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Frankfurt: Beziehungen sind wichtiger als Pythagoras

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Maskenpflicht in der Schule ist bald vorbei. (Photo by Ina FASSBENDER / AFP)
Maskenpflicht in der Schule ist bald vorbei. (Photo by Ina FASSBENDER / AFP) © AFP

Die Schulen blicken gelassen auf das Ende der Maskenpflicht am Platz. Jugendliche sehen die Änderung allerdings kritisch.

Noch bevor man das Gebäude der Schillerschule in Frankfurt Sachsenhausen betritt, ist klar: Corona bedeutet hier Alltag. Eine Lautsprecherdurchsage ertönt und erinnert daran, die Fenster nach dem Lüften wieder zu schließen. Unisono werden rund fünfzehn Fenster, die zur Straße liegen, zugeschlagen und der Unterricht beginnt. „Wir haben die Lautsprecherdurchsage nach den Sommerferien letztes Jahr eingeführt“, erinnert sich die Direktorin der Schillerschule Claudia Wolff. So sei es deutlich leichter, die streng getakteten Vorgaben des hessischen Kultusministeriums umzusetzen. Neben dem Lüften gebe es ein ganzes Arsenal an Regelungen, die die Schulleitung im Laufe der Pandemie ausprobiert und erprobt habe. „Vom Nutzen der Gänge in zwei Spuren sind wir abgekommen, Teams ist dagegen Teil des Alltags geworden“, fasst Wolff zusammen.

„Der Onlineunterricht hat echt prima geklappt“, erzählt der 17-jährige Florian. Der Unterricht sei wie vorher in Präsenz durchgeführt worden und der Austausch sei weiterhin möglich gewesen. „Wir sind aber auch einfach privilegiert“, fügt Ella hinzu. Die 15-Jährige besucht die zehnte Klasse der Schillerschule. Laptops, WLAN, Lehrer:innen, die sich schnell in das neue System einarbeiteten, all dies sei keine Selbstverständlichkeit, sagt sie.

Von den zahlreichen Regeln und Maßnahmen, die die Schulen zur Eindämmung des Coronavirus umgesetzt haben, wird eine wichtige Bestimmung am kommenden Montag wegfallen. Die Maskenpflicht am Platz wird in hessischen Schulen nicht mehr gelten. Wolff blickt gelassen auf die Änderung. Den Schüler:innen und Schülern sei es zu gönnen, zumal diese sich vernünftig und reflektiert verhielten. Wichtig sei, dass es keinen Streit innerhalb der Klassen gebe und blöde Bemerkungen nicht toleriert würden. Der Dialog zum Thema Maskenpflicht, aber auch zum Ukrainekrieg gehören für Wolff zum Unterricht dazu.

Auch Christof Gans, Schulleiter der Carl-Schurz-Schule, die nur eine Straßenecke entfernt von der Schillerschule liegt, zeigt sich entspannt. „Es ist ja nicht verboten, eine Maske zu tragen“, erläutert er. Wichtig seien Verantwortung und Rücksichtnahme, auch mit Blick auf den Schutz der Gefährdeten. An seiner Schule sei das Klima jedoch sehr vertrauensvoll.

Den Eindruck teilt auch Annette Günther, Direktorin der Johanna-Tesch-Schule in Frankfurt Bockenheim. „Es ist eine große Erleichterung und einfach super“, bewertet sie die kommende Änderung. Sich gegenseitig zuzuhören sei deutlich leichter ohne Maske. „Kinder sprechen gerne leise oder undeutlich, das wird durch das Tragen der Maske verstärkt“, führt Günther aus. Die Umsetzung in den Klassen bereitet ihr keine Sorgen. „Die Schüler:innen haben so viel durchgemacht, alle sind eingespielt und die Maßnahmen gehören einfach dazu.“

„Die Schüler:innen waren grandios“, betont auch Claudia Wolff. „Sie denken nach, sie diskutieren und reflektieren.“ Dadurch werde es leichter, Verantwortung innerhalb der Schulgemeinschaft zu verteilen.

