1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Bananenfalter und andere Wunder der Verwandlung

Erstellt:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Ein Bananenfalter auf einem Stück Banane. Und ein ganz verwegener Bananenfalter auf einer Apfelsinenscheibe. Das wilde Leben.
Ein Bananenfalter auf einem Stück Banane. Und ein ganz verwegener Bananenfalter auf einer Apfelsinenscheibe. Das wilde Leben. © Renate Hoyer

Bald öffnet das Blüten- und Schmetterlingshaus im Palmengarten wieder fürs Publikum. Eine Jacke braucht man drinnen nicht.

Es ist warm. Sehr warm. Und feucht. Aber zugleich ist die Atmosphäre federleicht. Das muss an den Bewohnern dieses Glashauses liegen. Sie hängen an den Pflanzenzweigen, sitzen auf dem Boden, sie hangeln an den Netzen ganz oben unterm Dach, aber vor allem schweben sie, gaukeln durch die Luft. Schmetterlinge, blaue, rote, helle, dunkle, große, kleine, bunte. Im März darf das Palmengartenpublikum wieder zu ihnen – bis dahin gehört ihre Aufmerksamkeit ganz den Schulklassen, die hier etwas lernen können über das Leben.

„Sie sind zutraulich“, sagt Justine Hillenbrand. Und meint nicht die Schulkinder, sondern die Schmetterlinge. Gerade ist ein Bananenfalter auf ihrer Schulter gelandet. Gemeinsam mit Alexander Becker kümmert sie sich im Blüten- und Schmetterlingshaus um alles, was wächst, kreucht und fleucht. Die Gärtnerin und der Gärtner sind im Umgang mit den Profis der Metamorphose geschult. Besuche in Schmetterlingshäusern und -gärten haben ihnen das Wesen der flatterhaften Schönheiten nahegebracht.

Alle zwei Wochen kommen 350 Puppen, sagt Becker. Sie stammen aus Zuchtfarmen in den Tropen, nach den Regeln des Artenschutzabkommens Cites gezüchtet. Trotzdem lebt der wunderschöne und beeindruckend große Blaue Morphofalter, auch Himmelsfalter genannt, nur einige Tage. „Weil er nicht fressen kann“, sagt Alexander Becker. Er fliegt, um Eier zu legen und die Art zu erhalten. Andere große Exemplare haben immerhin vier bis sechs Wochen, die kleineren Arten leben mehrere Monate. Zum Beispiel „Otto“, wie das Team die Art intern nennt, die eigentlich Greta oto heißt. Der allererste geschlüpfte Schmetterling hier im Haus, genannt Herbert I., war ein Zebrafalter und produzierte im Winter 2020 auch bald Nachwuchs: Prinz Herbert.

Was fressen sie, wenn sie fressen können? Nektar. Entweder eine Lösung aus Pollen, Zucker und Honig, die sie aus Schwämmen schlürfen, oder den Pflanzennektar direkt aus den Blüten. Sie bekommen auch leckere Obstspieße. Die durchaus überreif und vergoren sein dürfen. „Das mögen die“, sagt Justine Hillenbrand. Kann schon vorkommen, dass ein Falter dann leicht angeheitert fliegt. Aber fast immer unfallfrei, und wenn doch, dann gibt es keine Verletzten.

SCHMETTERLINGSHAUS

An 3. März öffnet das Blüten- und Schmetterlingshaus im Palmengarten wieder fürs Publikum. Bis dahin bietet die Grüne Schule Führungen für Schulklassen an.

Etwa 60 Arten sind zu sehen, aber nicht alle auf einmal. Eine Lieferung Schmetterlingspuppen aus den Tropen umfasst 20 bis 30 Arten. Welche es sind, erfahren die Empfänger erst kurz vorher.

Die „Flatterpause“ seit Anfang Dezember lag auch an Corona. Generell sollen durchgängig Schmetterlinge im Haus zu sehen sein – nur nicht im Sommer. Da flattern sie ja ohnehin draußen.

