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Damen hatten schon immer etwas mehr Stoff zu bändigen. Eadweard Muybridge: „Animal locomotion“.

Historisches Museum

Frankfurt: Befreite Frauen

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Das Historische Museum widmet sich in diesem Jahr zunächst textilen Fesseln, erforscht später, wie Rassismus entsteht – und was man dagegen tun kann.

Die Dame von Welt, wie bewegte sie sich vor knapp 200 Jahren durch die feinere Gesellschaft? „Sie trug ein Kleid mit einem solchen Umfang“, Jan Gerchow kann die Bewegung gar nicht groß genug machen, „zwei Meter Radius“, der Museumsdirektor breitet die Arme weit aus, „das Gesäß artifiziell vergrößert, der Stoff bis zum Hals hochgeschlossen“, kurz: „So gut wie keine Bewegungsfreiheit.“

Eine Partie Tennis oder eine Ausfahrt mit dem Rad, so viel lässt sich aus heutiger Sicht wohl beurteilen, war nicht drin für die modisch gekleidete Dame um das Jahr 1850. Aber dem sollte im weiteren Verlauf der Geschichte Abhilfe geschaffen werden. Wie es begann, und wie Schritt für Schritt die Befreiung der Frau von textilen Fesseln voranging: Davon erzählt die Ausstellung „Kleider in Bewegung – Frauenmode seit 1850“ ab 19. März. Sie ist einer der Höhepunkte dieses Jahres im Historischen Museum.

Tausende Stücke, vom Schuh bis zum Kamm, hat das Museum in seinem Besitz. Gestiftet, vererbt von Frankfurter Familien. Zu sehen sind in der Ausstellung aber auch an die 300 Exponate verschiedener Leihgeber, basierend auf einem Forschungsprojekt der Uni Paderborn. Die Zeitreise mit frühem Filmmaterial, Fotos und edlen Stoffen zeichnet den rasanten Wandel der Frauenmode nach: Historische Kostüme sind in Bewegungsabläufen zu sehen. „Eine Herausforderung“, sagt Gerchow, zumal die historischen Kleiderstoffe ein schwieriges Museumsmaterial seien: „Oftmals etwas, das man nicht mal anfassen, geschweige denn bewegen sollte.“

1850 undenkbar: Charlestonkleid, um 1925.

Was sich durchaus bewegte, war die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Was sich übrigens nicht bewegte, war die Herrenmode in jenen 80 Jahren. Ein Kragen hier, eine Knopfreihe dort. Und wenn wir ehrlich sind: Selbst heute trägt der Herr, was er schon immer trug – Anzug.

Gerchow blickt, wenn er über die kommende Schau spricht, auch gern zurück auf die erfolgreichste Ausstellung aller Zeiten im Historischen Museum: Da ging es um Unterwäsche. 110 000 Besucher kamen, in den 90er Jahren war das, im Betonbau noch. Von den Zahlen ist das Haus heute weit entfernt, auch wenn der 2017 eröffnete Neubau durchaus Zuwachs brachte. Die „Damenwahl“-Ausstellung über 100 Jahre Frauenwahlrecht sahen 2018/19 mehr als 40 000 Menschen. Immerhin. Zu den Schauen des vorigen Jahres, „Vergessen“ und „Meisterstücke“ (noch bis Sonntag), kamen um die 20 000. „In Zukunft wollen wir gern wieder Zahlen wie bei der Damenwahl erreichen“, sagt der Direktor.

Dabei brachte der Umzug durchaus Zugewinn, was die Besucherzahl insgesamt angeht. 180 000 Mal klingelte die Kasse im vergangenen Jahr, etwas weniger häufig als 2018 – aber weitaus häufiger als zu Zeiten des ästhetisch kuriosen Vorgängerbaus, den maximal 100 000 besuchten. Das Museum soll bald mit einer Kampagne noch stärker ins Bewusstsein der Frankfurter und auch der Touristen hineingeworben werden. Potenzial wäre etwa bei den jungen Besuchern. Ihre Zahl sank mit dem Umzug; das Vorgängerdomzil des Kindermuseums in der Zwischenebene der Hauptwache war zentraler und übersichtlicher. „Die Verteilung des Jungen Museums auf drei Ebenen heute ist nicht ganz glücklich“, sagt Gerchow. „Daran wollen wir noch arbeiten.“

Arbeit zum Thema Rassismus: „Let’s talk about race“. Chris Buck

Für großes Interesse dürfte die zweite große Ausstellung des Jahres sorgen: „Rassismus – die Erfindung von Menschenrassen“ ab 16. September. 80 000 Besucher sahen diese Schau bereits in Dresden beim Kooperationspartner, dem Deutschen Hygienemuseum. „Die Ausstellung fragt, wie das wissenschaftliche Konzept einer sogenannten Rassenlehre entstehen konnte“, beschreibt Gerchow: „Was waren die Folgen dieser Ideologie, wie entwickelte sich Rassismus bis hin zur Kulmination im Nationalsozialismus?“

Die Ausstellung wird Einrichtungen unter die Lupe nehmen, die in Frankfurt arbeiteten – etwa das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ (1941-44). Und sie wird sich auf Spurensuche nach Kolonialismus und Rassismus in Frankfurt begeben: Welche Formen gab und gibt es, mit welchen Mitteln kann man Rassismus hier entgegenwirken?

Dieses Projekt dient im Übrigen auch als Vorbereitung für ein noch weitaus größeres: „Frankfurt und der Nationalsozialismus“ wird das Thema von Oktober 2021 bis ins folgende Jahr hinein sein, in Kooperation mit dem Jüdischen Museum, dem Fritz-Bauer-Institut, der Bildungsstätte Anne Frank und dem Institut für Stadtgeschichte. Die Ausstellung war ursprünglich schon für dieses Jahr geplant gewesen. „Es wird die erste sein, die sich nicht nur in Teilbereichen, sondern umfassend mit diesem Thema befasst, kündigt Gerchow an. Außerdem für 2021 vorgesehen: „Die Stadt und das Grün“.

Museumsjahr

Das Historische Museum, Saalhof 1, zeigt vom 19. März an „Kleider in Bewegung“. Ende April beginnt ein „modisches Stadtlabor“ zu dem Thema, im Juni folgt eine Werkstoff-Ausstellung des Jungen Museums dazu. Wer möchte, kann auch sein „unbequemstes Kleidungsstück“ zu dem Projekt beitragen. Ein Aufruf des Museums dazu folgt noch. 

Zur Luminale (12. bis 15. März) ist das Historische Museum eine Kooperation mit dem Bund Deutscher Innenarchitekten und mit drei Hochschulen eingegangen. Sie bespielen Teile des Komplexes mit Lichtinstallationen. 

Im Mai (2020) beginnen schon die Vorbereitungen für „Frankfurt und das Grün“, eine Pflanzenausstellung für 2021 rund ums Museum. Teilnehmer dafür werden gesucht. 

Ein Symposium im Juni feiert 20 Jahre „Bibliothek der Generationen“, ein Projekt, das Erinnerungen und Auseinandersetzungen mit der Stadt sammelt. 130 Autorinnen und Autoren sind schon dabei. 

„Rassismus“ heißt das Thema der Ausstellung vom 16. September bis in den Januar 2021. Auch dazu wird es ein begleitendes Stadtlabor geben: „Decolonize Frankfurt“. ill

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