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Vassilis Christopoulos, Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, hat virtuell Solisten zu einem Orchester zusammengeführt - seit Kurzem dürfen die Studierenden aber auch wieder live proben.

HfMDK Frankfurt

Beethoven am Heimcomputer

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) in Frankfurt hat Beethovens „Schicksalssinfonie“ zusammengepuzzelt – mit Teilen aus der ganzen Welt.

Beethoven ist sicher einer der berühmtesten Deutschen, seine Musik wahrlich international und vielstimmig. Die Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) hat jetzt eine allerdings auch im wahrsten Sinne des Wortes weltumspannende Produktion eines der bekanntesten seiner Werke fertiggestellt, den ersten Satz der 5., der sogenannten „Schicksalssinfonie“.

Die kam unter ziemlich ungewöhnlichen Umständen zustande und ist vom 29. September an auf der Internetseite der Hochschule zu sehen und zu hören. Die „Schicksalssinfonie“ haben vier junge Dirigenten und rund 30 Musikerinnen und Musiker eingespielt, was an sich noch nichts so Ungewöhnliches ist. Dass aber jeder für sich spielte oder dirigierte, sich dabei zu Hause vor dem Computer sitzend immer wieder dabei aufnahm, das war auch für Vassilis Christopoulos, Professor an der HfMDK mit langer Dirigiererfahrung, und seine Studierenden die absolute Ausnahme.

Christopoulos saß während der coronabedingten, fast ein halbes Jahr dauernden Schließung der renommierten Hochschule in Griechenland vor dem Computer, einer seiner Dirigatstudenten, Musashi Baba, sogar im heimischen Japan. „Und mein Cousin, der uns bei der technischen Umsetzung helfen konnte, lebt in Australien“, sagt Christopoulos lachend. „Da mussten wir immer einen Zeitpunkt zum Telefonieren finden, wo wir beide wach waren.“

Also gingen die Aufnahmen mit den einzelnen Beethoven-Stückchen tatsächlich immer wieder rund um den Globus. Wie kann das funktionieren? „Ich habe mich hingesetzt, erst einmal die ganze Sinfonie eingesungen und aufgenommen, damit das Tempo klar ist“, berichtet der Professor.

Dann gingen die Aufnahmen von Computer zu Computer, von Musiker zu Musiker, hin und her, immer wieder korrigiert. Jeder Mitspielende habe „seine Stimme zugefügt“, sagt Christopoulos. „Es ist auch für ein Orchester eine große Herausforderung. Da gibt es immer wieder Passagen oder Motive, die rhythmisch perfekt sein sollen, aber für sich keinen Sinn ergeben.“

„Ich habe tatsächlich gar nicht so lange gebraucht. Das klappte schon bei der zweiten Fassung“, sagt der Student Baba, der ausgebildeter Posaunist ist und sein Dirigierstudium im kommenden Jahr abschließen will. Andere brauchten fast 30 Versuche. „Keiner wusste, wie es am Ende aussehen würde. Wenn man dirigiert, übt man oft für sich alleine. Das ist also nicht so ungewöhnlich. Nur das nun vor dem Bildschirm war schon ein komisches Gefühl, so ein kraftvolles Stück ohne die Rückmeldung des Orchesters zu dirigieren“, meint er. Vor dem Corona-Lockdown konnte der Student fast täglich ein echtes Ensemble dirigieren, „und dann war plötzlich alles weg. Das habe ich sehr, sehr, sehr vermisst.“

„Schon unter normalen Umständen ist das Dirigierenüben in der Klasse eher unbefriedigend, und natürlich ist das digital noch unbefriedigender“, meint Christopoulos, der auch künstlerischer Leiter des Hochschulorchesters ist. „Man lernt das Dirigieren am besten mit einem Orchester, dann kann man die Schwerkraft der Musik erspüren. Ein Orchester, das sind ja Menschen, keine Musikinstrumente, die von selbst spielen. Das muss man lernen.“

Entstanden ist ein buntes musikalisches Mosaik, Beethovens mitreißende Melodie funktioniert auch so aufgeteilt und neu zusammengepuzzelt gut. „Natürlich ist das keine Plattenaufnahme, das ist uns ja allen klar“, sagt Christopoulos. Entstanden ist aber eine interessante, sehr hörenswerte Version der „Schicksalssinfonie“ –– und das passt gut zu den schwierigen Zeiten.

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