Die Predigt vor lauter Autos ist ungewöhnlich, aber machbar. Rolf Oeser
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Die Predigt vor lauter Autos ist ungewöhnlich, aber machbar.

Religion

Frankfurt: Beten am Lenkrad beim Drive-in-Gottesdienst

  • Steven Micksch
    vonSteven Micksch
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In Nieder-Erlenbach gibt es erstmals einen Gottesdienst nur vor Autos. Die Idee ist vom Autokino abgeschaut und die Insassen können problemlos den Mindestabstand einhalten.

Pfarrerin Petra Lehwalder brachte es in ihrer Predigt auf den Punkt: „Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Wege.“ Und so war dieser Pfingstgottesdienst am Sonntag in Nieder-Erlenbach auch alles andere als gewöhnlich. Statt auf Bänken in der Kirche saßen die mehr als 120 Anwesenden in ihren Autos auf dem Aldi-Parkplatz in Nieder-Erlenbach. Ein Drive-in-Gottesdienst zu Corona-Zeiten.

Rund 60 Autos waren gekommen. An der Zufahrt wurden Kennzeichen und Personenanzahl erfasst. Nur ein Fenster durfte geöffnet werden, damit man der Predigt folgen konnte. „Die Leute fühlen sich so sicherer als in der Kirche“, sagte Alexander Eifler vom Kirchenvorstand der Evangelischen Gemeinde Nieder-Erlenbach. Er war maßgeblich an der Umsetzung des besonderen Gottesdienstes beteiligt. Inspiration habe ihm die Öffnung der Autokinos gegeben. Und die Idee fand durchaus Zuspruch.

Toni Stelzer war eine der anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörer. „Ich finde die Idee großartig“, sagte sie. Ihre Erwartungen an diese neue Art von Gottesdienst waren groß. Es sei eine gute Alternative zur Kirche. Bedenken stattdessen einen Gottesdienst in der Kirche zu feiern, habe sie aber nicht. „Mit Maske und Abstand wäre das kein Problem.“

Pfarrerin Lehwalder wies aber noch darauf hin, dass ein Gottesdienst in der Kirche von Nieder-Erlenbach – wegen des notwendigen Abstands – nur für 18 Personen möglich gewesen wäre. Deshalb war sie sehr zufrieden mit dem Besucheraufkommen. Für die Pfarrerin sei ein Gottesdienst unter freiem Himmel zwar nichts Ungewöhnliches, weil die Gemeinde öfter Aktionen im Freien mache. Aber ein Gottesdienst vor lauter Autos war auch für sie ein Novum.

Kurt Michel und seine Frau waren ebenfalls gespannt auf den Gottesdienst. „Wir sind neugierig“, sagte der Nieder-Erlenbacher, der lange als Organist in der Kirche aktiv war. An normalen Sonntagen wäre auch ein Gottesdienst in der Kirche in Ordnung, aber an Pfingsten wäre die Zahl der Besucher zu groß.

Mit Glockengeläut vom Band begann schließlich der Pfingstgottesdienst. Pfarrerin Lehwalder stand auf einer Bühne. Neben ihr Organistin Annette Bonn, die am Klavier für die musikalische Gestaltung sorgte, ergänzt wurde das ganze durch Sängerinnen.

Die Anwesenden sollten das Amen per Lichthupe erwidern. Bei Applaus konnte gehupt werden. Lehwalder gelang es in ihrer Predigt ein aktuell passendes Bild zu zeichnen. Pfingsten, das sei die Ausschüttung des Heiligen Geistes. Und dieser überwinde eben Fenster und Türen und erfülle somit auch die Anwesenden in ihren Autos. Man erkenne ihn an den Dingen, die er bewirke. Er schenke Kraft und Energie. „Er schenkt die Kraft der Liebe, Mut und Besonnenheit“, so die Pfarrerin. Genau das habe man in diesen Zeiten nötig.

„Es sind Zeiten, in denen Menschen glauben, dass die Pandemie ausgedacht sei.“ Lehwalder ermutigte die Menschen keine Panik zu bekommen, aber auch nicht unvernünftig zu handeln und andere zu gefährden. „Jedes Leben zählt und ist kostbar.“ Die Maßnahmen zur Eindämmung seien eine Herausforderung – ohne Frage. Aber sie würden jenen helfen, denen das Virus das Leben nehmen könnte. Der Heilige Geist solle Mut in dieser schweren Zeit schenken und Besonnenheit im täglichen Umgang miteinander.

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