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Schulen brauchen mehr Personal für Inklusionskinder.

Sylvia Weber

Frankfurter Bildungsdezernentin: „Jede Kita soll ihr eigenes pädagogisches Konzept erarbeiten“

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Frankfurts Bildungsdezernentin Sylvia Weber über Probleme und Herausforderungen beim flächendeckenden Ausbau der Inklusion.

In der Frankfurter Stadtregierung hat es Streit gegeben, weil CDU und FDP die Auflösung der Kinderzentren mit Schwerpunkt Inklusion befürchteten. Gegen diese Darstellung wehrt sich Bildungsdezernentin Sylvia Weber – und greift insbesondere die Christdemokraten an. Sie plant aber dennoch Veränderungen in allen Kitas der Stadt.

Frau Weber, Eltern, CDU und FDP haben die Auflösung von Kinderzentren mit Schwerpunkt Inklusion befürchtet. Wie ist der Stand der Dinge?
Die Befürchtungen sind unbegründet. CDU und FDP hätten sich besser vorher informieren sollen, das hätte geholfen. Es gab ein internes Schreiben der Betriebsleitung von Kita Frankfurt an die Einrichtungen, in dem die im vergangenen Jahr geführte Diskussion mit den Kitaleitungen zusammengefasst wurde. Ziel der Diskussion war, die inklusive Betreuung vor Ort zu verstärken, um wohnortnah noch besser betreuen und bilden zu können. Das Schreiben wurde an die Eltern weitergegeben und es kam dann die Befürchtung auf, dass Einrichtungen, die schon mehr Erfahrung haben, darunter leiden könnten, wenn Kita Frankfurt die Inklusion ausbaut. Es geht aber nicht darum, bestehende gute Betreuung abzubauen, sondern darum, die anderen genauso stark zu machen.

Die FDP spricht bei der Ausweitung von Inklusion auf alle Kitas von Zwangsinklusion und ideologischem Aktivismus.
Da wird der Teufel an die Wand gemalt. Es geht uns nicht darum, von oben etwas vorzugeben. Kitas sollen vor Ort selbst entscheiden, wie sie sich den Kindern entsprechend am besten organisieren. Es gibt keine Vorgabe, dass man etwa nur ein Kind pro Gruppe aufnehmen soll. Das ist eine Orientierungshilfe für Kitas, die noch keine Erfahrung haben.

Wie soll denn eine flächendeckende Inklusion in Frankfurter Kitas aussehen?
Von 144 Einrichtungen von Kita Frankfurt arbeiten schon 80 inklusiv. Ziel ist es, dass alle Kinderzentren Kinder mit Förderbedarf aufnehmen können und sollen, wenn Eltern dies wünschen. Viele Eltern haben den Wunsch, wohnortnah einen Betreuungsplatz für ihr Kind zu finden. Insofern ist die Frage: Wie können wir es schaffen, das hinzubekommen?

Und wie können Sie das schaffen?
Wir müssen dafür sorgen, dass die Kinderzentren in der Lage sind, Kinder mit Förderbedarf aufzunehmen und die entsprechende Fachkompetenz vor Ort haben. Es sind eine ganze Reihe von Maßnahmen zur Unterstützung der Kitas vorgesehen. Erstens sollen sie baulich ertüchtigt werden, damit sie etwa barrierefrei sind. Zweitens wird es Fortbildungen geben. Drittens gibt es eine Fachstelle Inklusion, die Kitaleitungen und Fachkräfte berät. Viertens: Die Teams vor Ort sollen möglichst multiprofessionell aufgestellt werden. Heil- und Förderpädagoginnen und -pädagogen sollen sukzessive eingestellt werden.

Die Förderbedarfe der Kinder sind sehr unterschiedlich. Bilden sich Erzieherinnen und Erzieher dann für eine Bandbreite von verschiedenen Bedarfen fort?
Es ist nicht sinnvoll, flächendeckend alle Erzieherinnen und Erzieher auf alle möglichen Bedarfe zu schulen. Man schaut, welches Kind sich anmeldet und holt sich dann die entsprechende Expertise zu diesem bestimmten Förderbedarf ein. Je nach Beeinträchtigung werden aus dem Kinderförderungsgesetz für ein Kind bis zu 15 Förderstunden pro Woche finanziert. Wenn eine Kita also vier Kinder hat, dann hat sie ein Kontingent von 60 Stunden und das sind schon zwei Teilzeitstellen. Damit kann man Personal einstellen.

Bei einer Kita mit nur einem Kind mit Förderbedarf sind das dann aber lediglich 15 Stunden. Wie soll man da jemanden finden?
Deshalb sagen wir: Die Kitas sollen das vor Ort so organisieren, dass es gut passt. Vielleicht gibt es dort zwei Kolleginnen, die Teilzeit arbeiten, die jeweils um sieben beziehungsweise acht Stunden aufstocken möchten. Je nach Beeinträchtigung kann es auch sinnvoll sein, mehrere Kinder mit Förderbedarf in einer Gruppe zu betreuen oder auch nicht. Jedes Kind ist individuell – ob mit oder ohne Beeinträchtigung – und die Situation in den Kinderzentren vor Ort ist ebenfalls unterschiedlich. Es kann also nur so sein, dass jede Einrichtung selbst ihr eigenes pädagogisches Konzept erarbeitet.