Ella erinnert sich an Zeiten, als sie in der Pause bei Wind und Wetter draußen stehen mussten, weil die Aerosolbelastung im Gebäude zu hoch war. Es schüttelt sie und die anderen Schüler:innen, als sie an die Zeit zurückdenken. „Wir haben gefroren“, schildert Sophie. Auch die Räume waren durch das ständige Lüften kalt. „Ich saß mit Decke, Mütze und Schal im Unterricht“, sagt Florian. Trotz dieser ungemütlichen Stunden ist den Jugendlichen bewusst, dass sie gut durch die Zeit gekommen sind. Bei einigen hätten sich die Noten stark verschlechtert oder sie hätten mit mentalen Problemen zu kämpfen, sagt Ella. Direktorin Wolff fügt hinzu, dass es trotz der überwiegend positiven Rückschau Kinder gebe, die stärker belastet gewesen seien.

„Es war verboten, die Kamera während des Onlineunterrichts auszuschalten“, sagt Wolff. Diese strenge Maßnahme rechtfertigt sie mit zwei Argumenten. Zum einen sei Austausch unabdingbar. „Schule ist weitaus mehr als eine Wissensfabrik, auch die sozialen Aspekte sind wichtig“, sagt Wolff. Zum anderen gehöre zu den Aufgaben der Schule auch das Kindeswohl. „Wie geht es den Kindern? Sind die gewaschen? Tragen sie den fünften Tag in Folge den gleichen dreckigen Pullover?“ Auf all diese Aspekte seien die Lehrer:innen angehalten worden zu achten. Vorfälle von Verwahrlosung oder Gewalt habe es an der Schillerschule nicht gegeben. „Aber das weiß man natürlich trotzdem nie ganz genau“, gibt Wolff zu bedenken.

Auch der Personalratsvorsitzende der Schillerschule und Lehrer für Sport und Deutsch, Boris Hillen, bestätigt, dass die Zeit eine große Belastung für die Schüler:innen gewesen sei. „Aber auch die Lehrer:innen hängen in den Seilen“, betont er. Vieles fiele weg, was das Unterrichten spannend mache. Hillen hofft, dass die gemeinsame Freizeitfahrt, die bereits zum zweiten Mal ausgefallen ist, im Sommer stattfinden kann. Ella wirft ab und zu einen Blick auf die Uhr, sie will die Anmeldung um Viertel nach zehn nicht verpassen, bleibt dann aber doch länger beim Gespräch.

Die Schüler:innen kritisieren nämlich die Entscheidung der Landesregierung. Ob der Beschluss kurz vor den Osterferien so weise sei, fragt sich Ruben. Der Neuntklässler will sich solidarisch zu den Mitschüler:innen verhalten, die gefährdet sind und weiterhin die Maske tragen. „Es gab Diskussionen in den Klassen und ein paar wollen aus Prinzip keine mehr tragen“, schildert Ella. Die vier sind sich jedoch einig, dass zu einem verantwortlichen Verhalten die Maske dazugehört, auch am Platz. Florian spricht von einer Spaltung. In einer Umfrage des Schüler:innenrats in der Oberstufe seien 46 Prozent für das Tragen und 38 Prozent dagegen gewesen. „Es stört manche, sie haben keine Lust mehr. Immer wieder Kompromisse finden zu müssen, ist anstrengend“, beschreibt Florian die Situation.

Für Claudia Wolff ist daher klar, dass soziale Beziehungen und die Klassengemeinschaft gestärkt werden müssen. „Ob Pythagoras in vier oder sechs Wochen kommt, ist mir nicht mehr so wichtig.“ Aktuell sage sie so viele Ausflüge auf die Eisbahn zu wie nie zuvor. Die Schüler:innen und das Lehrpersonal hätten es verdient.- (Von Greta Hüllmann)

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