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Wer den knorrigen Zweig in der Hand hat, bestimmt bei der Beratung den Ablauf des Gesprächs.

Resozialisierung

Frankfurter Beratungsstelle bietet straffällig gewordenen Frauen Hilfe an

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Die Beratungsstelle für straffällig gewordene Frauen hilft, im Alltag wieder Fuß zu fassen.

Als Bianca Shah vor knapp zwei Jahren die heute 61 Jahre alte Anna kennenlernte, „hat sie sehr viel geweint“. Shah leitet die Anlaufstelle für straffällig gewordene Frauen der Arbeiterwohlfahrt und Anna, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, saß damals im Knast. Wegen „Delikten, die nicht so ohne sind“, erzählt sie bei einem Besuch in der Anlaufstelle: „Betrug, Urkundenfälschung und Brandstiftung.“ Drei Jahre und neun Monate lautete das Urteil.

Die Vorgeschichte: Anna hat sich in einen Kerl verguckt, der vorbestraft und Freigänger war und ihn geheiratet. Er hat ihr Geld genommen und ein Speditionsunternehmen gegründet. Als das Unternehmen nicht ins Rollen kam, stiftete er einen anderen Mann an, die Lastwagen anzuzünden.

„Die Polizei hat Verdacht geschöpft“, berichtet Anna. Sie habe das Telefon abgehört, bis ein Sondereinsatz-Kommando das Haus stürmte und ihren Mann verhaftete. Seitdem ist Anna in psychotherapeutischer Behandlung. Wenn sie heute im Fernsehen, etwa bei einem Krimi, vermummte Gestalten sieht, zuckt sie zusammen.

Nicht nur ihr Geld ist sie losgeworden, auch das Haus in Nordrhein-Westfalen, das nach der Festnahme des Ehemanns von Journalisten umlagert wurde. Immer wieder habe sie für ihren Mann „den Kopf hingehalten und für ihn gebürgt“ – deshalb wurde sie als Mittäterin verurteilt. „Man müsste gehen, aber man geht eben nicht“, sagt sie nun, nach der Trennung. Ihre Psychologin spricht von einer „persönlichen Abhängigkeitsstörung“. Bei vielen Frauen gebe es zwischen den Straftaten und einer männlichen Bezugsperson einen Zusammenhang, ergänzt Shah.

Anna hat sich in den falschen Kerl verliebt

Die Zeit im Frauengefängnis Preungesheim war „sehr schlimm“, erzählt Anna weiter. Dass die Türen abgeschlossen werden und man „eingesperrt“ ist. Anderen Frauen zu begegnen, die Kapitalverbrechen begangen haben und mit „lebenslänglich“ bestraft wurden. Obwohl das nach Angaben von Shah die große Ausnahme ist: Weniger als fünf Prozent der Straftaten bei Frauen sind Gewaltdelikte. Meistens handelt es sich um Eigentumsdelikte wie Diebstahl oder EC-Karten-Betrug. Viele Frauen seien seit vielen Jahren drogenabhängig und wegen Beschaffungskriminalität verurteilt worden.

Fahrkarte zur Freiheit: Bianca Shah berät Frauen, die aus dem Gefängnis entlassen wurden.

Anna, die derzeit erwerbsunfähig ist, war 38 Jahre berufstätig. Sie hat sich nichts zu Schulden kommen lassen – außer, dass sie sich in den falschen Kerl verliebt hat und für ihn durchs Feuer gegangen ist. Nach zweieinhalb Jahren Haft wurde sie vorzeitig entlassen. Bianca Shah hat sie abgeholt. Wie so viele Frauen hätte Anna sonst alleine dagestanden. Es gab niemanden, der auf sie wartete.

Eine Wohnung hat sie auf dem Land, 40 Kilometer von Frankfurt entfernt, gefunden. Aber ein neues Leben beginnen, das geht eben nicht, wenn einen das alte Leben nicht los lässt: „Man fühlt sich, als hätte man ein Schild auf dem Rücken: Komme gerade aus der Haft“. Die Scham, die Vorwürfe, die sie sich macht, rumoren in ihrem Kopf – Shah hilft, damit umgehen zu lernen.

Zunächst stand Anna vor ihrem übervollen Briefkasten, unfähig einen Brief zu öffnen und zu lesen. „Das ist besser geworden.“ Aber nach wie vor läuft die Bewährung und das Insolvenzverfahren des Speditionsunternehmens ist auch noch nicht abgeschlossen.

Das erste Jahr nach der Entlassung ist das schwierigste, sagt Bianca Shah. Viele Frauen werden krank, leiden an Migräne, Rückenschmerzen, Konzentrationsschwäche. Einen Job zu bekommen, gestaltet sich fast ebenso schwierig wie die Wohnungssuche. Die Anlaufstelle betreibt deshalb drei Wohnungen, in denen entlassene Frauen vorübergehend unterkommen.

