbesuche von Teenager finanzieren

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Von: Stefan Behr

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Bahnhofsviertel in Frankfurt
Eine Szene aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel. © Boris Roessler/dpa

Ein Erwachsener lässt sich von einem Teenager Expeditionen ins Frankfurter Reich der Sünde finanzieren und landet vor dem Amtsgericht.

Frankfurt – Die Anklage, die am Mittwochmorgen am Amtsgericht Frankfurt verlesen wird, klingt wie eine Porno-Version von „Karlsson vom Dach“. Und der wegen Erpressung angeklagte Christian A. sieht aus wie die perfekte Titelfigur: ein schöner und grundgescheiter und gerade richtig halbseidener Mann in seinen besten Jahren (27).

Die Geschichte beginnt in einer ganz normalen Familie: Bei Bad Vilbel wohnt eine von ihrem Ehemann getrennt lebende Frau mit ihrem Sohn und glaubt, dass der 15-Jährige ihr „langsam entgleitet“. In Wirklichkeit ist der Mutter ihr Filius Lillebror (Name geändert) längst entglitten. Tagsüber schwänzt der Lümmel die Schule, nächtens ist er mit einem unguten Geist auf Tour, den er sich im Internet eingefangen hat: Christian A. Vor Gericht schweigt der gelernte Koch, aber seine Lebensmaxime teilt er gewisslich mit dem Original-Karlsson: „Knallen muss es tüchtig und lustig will ich’s haben, sonst mach’ ich nicht mit.“

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Laut Anklage findet es der Junge „cool“, mit einem scheinbar Erwachsenen und dessen gepimptem E-Mercedes durch die Nacht zu fahren, um sämtliche Bordelle, Swinger-Clubs, Casinos und Shisha-Bars der Region zu erkunden. So etwas gibt es nicht für lau. Außer für Christian A.: Der lässt sich von Lillebror nicht nur sämtliche Besuche bezahlen, er berechnet für seine Chauffeurdienste auch eine Kilometerpauschale von zwei Euro.

Da kommt ganz schön was zusammen. Erst finanziert Lillebror die Eskapaden, indem er ein paar Tausender aus der Haushaltskasse stibitzt. Später lässt er Christian A. in Muttis Privatbesitz herumräubern, während die ihrer Arbeit als Chefsekretärin nachgeht und außer Haus ist.

Doch irgendwann versiegt die Quelle, und Christian A. wendet sich direkt an die Erzeugerin. Er sucht die Mutter heim und gibt sich als guter Freund ihres Sohnes zu erkennen. Gemeinsam habe man mit Hurerei und Glücksspiel, aber auch durch fragwürdigen Freizeitspaß, Schulden von mehr als 40.000 Euro bei humorlosen Leuten gemacht. Dieses Geld solle sie nun besser an ihn zahlen, ansonsten könne es passieren, dass ihr böse Menschen Backsteine durch die Fenster schmissen, das Reihenhaus abfackelten oder ihr „einen Finger nach dem anderen abschneiden“.

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Zudem würde er Filme ins Internet stellen, die Lillebror etwa im Whirpool mit Mietnixen zeigten und in denen er Prüfungen meistere, die nicht zum Erwerb des Seepferdchens berechtigten. All dies wird selbst in Bad Vilbel als unangenehm empfunden, und die völlig verängstige Mutter übergibt dem fragwürdigen Freund eine Anzahlung von 9000 Euro in bar, ehe sie doch die Polizei einschaltet.

Nun mag man getrost Christian A.s Methoden infrage stellen und seine moralische Integrität bezweifeln – eine Skepsis, mit der auch Karlsson stets leben musste. Aber A. hat auch seine lichten Seiten. So hat er etwa der Mutter bei seinem Erpressungsversuch eine der vielen Handtaschen wiedergebracht, die er zuvor aus deren Haus gemopst hatte. Im Gegensatz zu den anderen handele es sich bei dieser um eine Fälschung, und sein Gewissen gestatte es nicht, sie zu behalten.

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Erreicht aber hat Christian A. dies: Lillebror ist erwachsener und selbstständiger geworden. Und seine Mutter hat ihm – inspiriert von einem kurzen Blick auf das Pool-Video – ordentlich den Kopf gewaschen und wieder geradegerückt. Seitdem hat sich das Mutter-Sohn-Verhältnis enorm verbessert, und Lillebror schwänzt nun den Puff und besucht die Schule. Das Geld und das Diebesgut sind zwar perdu, aber Familienglück ist ein Gut, das keinen Preis kennt.

Der einzige Wermutstropfen an der sonst doch recht erbaulichen Geschichte: Sie hat keine Moral. Zumindest noch nicht. Entgegen der Planung wird ein zweiter Verhandlungstag nötig, und bis dahin bleibt das Ende offen. Aber, wie Karlsson vom Dach sagen würde: Das stört keinen großen Geist. (Stefan Behr)

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