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Frankfurt bei Hitze: Feierabend, bevor einer umfällt

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Auch Tauben suchen Abkühlung - am Brunnen auf dem Liebfrauenplatz. michael Schick (3)
Auch Tauben suchen Abkühlung - am Brunnen auf dem Liebfrauenplatz. michael Schick (3) © Michael Schick

Wie ist es, bei so einem Wetter draußen arbeiten zu müssen? Eine Stadtvisite bei 30 Grad.

Es ist brütend heiß in der Betonwüste der Frankfurter Innenstadt. An einer vielbefahrenen Kreuzung im Gallus haben die Bauarbeiter mittags bereits ihre Arbeit beendet. Chef Jens Müller, der in Arbeitskleidung vor Ort ist, sagt, es sei einfach zu heiß: „Da steht ja die Luft.“ Er unterhält sich in einem Kreis mit seinen Arbeitern. Der Chef nennt sie Kollegen. „Die geben mir immer 100 Prozent, aber das kann ich nicht jeden Tag verlangen.“ Es sind Männer, denen man die harte Arbeit draußen ansieht: breite Schultern, sonnenverbrannte Haut. Trotzdem meint Bauarbeiter Michael Hofer, „lieber jetzt Feierabend machen, bevor einer umfällt“. Nun holt der Chef erst einmal kalte Getränke.

Während die Bauarbeiter nach Hause dürfen, hetzt Postbotin Iris Kress von Laden zu Laden in der Luxusmeile Goethestraße. Reden kann man mit ihr nur, wenn man sie begleitet. So ganz scheint sie nicht hierher zu passen in ihrer Uniform und mit ihrem Wägelchen, wie sie zwischen edlen Logos und müßigen Einkaufenden ihrer Arbeit nachgeht. Dabei hat sie nur Sekunden, um die richtigen Briefe herauszusuchen und abzugeben, dann muss sie sofort zum nächsten Geschäft. An die Hitze gewöhne man sich, sagt sie, aber am Anfang war es hart. „Scheiße“ findet die Postbotin nur, wie kalt die Luxusläden sind. Ständig von der Hitze in die Kälte zu laufen, ist anstrengend. Trotzdem macht Iris Kress keine Pause. Man kennt sie gut in der Goethestraße. Seit über 20 Jahren arbeitet sie in diesem Revier.

Nur wenige Hundert Meter entfernt, auf den schattigen Wiesen der Taunusanlage, suchen zur Mittagszeit viele Frankfurter:innen Zuflucht vor der Hitze. In ihrer Mitte wird jedoch gearbeitet: Zwei Männer von der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) leeren Mülleimer und durchkämmten die Büsche nach Dreck. Es stinkt, die beiden braungebrannten Kollegen schwitzen in ihrer grünen Arbeitskluft. „Natürlich ist das anstrengend, scheiße“, sagt einer der beiden, der seinen Namen für sich behält. Trotzdem mag er seinen Job: Er ist zu „99 Prozent draußen“ und auf seine Kollegen im Büro ist er nicht neidisch. Heute aber ist es auch ihm zu heiß. Eine solche Hitze meint er, „ist gefährlich“.

Auch auf dem Wochenmarkt in Bockenheim steht die Hitze. „Heute waren weniger Stammkunden da“, sagt Alexander Schnick, Angestellter beim Obsthof Hochhaus aus Mainz. Auch die Ware werde schneller schlecht, sagt er. Besonders bei Salaten oder Erdbeeren könne man es gut sehen. Die einzige Option wäre, weniger von den Lebensmitteln mitzubringen, die besonders anfällig seien: „Wir haben schon stark reduziert, als es letztes Jahr so heiß war“, sagt Schnick. Trotzdem arbeitet er gerne auf dem Markt, auch bei der Hitze: „Ich bin gerne hier. Man hilft sich auch gegenseitig.“

KLimawandel

Ein Hitzetag ist laut Deutschem Wetterdienst (DWD) ein Tag, an dem mindestens über 30 Grad gemessen werden. Dementsprechend war auch Donnerstag ein Hitzetag.

Von diesen gibt es immer mehr: Zwischen 1955 und 1965 gab es laut DWD 77 Hitzetage in Frankfurt; im Vergleich: Zwischen 2010 und 2020 waren 196 Tage über 30 Grad heiß. Das ist ein Anstieg von mehr als 250 Prozent.

Die Temperatur steigt immer weiter. Im Zeitraum 2018 bis 2022 war es laut Daten der Firma Wetterkontor im Juni im Durchschnitt 1,28 Grad wärmer als in den fünf Jahren davor. prjb

Michael Staab ist mit seinem Blumenstand schon seit 23 Jahren regelmäßig auf dem Markt in Bockenheim. Er und seine Mitarbeiter:innen trügen leichte Kleidung und tränken viel, sagt Staab. Aber man gewöhne sich an die Temperaturen. Anders ältere Menschen. Die blieben an so heißen Tagen eher zu Hause. Die Blumen haben es da weniger leicht: „Ich hab’s halt hier stehen und kann’s nicht schützen“, erklärt Staab. Rosen zum Beispiel seien besonders empfindlich, deshalb müssten sie das Sortiment bei großer Hitze umstellen. Das ist ein großes Problem für ihn: „Wenn ein Viertel vom Jahr die Hitze da ist, man weniger verkauft, das merkt man schon.“

Am Käsestand von Ellen und Achim Happel ist gerade der Strom ausgefallen. Zum Glück ist nur das Licht betroffen. Nadja Öztürk, die dort arbeitet, sagt gelassen, „den Spitzensamstag haben wir schon überlebt, mit 40 Grad“. Bei dem Wetter sollte man am besten „nicht viel aufschneiden“, sagt Öztürk. In Folie eingewickelt halte sich der Käse besser in der Auslage. Das Kaufverhalten ändere sich nur wenig. Die meisten hätten eine Kühltasche dabei. Die Leute würden bevorzugt Mozzarella und Handkäse kaufen, berichtet sie.

Kundin Laura Emrich fragt sich, „warum machen alle immer so ein Fass um die Hitze?“. Als sie angekommen sei, habe sie es zwar kurz bereut, auf den Markt gegangen zu sein, aber sie finde es überflüssig, dass immer so viel über die Hitze gesprochen und geklagt werde.

„Im Urlaub in Spanien oder Italien wünschen wir uns immer, dass es heiß ist“, sagt Emrich. Sie war auf dem Markt, nur um Oliven zu kaufen. Doch dann werde es immer viel mehr. Etwa einmal im Monat besuche sie den Wochenmarkt, weil sie in der Nähe wohne. Am liebsten geht sie zum Käsestand. Heute hat sie einen Trüffel-Pecorino gekauft, denn am Abend werden Freunde zu Besuch kommen.

Der Markt ist am Donnerstag bis um 18 Uhr geöffnet und selbst dann ist es noch über 30 Grad in Frankfurt. Ein besonders heißer Tag geht zu Ende.

Ein Schirm schützt vor der Sonne auf dem Römerberg.
Ein Schirm schützt vor der Sonne auf dem Römerberg. © Michael Schick
Hans Tochanke entspannt im Grünen auf dem Rathenauplatz.
Hans Tochanke entspannt im Grünen auf dem Rathenauplatz. © Michael Schick

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