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Frankfurt: Barrieren am eigenen Körper erfahren

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Projektleiterin Ulrike Schneider zeigt eine Modellwohnung mit technischen Hilfsmitteln.
Projektleiterin Ulrike Schneider zeigt eine Modellwohnung mit technischen Hilfsmitteln. © Renate Hoyer

Erlebnisausstellung in Frankfurt gibt Besucher:innen Einblick in die Welt von gehörlosen und schwerhörigen Menschen.

Kommunikation gehört zur Routine im gesellschaftlichen Miteinander, egal ob im Café, an der Supermarktkasse oder bei dem Gang aufs Amt. Was passiert aber, wenn eine Gruppe von dieser Kommunikation ausgeschlossen wird? Viele gehörlose und schwerhörige Menschen stoßen täglich auf kommunikative Barrieren. An diese Hindernisse wird oft nur unzureichend bei Debatten über „Barrierefreiheit“ gedacht.

Im Gegensatz zu Barrieren, die den körperlichen Zugang behindern, sind diese kommunikativen Barrieren für viele hörende Menschen nicht auf den ersten Blick erkennbar. Eine Durchsage am Bahnhof, die nicht auch schriftlich angezeigt wird, unzureichende Verfügbarkeiten von Gebärdensprachdolmetscher:innen in öffentlichen Institutionen, aber auch Menschen, die sich im Gespräch abwenden, so dass ein Mundablesen nicht mehr möglich ist – all das erschwert die Teilhabe gehörloser und schwerhöriger Menschen. Die Erlebnisausstellung „Hallo Freiheit. Zusammen über Barrieren“ in den Räumen der Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige hat sich zum Ziel genommen diese Barrieren sichtbarer zu machen.

„Menschen sind nicht behindert. Sie werden behindert“, steht auf eine der großen Texttafeln, direkt zu Beginn der Ausstellung. Zusammen mit der Frankfurt University of Applied Sciences und dem Sozialverband VdK Hessen-Thüringen entwickelte die Stiftung die Ausstellung, die seit Anfang 2020 Besucher:innen dazu einlädt, einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Hier können interessierte Privatpersonen, Schulklassen, aber auch Gruppen, wie Auszubildende für Pflegeberufe, in die Lebensrealität von gehörlosen und schwerhörigen Menschen eintauchen.

„Das zentrale Thema der Ausstellung ist es, den Besucherinnen und Besuchern näherzubringen, wie sie nicht sichtbare Barrieren erkennen können und eine bessere Kommunikation möglich ist. Dabei wollen wir auch zeigen, welche technischen Hilfsmittel eingesetzt werden können“, sagt Ulrike Schneider, Mitarbeiterin der Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige, die regelmäßig Gruppen durch die Ausstellung führt. Dabei lädt sie Menschen auch dazu ein, sich gezielt mit dem eigenen Älterwerden auseinanderzusetzen.

Denn Schwerhörigkeit trifft bei weitem nicht nur die Großelterngeneration. „Etwa 20 Prozent der über 20-Jährigen in Frankfurt haben eine Hörbeeinträchtigung“, stellt Ulrike Schneider klar. Diese reichen von leichtgradigen Beeinträchtigungen bis zu an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit. Zudem werden fast 90 Prozent aller Behinderungen durch Krankheiten ausgelöst. Deswegen ist es Schneider wichtig, auch schon junge Menschen für das Thema Schwerhörigkeit und andere Arten von Behinderungen zu sensibilisieren.

Sie ist sich sicher, dass, wenn die breite Gesellschaft beispielsweise mehr Berührungen mit technischen Hilfsmitteln hätte, automatisch viele Barrieren im öffentlichen Raum für Betroffene einfacher zu überwinden wären. Ihr ist aber auch wichtig zu betonen, dass vor allem im Bereich Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit nicht jedem die gleiche Technik oder überhaupt irgendeine Art von Technik helfe, da jeder ganz individuelle Voraussetzungen mitbringe.

„Die Aufklärungsarbeit für Betroffene selbst kann irgendwann sehr kräftezehrend sein und oft ist auch gar nicht die Zeit dafür. Wenn aber alle schon ein gewisses Grundwissen hätten, wäre es einfacher, Hilfsmittel in alle möglichen Lebenslagen miteinzubinden und so auch das Bewusstsein für mögliche Barrieren zu stärken“, sagt sie.

