Der Bau des Luxushotels Sofitel an der Alten Oper ist der jüngste Eingriff in die Wallanlagen.
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Der Bau des Luxushotels Sofitel an der Alten Oper ist der jüngste Eingriff in die Wallanlagen.

Interview

Frankfurt: Baumschützerin sieht Wallanlagen durch Kulturmeile bedroht

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Baumschützerin Gisela Becker bezeichnet die Geschichte der Frankfurter Wallanlagen als eine Geschichte des Verlusts. Auch in Hinblick auf die geplante Kuturmeile ist sie skeptisch.

Gisela Becker (73) ist seit Jahrzehnten in Bürgerinitiativen für die Erhaltung von Natur und Umwelt aktiv.

Frau Becker, Sie engagieren sich seit Jahrzehnten in verschiedenen Bürgerinitiativen für die Erhaltung der Wallanlagen in der Frankfurter Innenstadt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Leider keine guten. Die Geschichte der Wallanlagen ist eine Geschichte des Verlusts. Die Verluste an Bäumen waren immer größer als die Neuanpflanzungen. Das hat sich leider zum Prinzip entwickelt. Es gibt viele Beispiele dafür.

Sie haben sich im zurückliegenden Jahrzehnt gegen den Bau eines Luxushotels neben der Alten Oper und eines unterirdischen Umspannwerks an der Hochstraße engagiert.
Das ist richtig. Damals fielen alleine an der Hochstraße acht schöne alte Platanen, von denen nur zwei ersetzt wurden. Für das Hotel und seine Tiefgarage wurden 27 Bäume gefällt. Heute sind die Wallanlagen sozusagen das grüne Entree des Hotels geworden, das ist traurig. Man hat dort einige Platanen als Ersatz gesetzt, die aber den Verlust nicht ausgleichen. Ich will Ihnen ein aktuelles Beispiel nennen: Die Alte Oper wird gerade saniert beim Brandschutz. Das Materiallager aber für diese Arbeiten hat man in die Wallanlagen gebaut. Man sieht daran, wie wenig Stellenwert das Grün genießt.

Jetzt hat Kulturdezernentin Ina Hartwig Pläne für eine Kulturmeile vorgestellt. Auf dem Grundstück Neue Mainzer Straße 47-51 am Rande der Wallanlagen soll eine neue Oper gebaut werden. Die Eingriffe in die Wallanlagen sollen so klein wie möglich sein und an anderer Stelle mehr als ausgeglichen werden, so wird versprochen.
Ich bin da sehr skeptisch. Ich frage mich, wie viele Bäume dafür wieder auf der Strecke bleiben. Der Architekt Christoph Mäckler, der die städtebauliche Studie für die Kulturmeile angefertigt hat, ist ja kein Beschützer der Bäume. Das zeigt sich daran, welche Folgen seinerzeit der Bau des von ihm entworfenen Hochhauses Opernturm für den Rothschildpark hatte. Damals wurden 25 Laubbäume im Rothschildpark abgesägt, darunter viele schöne Eiben.

Aber der Rothschildpark rund um den Opernturm ist doch größer geworden.
Ja, aber um welchen Preis? Es ist ein neues Stück Park entstanden zur Bockenheimer Landstraße hin, das ist richtig. Dort stehen aber nur kleine Bonsaibäumchen, weil unter dem Grundstück die Tiefgarage des Hochhauses liegt. Das wurde dann groß gefeiert, weil die Parkfläche insgesamt größer wurde. Man muss aber auch auf die Qualität des Grüns schauen. Das ist insgesamt ein Verlust an Natur. Leider hat die Natur keine politische Vertretung im Römer.

Aber da gibt es die Grünen, die jetzt dafür kämpfen, dass die Verluste für die Wallanlagen bei der Kulturmeile so klein wie möglich werden.
Die Grünen können Sie vergessen, das muss man leider so hart sagen. Das hat sich in den zurückliegenden Jahren bei den Wallanlagen gezeigt, etwa durch das neue Hotel an der Alten Oper. Wo waren denn da die Grünen? Ich befürchte, dass durch die Kulturmeile ein neuer substanzieller Verlust für die Wallanlagen eintreten würde. Ich nenne Ihnen ein anderes Beispiel: der Neubau des Hochhauses Taunusturm am Taunustor. Da wurden wunderschöne Catalpa gefällt, also alte Trompetenbäume. Als Ersatz für das verlorene Grün wurden hoch aufragende Eichen gepflanzt, die überhaupt keine Kronen haben, die sind wie Säulen. Das ist kein Stadtgrün, das ist nur Bluff!

Sie befürchten, dass sich das bei einer neuen Oper an den Wallanlagen wiederholen würde?
Ja. Die Sprache der Architektur, die immer so gefeiert wird, ist nicht die Sprache des Naturschutzes. Viele Stadtplaner und Architekten sind leider nicht fähig, Grün zu planen und das Grün zu achten. Bedauerlicherweise ist in Frankfurt die Wertschätzung für Bäume sehr gering. Gerade alte Bäume müssten sehr viel mehr Wertschätzung erfahren. Diese Achtsamkeit fehlt generell in der Stadtplanung in Frankfurt. Ich bin also mit Blick auf die Kulturmeile sehr skeptisch.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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