Kinder kommen und gehen in Kitas. In einem Jahr gibt es vier Kinder mit Förderbedarf, im nächsten vielleicht nur zwei. Kommen und gehen dann auch die Fachkräfte?
Es muss eine hohe Flexibilität da sein und es ist nicht einfach, aber das sagt ja auch niemand. Für die Kinder lohnt sich der Einsatz aber auf jeden Fall. Und die Kinder verschwinden ja auch nicht einfach so, sie gehen dann in der Regel in eine Grundschule in der Nähe. Wenn das Kind einen Integrationshelfer oder eine –helferin hat, dann sollte es diese an die Schule mitnehmen können. Deswegen ist es auch sinnvoll, Inklusion regional zu organisieren. Damit die Übergänge gut funktionieren, damit die Kinder sich im Stadtteil und im Bildungssystem gut aufgehoben fühlen.

Es mangelt an Erzieherinnen, Heil- und Förderpädagoginnen. Wo soll das Personal überhaupt herkommen?
Wir werden in diesem Jahr mit allen Trägern gemeinsam eine Anwerbekampagne starten und dafür eine Koordinierungsstelle einrichten. Wir prüfen derzeit noch, was wir tun können, um Frankfurt als Arbeitsort und als Arbeitgeberin attraktiver zu machen.

Welche Dinge prüfen Sie?
Ein wichtiger Punkt ist die Unterstützung bei der Wohnungssuche. Und wir sind dabei, ein kostenloses Jobticket zu kalkulieren. Zudem bin ich mit der Leiterin der Berta-Jourdan-Schule im Gespräch, wie wir die Ausbildung noch attraktiver machen können und bei der Ausbildungsvergütung weiterkommen. Wir schnüren also gerade ein Paket von Maßnahmen, die helfen sollen, mehr Fachkräfte zu gewinnen.

Nicht nur Frankfurt sucht Fachkräfte. Auch das Umland. Warum sollten die Fachkräfte nach Frankfurt kommen?
Ich weiß, dass andere Kommunen auch unter diesem Druck stehen. Aber wenn jemand im Umland wohnt und in Frankfurt arbeiten möchte, dann wäre das mit einem Jobticket gut machbar. Und Frankfurt ist eine interessante Stadt. Es gibt große Herausforderungen, spannende pädagogische Aufgaben, eine große Vielfalt und die echte Chance, mit der eigenen Arbeit die Zukunftsperspektiven von Kindern zu verbessern und dabei einen Beitrag zur gesellschaftliche Entwicklung zu leisten. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass es auch Fachkräfte gibt, die eine solche Aufgabe suchen.

An den Schulen läuft es mit der Inklusion nicht reibungslos. Kann man aus deren Problemen etwas für den flächendeckenden Ausbau der Inklusion an Kitas lernen?
Seit 2015 ist Frankfurt Modellregion Inklusion. Seitdem wissen wir, dass es an den Schulen an Ressourcen fehlt. Die Landesmittel sind endlich, während die Schülerzahlen wachsen. Im Kitabereich ist die Ressourcenausstattung besser, weil es 15 Stunden Förderung pro Kind gibt. Wir haben jetzt die Modellregion mit der Goethe-Universität evaluiert. Ein Ergebnis ist: Es gibt ganz unterschiedliche Modelle, wie Inklusion in den Schulen organisiert ist. Jede Schule versucht, Inklusion nach ihren pädagogischen Vorstellungen zu entwickeln. Wille und Engagement sind an den Schulen vorhanden – aber sie brauchen mehr Personal und Unterstützung bei der Konzeptentwicklung. Wir müssen also mehr Hilfestellung leisten.

Und was folgt daraus für die Kitas?
Kita Frankfurt will nun vermitteln, dass die Einrichtungen nicht alleine sind. Wir wollen auch die bewährte kollegiale Beratung ausbauen, da wir Einrichtungen mit viel Erfahrung haben, die Ratschläge und Unterstützung geben können. Das ist ein Punkt, den haben Schulen noch nicht in dieser Form. Dafür bauen wir gerade flächendeckend die Regionalen Beratungs- und Förderzentren und auch die inklusiven Schulbündnisse auf.

Die CDU hält es für unrealistisch, in allen Einrichtungen optimale Inklusionsbedingungen zu schaffen.
Ich kenne ja die Diskussion, die bei der CDU aktuell ist: Soll es mehr Schwerpunkt-Kitas geben? Es gibt aber schon eine ganze Reihe Kitas unterschiedlicher Träger im gesamten Stadtgebiet, die mehr Erfahrung haben und die als Vorbilder dienen können. Darüber hinaus gilt die UN-Behindertenrechtskonvention, die allen Eltern das Recht zuspricht, eine Einrichtung zu wählen. Darauf haben wir uns eingestellt. Inklusion ist auch bei Kita Frankfurt schon seit vielen Jahren gelebte Praxis. Aus meiner Sicht gibt es beim Thema Inklusion zwei Prinzipien: Vom Kind her denken und individuell vor Ort organisieren. Es gibt keine generellen Regeln. Aber: Es gibt das klare Signal, dass wir unterstützen. Wenn man vor Ort das Gefühl hat, mit der Situation nicht zurechtzukommen, dann ist das Wichtigste, dass die Fachkräfte und Leitungen diese Unterstützung in Anspruch nehmen.

Interview: Sandra Busch

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