Die Stimmung ist allseits blendend. Foto: George Grodensky
+
Die Stimmung ist allseits blendend. 

Birmingham

Frankfurt: Mit Bier gegen den Brexit

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
    schließen

Der Frankfurter Weihnachtsmarkt in Birmingham erfreut sich anhaltender Beliebtheit. Dieser Tage feiert das Volksfest 20. Geburtstag.

Auf dem Weihnachtsmarkt in Birmingham steht der perfekte Christbaum. Gerade gewachsen, blickdicht, festlich geschmückt. Stolz reckt er sich am Victoria-Platz 20 Meter in die Höhe. Erst wer nähertritt, bemerkt den Schwindel. Der Baum ist ein Gerüst, in das findige Handwerker 240 kleine Tannen gepackt haben. Kein Wunder, dass das Ding so dicht wirkt.

Die Einheimischen nähmen den Baum ohnehin nicht wahr, sagt Thomas Feda. Der Leiter der Frankfurter Tourismus GmbH führt eine Delegation Frankfurter Journalisten über das Areal, die Fußgängerzone der New Street und den Victoria Platz. Eigentlich sollte die Gruppe bereits zur Eröffnung anreisen, doch da haben die Flugbegleiter gestreikt. Nun geht es um eine Art Zwischenfazit. Immerhin ist es ein runder Geburtstag, die 20. Ausgabe des Frankfurter Weihnachtsmarkts in Birmingham.

Es könnte auch der letzte sein. Niemand kann sagen, was passiert, sollten sich die Briten irgendwann zu ihrem Brexit durchringen. „Das Damoklesschwert hängt ja schon länger über uns“, sagt Kurt Stroscher dazu lapidar. Feda mag der Chef sein, Stroscher ist Mr. Christmasmarket. Der Mann, der alles weiß, jeden kennt und alles im Griff hat.

Ihm bereite der Brexit keine schlaflosen Nächte. „Wir haben schon so viele Schwierigkeiten gemeistert“, auf eine mehr komme es nicht an. Stroscher erinnert sich an den ersten Markt, 1997. Der war als Schmankerl gedacht, für die Frankfurter Partnerschaft mit Birmingham. Da hat niemand geahnt, dass einmal ein florierendes Wirtschaftsunternehmen daraus erwachsen könnte.

„Mit elf Ständen haben wir angefangen“, erzählt Stroscher. So authentisch und frankfurterisch wie möglich sollte er sein. Die Schausteller hat er „mit dem Lasso einfangen müssen“. Frankfurter sind keine dabei, nicht einmal Hessen. Dafür hat er einen Wahrsager mitgenommen. „Ich war froh, überhaupt Leute zu haben.“

Die Stadt vom Alkoholausschank auf der Straße zu überzeugen, das war der schwerste Part. So unüblich das in England sein mag, Stroscher ist hart geblieben. Schummelbaum hin, Wahrsager her. Ein Weihnachtsmarkt ohne Glühwein geht nicht. Der Erfolg gibt ihm recht. Die Briten sind begeistert. „Das kannten die nicht, nur aus dem Fernsehen.“

Kym Bugh kann das bestätigen. Er wohnt in der Nachbarschaft und besucht den Markt jedes Jahr „ein oder zweimal in der Saison“. Es gehe ihm gar nicht ums Trinken, versichert er. Er mag die Atmosphäre. Mitgebracht hat er Besuch aus Australien. Mandie, deren Großeltern aus Österreich stammen. Auf Englisch klingt das lustiger. Sie lacht. „Australia and Austria.“ Entsprechend kann sie jedes Weihnachtslied des Musikantenduos auf der Bühne mitsingen.

Thomas Feda ist das Thema Atmosphäre nicht geheuer. Es gehe weniger besinnlich als in Frankfurt zu, sagt er vorsichtig. Nach den Weihnachtsliedern beschallt fetzige Musik den Platz. Die Besucher tanzen. Der liebevoll aus Holz gefertigte Stand an der Bühne heißt nicht umsonst „Almhütte“. Kym Bugh schunkelt. Er hebt das Weizenglas und prostet seinem Kumpel zu. Der trinkt eine Maß Bier.