Das Bewusstsein für die täglichen Barrieren, vor denen die Betroffenen stehen, soll geschärft werden.
Das Bewusstsein für die täglichen Barrieren, vor denen die Betroffenen stehen, soll geschärft werden. © Renate Hoyer

Auch Olaf Kirschberger ist der Meinung, dass viele Menschen erst einmal davon ausgingen, dass die Auseinandersetzung mit technischen Hilfsmitteln sie nicht betreffe. Kirschberger ist Geschäftsführer des deutschen Vertriebs von Bellman & Symfon. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Schweden entwickelt technische Hilfsmittel, mit denen gehörlose und schwerhörige Menschen darin unterstützt werden, ein eigenständiges und sicheres Leben führen zu können. So gibt es beispielsweise spezielle Funksysteme, mit denen das Telefon, die Klingel oder der Rauchmelder mit einer Lichtblitzanlage oder einem Vibrationskissen verbunden werden, um Alarmsignale visuell oder haptisch spürbar zu machen.

Kirschberger ärgert sich oftmals darüber, dass Barrierefreiheit im öffentlichen Raum zu einseitig betrachtet wird, Wenn ein Hotel mit Barrierefreiheit werbe, dann aber der Rauchmelder nicht an eine Signalanlage angeschlossen sei, sei das „eine Vollkatastrophe“. Es sei einfach eine Frage der Sicherheit und des Schutzes von Menschen solche Dinge mitzudenken.

Allgemein erlebt er immer wieder, dass viele Menschen denken, mit Hörgeräten sei alles gelöst und zusätzliche Hilfsmittel seien eher „Schnickschnack“. „Wenn ich sie dann frage, wie sie sich fühlen würden, wenn sie irgendwann nicht mehr gut hören könnten und die Informationen und Alarmsignale um sich herum nicht mehr mitbekommen, schlucken die allermeisten erst einmal. Dann wird ihnen bewusst, dass es sie auch treffen kann.“

In der Frankfurter Ausstellung sind in einer Art Wohnungsnachbau einige der technischen Hilfsmittel zu entdecken, die von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen genutzt werden können. So wird praxisnah erlebbar gemacht, wie diese funktionieren. Außerdem verteilt Ulrike Schneider während der Führungen immer eine Art Kopfhörer, an dessen Ende ein Hörgerät baumelt. So kann das Hören durch das Hilfsmittel selbst ausprobiert werden. „Viele merken dann erst, wie anstrengend es auch für unser Gehirn ist, sich an dieses ganz andere Hören zu gewöhnen.“

Durch das Hörgerät sind plötzlich Nebengeräusche genauso laut wie gesprochene Worte. Das Rascheln von Papier oder das Klappern eines Löffels am Tellerrand lässt einen zunächst zusammenzucken. Und auch mehrere Stimmen durcheinander können schnell überfordern. Die Mitarbeiterin der Stiftung erklärt: „Ab einem bestimmten Alter wird es immer anstrengender, sich an ein Hörgerät zu gewöhnen. Das kennt man vielleicht von der eigenen Oma, die nicht gerne ihr Hörgerät trägt. Junge Menschen haben da noch weniger Probleme und können oft schneller damit umgehen.“

Ein weiterer Bereich der Ausstellung widmet sich der Gehörlosenkultur und der Geschichte der Gebärdensprache. Dabei wird klar, dass nicht nur technische Hilfsmittel, sondern auch Gebärdendolmetscher:innen Barrieren abbauen können.

Karin Brenneis, taub und Dozentin für Deutsche Gebärdensprache an der Stiftung, sagt, dass es selbstverständlich sein müsse, dass die Kosten für Gebärdensprachdolmetscher:innen von staatlicher Seite übernommen würden. Bisher gibt es zwar einen Rechtsanspruch in gewissen Bereichen, wie eine Übersetzung beim Besuch einer öffentlichen Behörde, aber für Kultur, Fortbildungen oder Freizeit werden die Kosten in der Regel nicht übernommen.

Ein weiteres Problem ist auch, dass es aktuell gar nicht genug Dolmetscher:innen gibt. Dieser Mangel hat laut Brenneis gravierende Auswirkungen: „Firmen stellen keine tauben Menschen mehr ein. Man kann nicht an Versammlungen teilnehmen. Arzttermine können nicht wahrgenommen oder verschoben werden. Bei Gesprächen in Kreditinstituten oder mit Versicherungen treten Missverständnisse auf und es besteht keine Möglichkeiten sich weiter- beziehungsweise fortzubilden.“

Mitleid wünscht sich Brenneis nicht, sondern mehr Bewusstsein der Hörenden für die Gehörlosenkultur. „Wir sind keine Kopie von Hörenden, nur dass wir nicht hören können. Wir haben eine eigene Kultur. Unsere Welt ist reich. Die Gesellschaft sollte Geduld mit uns haben, Interesse an unserer Welt zeigen, sich darüber informieren, uns viel zutrauen und nicht vorverurteilen. Wir können alles außer Hören.“

Führungen durch die Ausstellung können ab vier Personen vereinbart werden. Diese finden je nach Pandemielage auch online statt. Mehr Informationen unter: https://www.glsh-stiftung.de/

(Anna Laura Müller)

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