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Vitaler Friedhof. Holzstapel für Kleintiere, Blüten für Insekten – und für die Menschenseele. Reviergärtner Jörg Keutz kümmert sich drum.

Hauptfriedhof

Frankfurt: Hauptfriedhof wird zum Sehnsuchtsort

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Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ist einer allerschönsten Orte der Stadt entstanden – besonders für eine ganz bestimmte Tierart.

Auf der Bank am Bücherschrank hat jemand ein Sitzkissen vergessen. Kein Wunder. Man kann sich selbst vergessen an diesem Ort.

Der Hauptfriedhof, paradox, er ist schon immer ein Ziel, das die Leute sogar recht gern ansteuern. Nicht, wenn er das letzte Ziel ist. Nicht, wenn ein dunkler Anlass vorliegt. Aber wenn die Sonne scheint, wenn es für Vögel und Eichhörnchen kein Halten mehr gibt: Dann zieht er seine Bewunderer magisch an. Seit einiger Zeit enthält er einen besonderen Zauber, der Hauptfriedhof – ein Hauptquartier für die Natur, ein Biotop für Tier und Pflanze. Und der Mensch, wenn er dort ist, sitzt ganz still. Ganz verzaubert.

Anfang März, als der Bücherschrank auf dem Gelände in Betrieb ging, der 72. auf Frankfurter Boden, da staunten die Eröffnungsgäste schon, was da recht unbemerkt in der nordöstlichen Ecke des Friedhofs entstanden war. Ein Garten, ein kleiner Park. Da ließ sich schon ahnen, was einmal zu sehen sein könnte, wenn die Temperaturen steigen. Jetzt ist es beinahe perfekt.

Heilsame Kräuter braucht der Mensch. Hier wachsen viele.

Das Warten hat sich gelohnt. Blumen blühen, Bienen tanzen, und dann die Vögel.

Und die Eichhörnchen! Elisabeth Frank kam ursprünglich ihretwegen. Nein, eigentlich wegen ihrer Angehörigen, die hier sind, die hier ruhen. Aber dann auch immer mehr: wegen der Eichhörnchen. „Wenn sie mein Fahrrad sehen, kommen sie schon“, sagt die 73-Jährige. Dann entdeckte sie diesen Ort, lange bevor der Bücherschrank kam und mit ihm die Aufmerksamkeit.

Ein Rotkehlchen landet im Baum auf halber Strecke des Sicherheitsabstands und plappert den Menschen frech dazwischen. Sehr willkommen natürlich. Sie sei Risikopatientin, sagt Elisabeth Frank. Lange Geschichte. Und sie komme regelmäßig aus Seckbach mit dem Rad. Schildmütze mit dem Eintracht-Adler auf dem Kopf. Die Frau ist praktisch Inventar an diesem Ort, kein Zweifel. „Es ist so schön gepflegt hier. Ich find’ das ideal.“

Drüben am Schmetterlingsfeld sitzt eine weitere Besucherin, eine, die nicht spricht, sondern nur lächelt. Eine genießende Besucherin. Die Schmetterlinge sind noch nicht da; es gibt gerade nicht sehr viele Blüten. Manche sind schon vertrocknet, die meisten fehlen noch. Ein Versprechen auf den Sommer. Die Fototafel kündigt schon an. welche Stars aus der Schmetterlingswelt dann erwartet werden.

Aber der Regen. Wo bleibt er? „Ich habe im April noch nie so viel gegossen“, sagt Jörg Keutz, Vorarbeiter beim Grünflächenamt, einer der netten Gärtner hier, wie Elisabeth Frank lobt. Keutz gehört zu dem Team, das dieses Paradies gründete. Es ist ein Paradies für die Bienen, das ganz zuerst. Die Kollegin Beate Steckenreiter kenne sich mit den Bienen aus, sagt Keutz – sie habe alles geplant.

Und zwar ganz speziell auf die Bedürfnisse der Honigsumsen zugeschnitten. Ein großes Bienenhotel neben dem Schmetterlingsfeld verwöhnt mit verschiedenen Röhren. „Wildbienen-Nisthilfe“ steht dran. Es ist ein Kommen und Gehen. Aber der Clou: „Wir haben für jede Wildbienenart die passenden Pflanzen“, sagt Keutz. Der herkömmliche Gartencenterkunde denkt an Lavendel und Rittersporn. Auch nicht schlecht, aber das Team vom Friedhofsbiotop hat: Zaunrüben für die Zaunrüben-Sandbiene. Natternkopf für die Natternkopf-Sandbiene. Und so weiter.

Leibgerichte für Bienen

Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Leibgericht, und Ihr Stammlokal hat einen Tisch nur für Sie, nur mit diesem Leibgericht. So sind die Leute vom Friedhofsbiotop zu ihren summenden Gästen.

Nach Hause navigieren. Die Friedhofsbienen.

Ein Imker hat seine Beuten (so nennt man die Kisten, in denen die Bienen wohnen und den Honig produzieren) in einem Geviert zwischen Zäunen aufgestellt. Drüben auf der anderen Seite des Areals gibt es Holzheimaten für kleine Tiere, Stapel vom ganz feinen Geäst bis zum gröbsten Klotz. Ein vergangener Baum darf stehenbleiben – wo sonst, wenn nicht auf dem Friedhof? Der tote Baum schenkt Leben für die, die in ihm wohnen.

Der Buchfink erzählt von seinen Liebesabenteuern. Der Kleiber pickt nach Kleingetier. Die Meisen haben es immer eilig. Wer kurz innehält auf einer der Bänke, der schaut dem Erwerbsleben der Amsel zu (hüpft von rechts nach links durch die Szene, warum eigentlich immer beidbeinig?) und den dringenden Geschäften des Eichhörnchens (von links nach rechts). Beinahe wären sie zusammengestoßen. Ach was!

Im Miniteich tummeln sich Kaulquappen. Im „Sandarium“ sind Steine aufgestapelt zwischen Pflänzchen, die mageren Boden mögen. Gegenüber im Kräutergarten wächst Salbei, wie der Fingerreibetest beweist, es wachsen Baldrian und Färberscharte und Bronzefenchel, es gedeihen Nelken-Leimkraut und der federleichte Blaue Staudenlein. Schöner als im Kino und alles echt. Erklärungstafeln für die Wunder der Friedhofsnatur kämen wohl noch, sagt Jörg Keutz, im Moment gebe es aber andere Sorgen.

Auf ihren Streifzügen über den Hauptfriedhof entdeckt Elisabeth Frank stets Neues, unlängst das Grab der Ammerschlägers, legendäre Kaufhausinhaber. Das Schönste hier sei der Ort am neuen Bücherschrank, sagt sie: „Ich möchte, dass das erhalten bleibt.“ Wir sollen ausrichten: Die Bienen möchten das auch.

Thomas Stillbauer

Die Frankfurter SPD plant, die Berliner Straße von vier auf zwei Spuren zu reduzieren. Die CDU widerspricht vehement.

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