1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Begnadete Knallkörper

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Behr

Kommentare

So könnte es bald schon wieder aussehen. Andreas Arnold/dpa
So könnte es bald schon wieder aussehen. Andreas Arnold/dpa © dpa

Silvesterfeuerwerk ist in der Akzeptanzkrise. Aber es gibt sie noch, die guten alten Böller - man muss nur etwas suchen.

Natürlich kann man der Meinung sein, wer in Zeiten von Krieg, Klimakollaps und Inflation sein Geld zu Silvester ums Verrecken verschwarzpulvern muss, der hat den Knall nicht gehört. Einerseits stimmt das natürlich. Andererseits: Wenn selbst der Spießersupermarkt ums Eck so tut, als interessiere ihn plötzlich noch etwas anderes als Profit, und er mit einem Schild an der Kasse die Kunden frech anlügt, dass man „den Tieren und der Umwelt zuliebe“ heuer auf den Verkauf von Silvesterfeuerwerk verzichte, dann kann einem schon die Lunte glimmen.

Aber die zu löschen ist auch nicht mehr so einfach wie einst, als einem die Böller und Raketen in jedem zweiten Geschäft quasi um die Ohren flogen. Noch ist es zwar nicht so, dass man abends an der Konstabler mit „Brudi, brauchsdu Knallfrosch?“ angequatscht wird. Aber viele Märkte und Drogerien haben wohl bemerkt, dass die Kundschaft von heute und erst recht die von morgen Pyrotechnik nicht mal kaufen würde, wenn die vegan wäre. Das echte Geschäft mit Knall und Rauch hat sich mittlerweile eher in die Hinterhöfe verlagert.

Etwa in den in der Hanauer Landstraße, wo man Frankfurts derzeit wohl professionellsten Feuerwerksladen und eine stabile Bastion wider den Zeitgeist findet. Hier ist alles noch so, wie sich die Zeugen Krater-Edis den Himmel vorstellen. Hier tragen die Raketenbatterien noch so klangvolle Namen wie „Barbarossa“. Hier tragen Verkäufer tatsächlich Sweatshirts, auf denen dick und fett „So gut können Pyrotechniker aussehen“ steht. Hier steht man zu den Produkten, die man verkauft und bei denen der Name Programm ist. Etwa bei dem Megaböller „Vogelschreck“, dessen Verpackung ein ziemlich verstörter Papagei ziert. Der hat aber auch allen Grund zur Verstörung, denn beim „Vogelschreck“ handelt es sich um einen „Boden-Luft-Böller mit starkem Abschussknall und lautem Titansalut-Blitz nach Aufstieg“. Der ist bestimmt auch hilfreich bei der Vergrämung balkonverkotender Tauben.

So was findet immer sein Publikum, und bereits zur Mittagszeit hat sich vor dem Laden eine ansehnliche Schlange an Kundschaft angestaut. Echte Profis haben aber ohnehin online vorbestellt und holen nur ab. So schlau können Pyrotechniker sein.

Silversterfeuerwerk holt man am stilvollsten nach Vorbestellung im Verbrenner ab, weshalb es einen Einweiser gibt, der die motorisierte Kundschaft in den recht engen Hinterhof lotst. Und es gibt einen Ausweiser, der Pressefotografen aus dem Hof lotst, weil es wohl in den vergangenen Jahren „negative Presseberichterstattung“ gegeben habe, der Himmel weiß wo, vermutlich in der Papageienpresse.

Hier und heute jedenfalls gibt es keine. Dieser Laden versucht wenigstens nicht, seine Kundschaft für doof zu verkaufen, indem er ihnen nachhaltige Böller, bleifreies Bleigießen oder LGBT-Raketen mit Regenbogenexplosion andrehen will. Hier gibt es Feuerwerk, hier sind Böller noch richtige Böller und basta!

Und hier sind Männer noch richtige Männer und Frauen noch richtige Frauen. Damit sich die Herren der Schöpfung nach alter Väter Sitte zum Jahreswechsel ungestört gegenseitig totböllern können, ist der Laden nach eigenen Angaben „auch für die Frauenwelt bestens gerüstet. Von Goldfontänen mit über sechs Meter Steighöhe“ - es kommt eben doch auf die Länge an - „bis hin zur kunterbunten Einhornfontäne ist alles dabei, was das Feuerwerkerinnen-Herz begehrt“.

Supi wäre es, wenn das Einhorn beim Abfackeln noch die neuesten Schmink- und Diättips sowie den hottesten Gossip aus der Welt des Hochadels vorsingen würde, aber soweit ist die Künstliche-Doofheit-Technologie leider noch nicht. Vielleicht im nächsten Jahr.

Auch interessant

Kommentare