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Frankfurt: Begleiterin in einem fremden Land

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Von: Steven Micksch

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vKerstin Graf sorgt für Erziehung, Pflege, Schutz und Wohl ihres Mündels Mobeen.
vKerstin Graf sorgt für Erziehung, Pflege, Schutz und Wohl ihres Mündels Mobeen. © Renate Hoyer

Kerstin Graf kümmert sich um einen 15-jährigen Geflüchteten, der alles in Afghanistan zurücklassen musste. Ehrenamtliche Vormünder helfen Menschen mit Fluchterfahrung beim Start in ihrer neuen Heimat.

In sich gekehrt sitzt Mobeen am Tisch in den Räumen des Kinderschutzbundes Frankfurt. Wer den 15-Jährigen sieht, vermag nicht zu erahnen, welche Ängste und Strapazen er bei seiner Flucht aus Afghanistan vor wenigen Monaten durchleben musste. Neben ihm sitzt Kerstin Graf. Die 60-Jährige ist seit Juni der ehrenamtliche Vormund des geflüchteten Jugendlichen. „Mobeen macht das wirklich gut“, sagt sie.

Kerstin Graf und Mobeen haben sich über das Vormundschaft-Programm des Frankfurter Kinderschutzbundes kennengelernt. Etwa 60 Menschen betreuen darüber derzeit aktiv junge Menschen. Nicht nur geflüchtete, sondern auch Kinder, die aus anderen Gründen nicht mehr bei ihrer Familie leben können.

Ein Vormund übernimmt die persönliche und rechtliche Vertretung eines Minderjährigen und trifft alle wichtigen Entscheidungen für das Kind, wobei mit zunehmendem Alter das Mündel in die Entscheidungsprozesse mit eingebunden wird. Der ehrenamtliche Vormund wird eingesetzt, wenn Eltern die Sorge für ein Kind nicht mehr wahrnehmen können oder dürfen.

Dass Mobeen eine Vormundschaft benötigt, hat mit den Taliban zu tun. Nach dem Abzug der westlichen Nationen haben sie wieder die Herrschaft über Afghanistan übernommen. Auch Tachar, wo Mobeen einst lebte, wurde besetzt. Die Taliban ermordeten seinen Bruder, der bei der Polizei arbeitete, und seinen Vater, der zuvor mit der Regierung zusammengearbeitet hatte.

Gemeinsam mit einem weiteren Bruder und seinem Cousin floh er im Auto über den Iran in die Türkei. Dort wurden seine beiden Begleiter festgenommen und zurück in den Iran geschickt. Mobeen schaffte es nach Griechenland, wo er sich an die deutschen Behörden wandte und schließlich im März nach Deutschland kam. Seine Mutter, Schwester und ein jüngerer Bruder leben immer noch in Afghanistan. Den Kontakt zu ihnen konnte er immerhin halten. „Ich bin froh, hier zu sein, aber ich mache mir auch Sorgen um meine Familie.“

Kerstin Graf erzählt: „Wir haben noch nicht viel über die Vergangenheit gesprochen. Ich möchte, dass er erst einmal hier ankommt und den Blick nach vorne richtet.“ Später, wenn Mobeen besser Deutsch sprechen kann, werde man auch über diese Themen reden. Ein Sprachkurs für ihn ist gefunden und auch eine Schule, auf die er bald gehen kann.

Die zurückliegenden Monate seit ihrem Kennenlernen waren bereits aufgabenreich und aufregend. Es galt, eine Wohnmöglichkeit für Mobeen zu finden, Gespräche mit dem Jugendamt zu führen, den Asylantrag zu stellen, Arztbesuche zu organisieren und das Wichtigste: Vertrauen aufzubauen.

Die Kontakte zu den Ämtern herzustellen sei aufwendig und man müsse sich die Zeit dafür nehmen, aber man bekomme dann bereitwillig Unterstützung. „Alle sind sehr bemüht zu helfen.“ Die schiere Menge der aktuell laufenden Verfahren überfordere aber die Ämter. Die Zahl der nach Deutschland kommenden unbegleiteten Minderjährigen ist riesig. Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne) erklärte jüngst, dass es im August so viele Erstkontakte gab wie noch nie seit 2016. Dadurch sei auch der Bedarf an Einzelvormündern wieder enorm gestiegen.

Auf die Möglichkeit der Vormundschaft hat sie eine ehemalige Kollegin gebracht, die von ihrem eigenen Engagement berichtete. „Ich habe Freude daran, junge Leute zu unterstützen“, sagt Graf. Und sie habe in ihrer Lehrerlaufbahn gesehen, dass es einen Unterschied macht, wenn ein Kind Untersetzung bekommt. „Uns geht es hier gut, da kann man auch etwas zurückgeben.“

Für Mobeen ist es sicherlich ein Glücksfall. Der 15-Jährige ist froh, dass er bald zur Schule gehen kann.

„Die Sprache zu lernen, ist mir wichtig. Dann gucken wir weiter“, sagt er dem Dolmetscher. Und auch das persönliche Miteinander mit seinem Vormund soll dann noch intensiver werden. Beide haben großes Interesse am Fußball. Ein Besuch des Waldstadions ist schon eingeplant.

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