Carmen lebte gut behütet - dann kam der Absturz in Frankfurt

In einer dieser Wohnungen lebt Carmen – auch sie möchte anonym bleiben. Anfang Juni, so der Plan, wird sie nach Hamburg ziehen und die Filiale einer bekannten Unternehmensgruppe übernehmen. Die 54-Jährige war jahrelang für verschiedene Supermarkt-Ketten als Marktleiterin im Einsatz, darunter auch in Hamburg. Sie hat ihren Vater bis zu seinem Tod gepflegt.

Wegweiser, wo es konkrete Hilfe gibt: Informationsmaterial.

„Ich hatte eine glückliche Kindheit“, erzählt sie und bricht immer wieder in Tränen aus. Nach dem Tod des Vaters kam sie zurück nach Frankfurt – der Liebe wegen. Sie war seit mehreren Jahren mit einem verheirateten Arzt befreundet – bis die Ehefrau dahinterkam. „Er hat mich aus der Wohnung geworfen und mich auf die Straße gesetzt“, erzählt sie, immer noch um Fassung bemüht.

Nacheinander quartierte sie sich in drei Hotels ein, obwohl sie die nicht bezahlen konnte. Sie hoffte darauf, dass ihr ehemaliger Liebhaber die Schulden begleichen würde. „Mein Anwalt hat mit ihm geredet – da war nichts zu machen.“ Weil sie keinen Wohnsitz hatte, kam Carmen „sofort in U-Haft“. Es fällt ihr noch immer schwer zu begreifen, was damals passiert ist: Eine gut behütete Kindheit, Studium, erfolgreiche Karriere und dann der Absturz. „Du bist da drinnen, die sperren dich ein und irgendwann lassen sie dich wieder raus.“

Keine Hilfestellung, keine Beratung, wie es nach der Entlassung weitergehen soll. Resozialisation – das war einmal der Anspruch eines modernen Strafvollzugs. Carmen: „So etwa gibt es im Gefängnis nicht.“ Zum Glück hat sie die Adresse der Anlaufstelle bekommen. Sie wurde ihre „Fahrkarte in die Freiheit“.

Im Nachgang zu dem Gespräch in der Anlaufstelle weist Shah darauf hin, dass es im Gefängnis einen Sozialdienst gibt, der die Frauen bei allen Fragen rund um die Entlassung berät. Es sei die „originäre Aufgabe“ des Sozialdienstes für die soziale Integration der verurteilten Frauen zu sorgen.

Auch Kleider hält die AWO-Beratungsstelle bereit.

Obwohl sie einen Job gefunden hat und Frankfurt hinter sich lassen wird – auch Carmen leidet unter den Schatten der Vergangenheit. Sie beklagt die „Vorurteile“, mit denen sie immer wieder konfrontiert wird, ob beim Arbeitsamt oder beim Abendessen mit einem Bekannten. Sie selbst sei anders: Im Gefängnis habe sie auf einer Krankenstation gearbeitet und Verständnis für die drogenabhängigen Frauen gehabt. Sie seien in der Kindheit oft Opfer sexueller Gewalt geworden.

Straffällig gewordene Frauen hätten es generell schwerer als die Männer, sagt Bianca Shah. Straffällig zu werden, passe nicht zu einem „angepassten und fürsorglichen Leben“, das von den Frauen erwartet werde. Vorrangiges Ziel der Anlaufstelle sei deshalb, den Frauen dabei zu helfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, „dass sie sich wieder etwas zutrauen“.

Intensive Betreuung

Sechs bis acht Monate vor der Entlassung nehmen die Mitarbeiterinnen der Anlaufstelle Kontakt zu den Frauen im Gefängnis auf. Nach der Entlassung stehen sie ihnen über Monate hinweg zur Seite.

Von den sechs Mitarbeiterinnen haben drei den Zugang zur Vollzugsanstalt in Preungesheim. Dort bieten sie eine „psychosoziale traumasensible Beratung“ an. Andere Sozialpädagoginnen sind für die Übergangswohnungen, das „Übergangsmanagement“ oder für straffällig gewordene Mütter zuständig.

Die Anlaufstelle versteht sich als „frauenemanzipatorische Einrichtung“, die eine „parteiische Arbeit auf Augenhöhe mit den Frauen“ vertritt.

Begleitet werden von der Anlaufstelle etwa 60 Frauen pro Jahr. Hinzu kommen weitere 50 Frauen, die im Rahmen des Übergangsmanagements beraten werden.

Finanziert wird die Anlaufstelle aus verschiedenen Töpfen. Beteiligt sind unter anderen das Land Hessen, die Stadt Frankfurt und der Europäische Sozialfonds.

Weil dieses Geld nicht reicht, gibt es einen eigenen Förderverein, der sich um Spenden und Einnahmen über Bußgelder kümmert.

Die Adresse lautet: Beratungsstelle für Frauen, Mainkurstraße 35, 60385 Frankfurt, Telefonnummer 069/44 89  67, www.awo-frankfurt.de

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