Informationen zum Schmetterlingshaus gibt es online unter bsh.palmengarten.de

Ein Postboten-Pärchen turtelt vorbei. Heliconius melpomene, Verbreitungsgebiet Mexiko bis Brasilien. Die Stimmung im gläsernen Blüh- und Flatterpalast: ganz andächtig. Andere Leichtflügler setzen sich auf den Rucksack des Besuchers, auf die Jacke, die Jeans – sogar auf die Corona-Maske. Man will sich gar nicht bewegen. Und fühlt sich geehrt.

85 Prozent Luftfeuchtigkeit, 25 Grad, die wirken wie 40. Dieses Klima brauchen die Puppen zum Schlüpfen. Sie hängen in einer Art Schrank. Das sieht ein bisschen aus wie in den Insektensammlungen bei Senckenberg. Nur eben lebendiger. Ein enormer Bananenfalter löst sich gerade aus einer eher kleinen Puppe. Daher also der Name Falter. Morgens schaut das Team in den Schrank mit den angelieferten Puppen, wer geschlüpft ist, und bringt die Schmetterlinge zu den Pflanzen. „Wenn wir hier hereinkommen, ist es ganz still“, sagt Alexander Becker. „Dann hört man die Raupen an den Blättern knabbern.“

„Das ist ein Luxus, sie in den Morgenstunden zu beobachten“, schwärmt Justine Hillenbrand. Sie mag am liebsten den Monarchfalter mit seinen Punkten, ihn fasziniert Greta oto, der Glasflügelfalter, durchsichtig bis auf je einen weißen Streifen pro Flügel. „Die stechen nicht, die saugen nicht“ sagt sie. „Es macht Spaß“, sagt er, auch die einzelnen Zyklen zu sehen: Raupe, Puppe, Schmetterling. Auf einem Bananenblatt ist alles versammelt. Die Eier des Bananenfalters, eine winzige Raupe, die gerade geschlüpft ist, eine schon gewachsene große Raupe, eine verlassene Puppenhülle. Und ein Bananenfalter. Fehlt nur eine gefaltete Banane. Aber den Scherz hören sie hier sicher nicht zum ersten Mal.

Reicht der Platz? Fliegen die Tiere daheim in den Tropen nicht viel weiter? Müssen sie hier nicht. „Sie haben hier alles, was sie brauchen“, sagt Hillenbrand. „In der Natur überleben nur zehn Prozent von der Raupe bis zum Schmetterling“, erläutert Becker, „hier sind es 90 Prozent.“ Wenn alle Menschen brav sind. Im Schmetterlingshaus gilt: bitte ruhig verhalten, Tiere nicht anfassen, nicht aufschrecken, nicht drauftreten, nichts essen. Und aufpassen, dass man niemanden mit hinausnimmt. Auch wenn es scheint, als wollten sie unbedingt mit. So ein Reporterrucksack beispielsweise übt offenbar eine enorme Anziehungskraft auf gewisse Falter aus.

„Viele wissen gar nicht, dass aus einer Raupe ein Schmetterling wird“, sagt Becker. „Wir erklären es. Die Leute lernen hier was.“ Dazu empfiehlt sich auch die Ausstellung im Raum nebenan. Es geht um die Vielfalt der Insekten. Und um die Frage: Warum blühen Pflanzen? Kleiner Tipp: Beides hängt stark zusammen.

Kaum zu sehen mit den transparenten Flügeln: die Art Greta Oto.
Kaum zu sehen mit den transparenten Flügeln: die Art Greta Oto. © Renate Hoyer
Der große Schmetterling schlüpft aus der kleinen Puppe. Daher der Name Falter.
Der große Schmetterling schlüpft aus der kleinen Puppe. Daher der Name Falter. © Renate Hoyer
Ein Blauer Morphofalter. Man nennt ihn auch Himmelsfalter.
Ein Blauer Morphofalter. Man nennt ihn auch Himmelsfalter. © Renate Hoyer
Der Koenigs-Schwalbenschwanz zählt zu den Ritterfaltern. Wohlan, Gevatter! Schauet diese Pracht!
Der Koenigs-Schwalbenschwanz zählt zu den Ritterfaltern. Wohlan, Gevatter! Schauet diese Pracht! © Renate Hoyer

Auch interessant

Kommentare