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Ukraine-Konflikt: Menschen aus Frankfurt und ihre Angst um die Familie in der Heimat

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Die Vizepräsidentin der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft für Wirtschaft und Wissenschaft, Viktoria von Rosen (rechts), mit FDP-Politikerin Nicola Beer (links) und Oberbürgermeister Peter Feldmann (hinten) am Donnerstag auf der Hauptwache. Foto: privat
Die Vizepräsidentin der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft für Wirtschaft und Wissenschaft, Viktoria von Rosen (rechts), mit FDP-Politikerin Nicola Beer (links) und Oberbürgermeister Peter Feldmann (hinten) am Donnerstag auf der Hauptwache. © privat

Ukrainer:innen und Ukrainer in Frankfurt bangen um das Leben ihrer Angehörigen und fordern ein entschiedenes Vorgehen der deutschen Politik.

Frankfurt – Etwa 1500 Menschen demonstrierten am Donnerstag (24.02.2022) gegen die russische Invasion in der Ukraine. Eine davon war Maryna Tochkovaya. Die 31-jährige Ukrainerin lebt seit sechs Jahren mit ihrem Mann in Frankfurt. Teile der Familie wohnen in der Ukraine und in Russland. „Ich habe quasi jede Stunde Kontakt zu ihnen, um zu schauen, ob sie noch leben“, beschreibt sie die dramatische Situation.

LandUkraine
HauptstadtKiew
PräsidentWolodymyr Selenskyj
Bevölkerung44,13 Millionen (2020)

Seit zwei Tagen befinden sich ihre Angehörigen und Freunde in Kellern in der Stadt Kharwiv und hören jede Minute Schüsse. Die Stadt liegt direkt an der östlichen Grenze der Ukraine und ist besonders durch russische Angriffe bedroht. „Sie warten auf Rettung und dass es nicht mehr so gefährlich ist, rauszugehen“, erklärt Tochkovaya. Immer wenn ihr Telefon klingelt, habe sie Angst, schlimme Nachrichten könnten am anderen Ende auf sie warten. Die ukrainischen Soldaten gäben ihr Bestes, aber die russische Armee sei um ein Vielfaches größer, sagt Tochkovaya.

Krieg in der Ukraine: „Die Menschen dort wissen teilweise wirklich nicht, was abläuft“

Deswegen benötige die Ukraine Hilfe. „Viele Politiker sagen nur etwas, aber es passiert oft nichts“, erzählt die 31-Jährige. Sie fordert wirtschaftliche Sanktionen und Unterstützung. Und auch sie tut ihr Bestes, um zu helfen. „Ich muss etwas machen, um gesund zu bleiben“, sagt Tochkovaya. Deswegen spendet sie Geld an die ukrainische Armee, geht auf Demos und macht im Internet auf die Situation in der Ukraine aufmerksam.

Gerade mit Blick auf die Russen sei der Informationsfluss wichtig. „Die Menschen dort wissen teilweise wirklich nicht, was abläuft, weil die Medien so beeinflusst sind“, erklärt die 31-Jährige. Trotzdem gebe es vereinzelt Widerstand gegen Putin. Hierbei betont Tochkovaya jedoch, dass Demonstrationen in Russland ein großes Risiko darstellen. Der nun ausgebrochene Krieg sei trotz der angespannten Lage in den Wochen zuvor überraschend für viele Ukrainer:innen gekommen. „Russische Kultur gehörte doch zu unserem Alltag, uns verbindet so viel. Das konnte sich keiner vorstellen“, erzählt Tochkovaya. Der Schock sitze immer noch tief.

Maryna Tochkovaya (31) kommt aus der Stadt Kharwiv im Osten der Ukraine. privat
Maryna Tochkovaya (31) kommt aus der Stadt Kharwiv im Osten der Ukraine. privat © privat

Krieg in der Ukraine: „Ich kann weder arbeiten noch schlafen“

Damit ist sie nicht alleine. „Ich bin fassungslos“, sagt Natali Gamidadze. Die 25-jährige Georgierin lebt seit 2017 in Frankfurt. Sie war elf Jahre alt, als Russland Truppen nach Georgien verlegte und der Krieg im Kaukasus im Sommer 2008 begann. Sie kenne die Geschichte ihres Landes und seine Beziehung zu Russland und finde dennoch keine Worte, um zu beschreiben, was sie angesichts des Krieges in der Ukraine fühle. „Ich kann weder arbeiten noch schlafen, den ganzen Tag laufen die Nachrichten“, erzählt Gamidadze.

