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Frankfurt: Bar Mizwa als Kunstprojekt

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Von: George Grodensky

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Was für eine schöne Frankfurter Erfahrung, von der Ariel Efraim Ashbel berichtet.
Was für eine schöne Frankfurter Erfahrung, von der Ariel Efraim Ashbel berichtet. © ROLF OESER

Ariel Efraim Ashbel lädt zu seiner religiösen Sinnsuche ein. Der Performance-Künstler setzt sich mit jüdischen Ritualen und Festen auseinander.

Ariel Efraim Ashbel hat am Wochenende seine Bar Mizwa nachgeholt. Die ist für Juden in etwa das, was die Konfirmation für Protestanten ist. Ein Ritual, bei dem junge Menschen ihre religiöse Mündigkeit erlangen. Oder einfach ein Ritual, das zur Kultur dazugehört, auch bei eher säkularen Familien. Ashbel hatte mit 13 Jahren aber keine Lust auf Rituale. „Ich war ein rebellisches Kind“, sagt er.

Heute, mit 40, ist der Performancekünstler immer noch rebellisch. Seine Haltung gegenüber jüdischen Ritualen hat er aber überdacht. Jetzt findet er, alle sollten etwas davon haben. Darum hat er auch alle eingeladen, mit ihm zu feiern. Also, soweit es die religiösen Regeln zulassen. Auftakt ist am Samstagmittag der Kiddush, der Stehempfang nach dem Gottesdienst, vor dem Jüdischen Museum am Bertha-Pappenheim-Platz. Das ist ganz im Sinne des Projekts Metahub. Das hat den Wahlberliner Ashbel nach Frankfurt gelockt. In Metahub kooperieren Jüdisches und Archäologisches Museum, Künstler*innenhaus Mousonturm in Partnerschaft mit dem Node Verein zur Förderung Digitaler Kultur, um neue Wege auszuloten, sich mit jüdischem Erbe auseinanderzusetzen, etwa mit den Fundstücken der früheren Börneplatz-Synagoge. Ariel Efraim Ashbel habe sich mit dem geistigen Erbe beschäftigt, sagt Mirjam Wenzel, Leiterin des Jüdischen Museums.

Er sei dabei selbst überrascht worden, sagt der Künstler. Früher, als junger Mensch in Israel, hat er sich nicht groß mit dem Judentum beschäftigt. Erst vor elf Jahren hat er in Deutschland begonnen, sich mit den Traditionen zu beschäftigen. Seit ein paar Jahren entwickelt er aus dieser Identitätssuche Performances. Zwei Dinge haben ihn in Frankfurt sehr beeindruckt. Erstens, wie ihn die jüdische Gemeinde vorbehaltlos aufgenommen habe. Er ist ja kein Ashkenasi, also europäisch aussehender Jude. Bei ihm ist die jemenitische Seite der Familie durchgeschlagen. Außerdem ist er sehr tätowiert, unter anderem mit Anker am Hals, und trägt einen ulkigen Schnauz. Hat in Frankfurt alles keinen gestört.

Zweitens habe er entdeckt, dass er mit seiner Sinnsuche und performativen Auseinandersetzung mit den Ritualen keineswegs so kauzig sei, wie er gedacht habe. Er hat den Kontext dafür gefunden in der Philosophie und dem intellektuellen Boden der Frankfurter Jüdinnen und Juden der Vorkriegszeit. Im Umfeld der Börneplatz-Synagoge.

Um so passender das Motto, das er für seine Performance gewählt hat. „It takes a village“, ein afrikanisches Sprichwort, das sinngemäß sagt, der ganze Ort wirke mit an der Aufzucht der Kinder. Und das Dorf ist auch da, eine ganze Reihe Gäste hat sich eingefunden, die nicht Familie, Freundeskreis oder Jüdischer Gemeinde angehören. Aus purem Interesse, sagt ein Mann. Er fühle sich geehrt, dass er als Goi, als Nichtjude, am Fest teilnehmen dürfe. Eine Dame freut sich derweil, dass der „wunderbare“, schöne Bertha-Pappenheim-Platz belebt werde.

Es ist tatsächlich eine mitreißende Szene, wie Ashbel im gleißenden Licht auf dem hellen Platz von seinen langwierigen Vorbereitungen für die Bar Mizwa erzählt. Die Gäste aus aller Welt bilden bunte Tupfer. Jede Woche werde in der Synagoge ein Abschnitt aus der Thora vorgetragen, aus der jüdischen Bibel, erklärt Ashbel. Der Bar-Mizwa-Junge übernimmt diese Aufgabe. Es geht dabei nicht einfach nur um den Text, der Prüfling muss ihn gekonnt vortragen mit Singsang und Rhythmus.

Sein Abschnitt sei besonders lang gewesen, moniert Ashbel. Ob er nicht ein bisschen abkürzen dürfe, hat er den Rabbi gefragt. Durfte er nicht. Und das sei auch gut, so Ashbel. Beim Streben nach Frieden auf der Welt, dem wichtigsten Ziel überhaupt, dürfe man auch nicht abkürzen. Gottes Segen sei wichtig und Demut, den Segen allen anderen zu ermöglichen. Auch nichtjüdischen Menschen. „Das ist eine lange und anstrengende Aufgabe.“

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