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Vor dem Amtsgericht kommt es immer wieder zu spannenden Prozessen.

Prozess

Betrüger nutzt Großherzigkeit von Rentner aus

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Ein Krimineller mit blühender Fantasie versucht Rentner zu betrügen und landet vor dem Amtsgericht.

Manche Märchen enden böse. Etwa das von Sami A. Die Staatsanwaltschaft erzählt es so: Im Oktober 2017 steht der heute 29 Jahre alte A. mit gepackten Koffern auf der Haustürmatte von Wolfgang S. (69) in Neu-Anspach. Der pensionierte Lehrer und passionierte Hobbyfriseur kennt Sami A., weil er ihm und dessen acht Geschwistern seit deren Kindheit die Haare geschnitten hat.

Er sei jetzt Christ, sagt Sami A., habe deshalb Zores mit seiner Familie und müsse ausziehen. Bevor er aber Christ geworden wäre, sei er im Krankenhaus gewesen und habe dort auf einem Zimmer mit dem Scheich Achmed Muhammed gelegen. Der schwerreiche, aber offenbar nicht privat versicherte Wüstensohn habe ihn trotz oder wegen seiner Blitz-Christianisierung so sympathisch gefunden, dass er ihm eine Ausbildungsstelle bei Lamborghini in Italien und eine Blitzüberweisung von 15 000 Euro versprochen habe. Er brauche nur eine kleine Anschubfinanzierung, dann könne es losgehen.

3.500 Euro und eine Fahrt zum Flughafen Dortmund

Wolfgang S. hebt 3500 Euro ab, drückt sie Sami A. in die Hand, fährt ihn zum Flughafen nach Dortmund und winkt dem Flieger nach Italien hinterher, als Sami A. schon längst wieder im Zug nach Frankfurt sitzt. In den kommenden Wochen ereilen Wolfgang S. mehrere Hilferufe per SMS aus „Italien“. Mal geht’s um Hotelkosten, dann um Mietkautionen, schließlich um eine Krebsoperation. Wolfgang S. überweist insgesamt 18 000 Euro in mehreren Tranchen und schreibt als Verwendungszweck so drollige Kommentare wie „Kredit für Italien-Aufenthalt“ oder „Kredit für OP“. Da hat Sami A. auch noch was zum Lesen und Lachen, wenn er das Geld bei der Frankfurter Sparkasse abhebt. Als S. schließlich die Zahlungen einstellt, geht A. noch mal aufs Ganze: Er müsse „die ganze Zeit weinen“, schreibt er S., er möge doch bitte „alles zusammenkratzen“, was er noch habe, und umgehend an ihn überweisen, sonst sehe er sich gezwungen, seine „Leber zu verkaufen“. Aber selbst die Leber von A. vermag das Herz von S. da nicht mehr zu erweichen.

„Es ist alles richtig, was in der Anklage steht“, zerstört Verteidiger Ulrich Endres nach der Verlesung die Magie des Märchens. Na ja, nicht alles: Christ, Scheich, Lamborghini und Krebs seien frei erfunden, aber das Geld sei futsch, so viel sei richtig. Dann erzählt Endres selbst das wohl kürzeste Märchen der Welt: „Meinem Mandanten tut es leid.“

Freiheitsstrafen seit der Jugend

Bei seinem Mandanten handelt es sich um einen Mann, der seit früher Jugend Freiheitsstrafen sammelt, Schwerpunkt Betrug und Einbruchsdiebstahl. Derzeit sitzt er wegen Betrugs in Weiterstadt. Am Ende des Prozesses wird A. vom Amtsgericht wegen Betrugs zu anderthalb Jahren ohne Bewährung verurteilt, aber das interessiert keinen mehr so recht, weil alle Beteiligten sich längst zum Seelen-Lagerfeuer um Wolfgang S. geschart haben und sich an seinem Herzen wärmen.

Es habe ja keinen Armen getroffen, sagt der freundliche Herr mit dem Knebelbärtchen, der ausschaut wie frisch aus der Feuerzangenbowle getropft. Als ehemaliger Dozent für Mathematik, Physik und Japanisch an der Deutschen Schule in Tokio habe er eher zu den gut bezahlten Lehrern gehört. Und die Geschichte von A. sei ihm schon damals seltsam vorgekommen, an den er erst dann nichts mehr überwies, als alle Restzweifel an einem Betrug ausgeräumt waren. A. habe sich bei ihm entschuldigt, er habe angenommen. Darüber hinaus habe A. ihm bereits 307 Euro in Raten zurückgezahlt, ergo strebend sich bemüht, er selbst habe ihm noch Stellenangebote aus der Zeitung ausgeschnitten und per Brief geschickt, aber dann sei ja die neuerliche Haft dazwischengekommen, bedauert S.

„Sie sind ein richtiger Gutmensch, nicht wahr?“, freut sich die Richterin und strahlt über beide Backen. Und selbst Ulrich Endres lässt mal kurz den Teufelsadvokaten schleifen und wünscht sich selbst in die Arbeitslosigkeit: „Menschen mit so großem Herzen braucht man mehr. Betrüger braucht man weniger.“

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