„Es bricht mein Herz, dass Menschen in der Ukraine sterben müssen.“ Kriegstraumata und der Verlust ihres Onkels im Krieg, verstärkten sich in den letzten Wochen zunehmend. „Meine internationalen Freund:innen haben mich für russlandfeindlich gehalten, weil ich immer wusste, dass Putin einmarschiert, wenn er will. Ich wünschte, ich hätte falsch gelegen“, erinnert sich Gamidadze. Überrascht zeigt sie sich von den vielen Menschen, die am Donnerstagabend gegen Putins Krieg protestierten. „Wo waren diese ganzen Leute vor zwei Wochen?“, fragt sie. „Es frustriert mich, dass dem Westen nicht früher klar war, was geschehen wird.“

Natali Gamidadze (25) ist Georgierin und lebt seit 2017 in Frankfurt. privat
Natali Gamidadze (25) ist Georgierin und lebt seit 2017 in Frankfurt. privat © privat

Vorsitzende des ukrainischen Vereins in Frankfurt hat wenig Hoffnung auf friedliche Lösung

Dieses Gefühl kennt auch Stepan Rudzinskyy, der Vorsitzende des ukrainischen Vereins in Frankfurt. „Es dauert zu lange, bis andere Staaten tätig werden“, sagt er. Die Chancen auf eine friedliche Lösung seien schlecht. Wie viele fordert auch er wirtschaftliche Sanktionen für Russland. Aber auch ein militärisches Vorgehen sei notwendig. Sein Verein ist Mitglied des Dachverbandes der Ukrainischen Organisationen in Deutschland.

Dieser veröffentlichte am Freitagmittag einen Aufruf an die Bundesregierung, in dem Forderungen zur Unterstützung der Ukraine gestellt werden. „Der Himmel muss zu sein“, sagt er. Damit sei laut Schreiben die „Schließung des Luftraumes über der Ukraine durch die NATO zum Schutz der Zivilbevölkerung gegen russische Luftangriffe“ gemeint. Sanktionen würden auch hier schmerzen, aber es müsse sein. „Es sind schon viele gestorben und es werden noch viele sterben“, klagt Rudzinskyy.

Krieg in der Ukraine: „Die Menschen können nicht mehr vor die Tür“

Auch Viktoria von Rosen, Vizepräsidentin der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft für Wirtschaft und Wissenschaft, sieht in der Invasion Potenzial für viel Leid. „Das ist auch eine Gefahr für Deutschland. Die Ukraine verteidigt gerade quasi die europäische Außengrenze“, erklärt sie. Warum dieser Kampf alleine bestritten wird, versteht von Rosen nicht. Deutschland habe aufgrund der wirtschaftlichen Stärke sowohl in der EU als auch global eine führende Position. In dieser Rolle sei eine schnelle und klare Reaktion gegenüber Russland wichtig. Diese schließe auch schwerwiegende Sanktionen ein.

„Die Menschen haben kein Geld, kein Benzin, kein Brot mehr und können nicht vor die Tür, weil es zu gefährlich ist“, beschreibt sie die Situation vor Ort. Auch ein Teil ihrer Familie befindet sich in der Ukraine. Straßen seien voll mit Militärfahrzeugen, „das ist unvorstellbar“, sagt von Rosen.

Während sich Menschen in der Ukraine seit Tagen in Kellern und U-Bahnstationen in Sicherheit bringen, bereite man sich hier auf potenzielle Flüchtlinge vor. „Wir suchen Wohnungen, Unterkünfte und versuchen zwischen verschiedenen Stellen zu vermitteln“, erklärt sie. Denn jetzt stünden bereits Menschen an den Grenzen und warteten. Eine Aufnahme dieser sei unabdingbar. „Die Ukraine kämpft, und die Ukraine wird weiter leben. Wir beten und geben die Hoffnung nicht auf“, so von Rosen. (Greta Hullmann und Tabea Berger)

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