Kurt Stroscher seufzt. Briten trinken eben gerne Bier. Lange hat er sich gewehrt, wollte den Markt so authentisch wie möglich halten. Dann hat er aufgegeben. Seither spülen die Besucher ihre Frankfurter Würstchen mit Weiß- und Maßbier hinunter. „Glühwein ist aber auch gefragt“, versichert Stroscher gequält. „Es ist ein Kompromiss.“

Apropos Frankfurter Würstchen. Das haben die Schotten durchgesetzt. Nach dem Auftakt 1997 versucht Stroscher, einen Markt in Bristol aufzuziehen. Das floppt zwar, unter anderem, weil die Stadt den Deutschen einen unvorteilhaften Standort zugewiesen hat – direkt vor den Ruinen einer Kirche, die die Luftwaffe im Krieg zerstört hat. 1999 geht Stroscher nach Manchester. „Das war der erste kommerzielle Erfolg.“ Seither brummt das Unternehmen Christmasmarket.

Der Markt Der Frankfurter Weihnachtsmarktin Birmingham läuft von 7. November bis 23. Dezember, täglich 10 bis 21 Uhr. Es ist die 20. Ausgabe des Volksfestes.

83 liebevoll gestalteteHolzbuden erstrecken sich über die Fußgängerzone New Street bis zum Victoria Platz. Es gibt Speis und Trank, Spielzeug, Schneekugeln, einen sprechenden Elchkopf. sky

Inzwischen gibt es etwa 1000 davon im Vereinten Königreich. „Trittbrettfahrer“, grummelt Mr. Christmasmarket. Er hat kräftig mitgemischt. Zu Spitzenzeiten organisiert Stroscher sechs Märkte parallel. In Edinburgh beknien ihn die Besucher, doch Hotdogs einzuführen. „Das ist doch kein deutsches Essen“, wehrt er sich. Doch, doch, schallt ihm aus vielen Kehlen entgegen. Das sei sogar typisch deutsch, des Würstchens wegen. Seither gibt es auf dem Market Frankfurter Würstchen, im gestreckten, weichen Brötchen, mit einer Reihe von Beilagen, Gürkchen oder Zwiebeln. Nur Laien könnten das mit einem Hotdog verwechseln.

Astrid Von Der Gathen bleibt da ganz unbewegt. Die Kölnerin betreibt eine Reihe von Wurstbuden auf dem Weihnachtsmarkt. Die Frankfurter liefen super, sagt sie. Seit diesem Jahr hat sie auch Weihnachtskugeln und anderen Nippes im Programm. Ein Folge des drohenden Brexits.

„Die Betreiber der Verkaufsstände sind nicht mehr so risikobereit“, sagt Stroscher. Manche sind abgesprungen. Darum hat er die Betreiber der Essbuden verpflichtet, auch Waren anzubieten. „Statistenstände“, sagt Stroscher. Dort verdienen die Betreiber kein Geld, kommen auf null raus. Für die Atmosphäre des Markts sind sie aber unerlässlich.

Von Der Gathen stört das nicht. Sie hat ohnehin eine Halle angemietet. Dort verstaut sie übers Jahr ihre Buden und nun eben noch ein paar übrig gebliebene Schneekugeln. Das ist günstiger, als jedes Jahr neu anzureisen. Die Fährfahrt mit dem voll beladenen Lkw kostet etwa 5000 Euro. 80 bis 100 solcher Schwerlasttransporte wären nötig für den Markt, schätzt Stroscher. Von Der Gathen hat auch eine britische Firma gegründet.

Ein anderes Brexit-Problem beschäftigt sie mehr. Künftig könnte es schwieriger werden, Mitarbeiter mitzubringen. Die meisten Kräfte an den 83 Marktständen in Birmingham sind Rumänen, auch ein paar Polen sind dabei. „Sie finden sonst kaum jemanden“, sagt Stroscher. Der Job ist hart. Sechs, sieben Wochen sind die Leute dort vor Ort. Von Der Gathen mietet möblierte Zimmer für sie an. Nun könnten die Genehmigungsverfahren komplizierter werden, schätzt die Schaustellerin. Für die Würstchen hat sie bereits längere Transportwege kalkuliert, will haltbare Ware einkaufen. Stroscher hat seine Leute bereits angewiesen, mehr zu bestellen, falls der harte Brexit eintritt und der Markt von der Welt abgeschnitten wird.

