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Ob Marktstand, Bäcker oder Kiosk – der Kassenzettel gehört nun immer dazu.

Kassenzettel

Kassenbonpflicht: Ein Mülleimer für Kassenzettel

Die Kassenbonpflicht gilt seit 1. Januar: In Frankfurter Geschäften und Trinkhallen häufen sich seitdem Unmut und Kassenzettel-Müll.

Wortlos legt die Verkäuferin im Bockenheimer Kiosk „Wilmas Winkel“ einer Kundin den Beleg für zwei Packungen Zigaretten hin. Und entsorgt diesen keine zwanzig Sekunden später, noch während die Kundin das Geschäft verlässt. „Ich denke es ist mehr Müll. Uns kostet das alles nur Zeit und Geld. Von zehn Leuten ist nicht einer dabei, der den Bon mitnimmt. Aber wer ihn will, kann ihn haben.“

Nur ein paar Geschäfte weiter kämpft die Kassiererin einer Bäckerei mit ihren Bons. Sie greift das Ende der Schlange aus kurzen, aneinanderhängenden Kassenbelegen und kann dessen Länge mit einer Hand kaum bändigen.

Kassenbonpflicht seit 1. Januar für Einzelhandelsgeschäfte

Szenen wir diese gehören seit Einführung der Bon-Pflicht am 1. Januar für Einzelhandelsgeschäfte zum neuen Alltag. Die Regelung, die unter anderem Steuerbetrug verhindern soll, sorgt in Frankfuter Geschäften vor allem für Unmut.

Auch Akbulut Izzat kann dem nicht viel abgewinnen. In seiner Trinkhalle Kölner Eck im Gallusviertel sitzt er auf einem Barstuhl und wartet auf Kundschaft. Bei seinen Stammkunden kämen die Kassenbelege gar nicht gut an. „Die meisten Leute gucken mich an und fragen, was das soll. Ich erkläre dann, dass das Gesetz ist, aber die meisten schmeißen es sowieso direkt weg.“

Für jedes Bier, jeden Kaffee müsse er jetzt den Knopf an der Kasse drücken. Manchmal lohne sich das nicht. „Ein Haribo kostet zehn Cent, da ist das Papier zum Drucken teurer“, sagt er lachend. Unter der Kasse kramt er eine angebrochene Packung Kassenrollen heraus. Ein Karton koste 35 Euro, das sei sehr teuer, findet Izzat. Er habe nun einfach mehr Müll und mehr Papierkosten. „Wenn das Papier umsonst wäre, wär es kein Problem“, schlägt er schmunzelnd vor.

Soll Steuerhinterziehung vereiteln: der Kassenbon.

Der hohe Papierverbrauch ist auch Özcan Özdemir aufgefallen. Ein paar Straßen weiter steht er in einer dicken schwarzen Winterjacke in der „Trinkhalle am Turm“, einer von zwei Kiosken in der Galluswarte. Hinter ihm surren leise die prall mit Bier und Limo gefüllten Kühlschränke. Sonst habe sich aber nicht viel verändert. „Manche wollen den Zettel, manche nicht.“ Die Beschwerden anderer Kioskverkäufer teile er nicht. „So ein großes Ding ist es nicht.“

Kassenbonpflicht versus Müllvermeidung

Für andere Geschäfte hingegen steht der Zwang zum Bon geradezu im Kontrast zum Geschäftsmodell. Etwa in der Bornheimer „Auffüllerei“, Frankfurts drittem Unverpacktladen. Die Bonpflicht passe so gar nicht zum Geschäftssinn findet Gründerin Christina Geier – schließlich stehe die Auffüllerei für Müllvermeidung.

Deswegen habe sie Einspruch beim zuständigen Finanzamt erhoben. Bisher warte sie allerdings noch auf die Antwort, ob ihrem Einspruch stattgegeben wird.

Geier erzählt, dass viele Kundinnen und Kunden sie auf die neue Bonpflicht ansprechen. Bislang seien ihr aber noch die Hände gebunden und so wandere auch im Unverpacktladen bei jedem Einkauf ein Beleg mit über die Ladentheke.

Auch bei Geiers eigenen Einkäufen begegnet ihr das unliebsame Papier. Beim Bäcker habe sie sogar schon einen eigens für die Kunden gedachten „Bon-Mülleimer“ gesehen.

Immerhin sei Bon nicht gleich Bon, räumt Geier ein. Eine umweltschonendere Variante zu dem herkömmlichen Thermopapier seien kleine blaue Zettelchen, auf denen im Unverpacktladen demnächst gedruckt werden soll. Allerdings würden auch diese mehr Abfall und Kosten verursachen. Ein kleiner dreistelliger Betrag an monatlichen Mehrkosten komme mit der Bonpflicht schon zustande, so Geier.

Digitale Belege als Alternative zur Kassenbonpflicht

Ein Ehepaar bringt seine alten Gläser in den Laden. Beim Abwiegen der wiederbefüllbaren Behälter erzählt der 70-jährige Rentner, dass er die Bonpflicht grundsätzlich ganz in Ordnung finde, um gegen Steuerhinterziehung vorzugehen. Allerdings schreie es nach Alternativen, das schädliche Thermopapier einzusparen.

Anderen Kunden und Kundinnen reicht das nicht. Für Suse Dittmar spiegelt die Bonpflicht eine Doppelmoral wider. „Einzelbetriebe belastet man so krass, wobei das große Geld ganz woanders verschwindet“, beschwert sich die Studentin energisch.

„Ich mache mich schon mit anderen am Kiosk darüber lustig, weil ich jetzt für eine Packung Kaugummi, die 90 Cent kostet, einen Bon bekomme.“ Diesen nehme sie dann aber trotzdem mit, weil es ihr leid tue. Alternativen zum Bondruck, etwa digital versendete Rechnungen oder Apps, lehnt sie zum Schutz ihrer Privatsphäre ab.

Hier lesen Sie im Gastbeitrag, warum die Kassenbonpflicht sinnvoll ist

Ohnehin ist das Angebot für digitale Belege bei kleineren Geschäften noch dünn. Manche Verbraucherinnen und Verbraucher würden es aber trotz ihrer Bedenken wegen des Datenschutzes gerne auf digitalem Wege versuchen.

„Für solche Fälle habe ich sowieso eine zweite E-Mail-Adresse“, erzählt eine Kundin des Obst- und Gemüsestands in der B-Ebene der Konstablerwache. Der Stand wird seit zehn Jahren von Ali Salter geführt. Er gehört zu jenen Verkäufern, für die sich mit der Bonpflicht nicht viel geändert hat. Aber auch er sehe jeden Tag dabei zu, wie viele seiner Kunden und Kundinnen den Beleg sofort wegwerfen, sagt Salter.

Von Nora Kraft, Paula Denker und Valérie Eiseler

Frankreich will den Kassenzettel für kleine Beträge wieder abschaffen. Das Parlament verabschiedete im Senat ein Gesetz gegen Verschwendung – und gegen die Bonpflicht.

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