Kym Bugh (Mütze), Mandie (Glühwein)und ihre Freunde genießen den Markt.

Am 12. Dezember wählen die Briten ein neues Parlament. Zu sehen ist davon nichts. Weit und breit kein Wahlplakat. Dafür komme viel Werbung mit der Post, versichert eine Einheimische. Kym Bugh weiß ohnehin schon, wen er wählt. Brexit? Sein Freund lacht und dreht sich weg. „Hätten sie bloß nicht gefragt.“ Bugh redet sich derweil in Rage. 1974 hätten sich die Staaten für den freien Handel zusammengeschlossen. Nicht, um sich vorschreiben zu lassen, wie krumm die Gurken sein müssten und welche Farben die Bananen hätten, sagt Bugh.

„Die Politik ist uns wohl gesonnen“, sagt Kurt Stroscher. Zumindest die Birminghamer. Der Markt bringe großen ökonomischen Benefit. „Für die Stadt ist es das Ereignis des Jahres“, sagt Stroscher. Die Geschäfte sind voll, ebenso die Cafés und Kneipen. Die Filiale einer US-Kaffeehauskette mache ein Drittel ihres Jahresumsatzes während des Weihnachtsmarkts. Die Kommune hat moderne LED-Werbebanden aufgestellt. Fünf Millionen Besucher schlenderten jedes Jahr an den Buden vorbei, sagt Stroscher.

Einzige Vorgabe aus Frankfurt: Der Budenzauber muss sich selbst tragen, darf kein städtisches Zuschussgeschäft sein. Das sei erfüllt, sagt Feda. Womöglich würde er sogar ein Auge zudrücken. Der Markt hat unschätzbaren Wert fürs Stadtmarketing. „Frankfurt“ ist an sehr vielen Stellen zu lesen. „Was müsste ich bezahlen, um so eine Präsenz zu bekommen?“, fragt Feda rhetorisch. Messen lässt sich die Werbewirkung nicht. Aber seit die Weihnachtsmärkte in England so gut liefen, habe sich die Zahl der britischen Besucher in Frankfurt um 30 Prozent erhöht, sagt Feda.

Anfragen erhält die Congress GmbH inzwischen von überall her. Stroscher sei der „dienstälteste Volksfestreferent“ der Republik, betont Feda. Und der ist wählerisch. In Mailand hat ihm der angebotene Standort nicht gefallen, in Madrid schon gar nicht, da sollte der Markt in ein Einkaufszentrum ziehen.

Stroscher muss gar nicht mehr in die weite Welt hinaus. Er hat in Birmingham und Leeds noch genug zu tun. Das Thema Nachhaltigkeit wird wichtiger. Plastikbecher hat er vor Jahren verbannt. Die Wurst kommt im Brötchen oder in der Serviette. Papiertüten haben die aus Plastik ersetzt. Jetzt will Stroscher die Stromversorgung angehen. Die Stadtoberen von Birmingham haben beim Bau der New Street und des Victoria Square nicht daran gedacht, dass dort einmal der größte authentische Weihnachtsmarkt außerhalb Deutschlands und Österreichs sein wird (wie die Stadt Birmingham wirbt). Das heißt: Es gibt keine Stromanschlüsse. Den erzeugen Generatoren. Stroscher möchte das ändern, setzt große Hoffnungen auf die 2022 anstehenden Commonwealth Games. Die Stadt will für das Spektakel Straßen erneuern. Stroscher kämpft für seine Strom- und Wasseranschlüsse.

Wird er danach in den Ruhestand gehen? Auf gar keinen Fall, versichert der 62-Jährige. Auch als Rentner möchte er die Märkte in UK weiter betreuen. Womöglich als 450-Euro-Jobber. Das würde ich schon sehr vermissen, sagt er. Ohne ihn würde es auch nicht laufen, sagt Thomas Feda. „Wenn Stroscher aufhört, schließen wir den Christmasmarket.“

Kommentare