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Härtere Gangart: Stadtpolizei und Landespolizei laufen seit dieser Woche verstärkt Streife im Bahnhofsviertel.

Reportage

Stadt und Polizei ziehen positives Fazit zur gemeinsamen Aktion im Bahnhofsviertel

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Stadt und Polizei sind mit ihrem Vorgehen zur Befriedung des Stadtteils zufrieden. In zwei Wochen soll eine Bilanz gezogen werden.

Frankfurt - Eine Woche nach dem Start einer gemeinsamen Aktion der Stadt Frankfurt und der Polizei zur Befriedung der Drogenszene im Bahnhofsviertel haben die Verantwortlichen ein erstes positives Fazit gezogen. Man sei mit der Aktion bisher sehr zufrieden, hieß es am Montag auf Anfrage der Frankfurter Rundschau aus dem Büro des zuständigen Gesundheitsdezernenten Stefan Majer (Grüne). 

Es habe sich ein intensiver Austausch zwischen allen beteiligten Kooperationspartnern etabliert. Um Angaben zu den Auswirkungen auf den Stadtteil zu machen, sei es allerdings noch zu früh, hieß es. In zwei Wochen solle eine erste offizielle Bilanz vorgestellt werden.

Frankfurter Polizei lobt die Zusammenarbeit

Auch ein Sprecher der Frankfurter Polizei sagte der FR, die Zusammenarbeit mit der Stadtpolizei und den Sozialarbeitern der unterschiedlichen Drogeneinrichtungen im Bahnhofsviertel funktioniere sehr gut. Insbesondere den Straßensozialarbeitern gelinge es, die Drogenabhängigen auf die Einhaltung bestehender Regeln anzusprechen. „Das funktioniert super“, sagte der Polizeisprecher. 

Widerstand im Bahnhofsviertel: Aktivisten protestieren gegen das Vorgehen von Polizei und Stadt

Anfang vergangener Woche hatten das Drogenreferat der Stadt, die Polizei, das Ordnungsamt, die Stabsstelle Sauberes Frankfurt und die Einrichtungen der Frankfurter Drogenhilfe eine „konzertierte Aktion“ gestartet, um die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel zu beruhigen. Das gemeinsame Vorgehen zielt vor allem darauf ab, dass Drogensüchtige sich nicht mehr in größeren Gruppen auf den Bürgersteigen vor den Hilfseinrichtungen aufhalten. Zudem soll jeder Drogenkonsum in der Öffentlichkeit unterbunden und die Abhängigen dazu angehalten werden, dafür die vorhandenen Konsumräume zu nutzen.

Rauher Wind im Frankfurter Bahnhofsviertel

Erstmeldung vom 21. August

Frankfurt - Auf den ersten Blick wirkt alles wie immer. Am Montagmorgen liegt das Bahnhofsviertel noch recht schläfrig da, das Leben im Stadtteil kommt eher schleppend in die Gänge. Ein paar Handwerker sind schon unterwegs, Gemüsehändler drapieren Paprika und Zucchini vor ihren Läden, Menschen in Bürokleidung laufen in Richtung Bankenviertel. Vor den Cafés in der Kaiserstraße sitzen Leute mit ihrem Kaffee in der Morgensonne, einige Imbisse und Sexshops machen gerade erst auf. Hier und da, etwa in der Niddastraße, kann man vereinzelt obdachlose Menschen sehen, die in den Hauseingängen liegen und schlafen.

Doch auf den zweiten Blick wird klar, dass an diesem Tag etwas anders ist. Als Erstes fällt auf, dass ungewöhnlich viel Polizei im Viertel unterwegs ist. Mehrere Einsatzwagen der Stadt- und der Landespolizei fahren im Schritttempo durch die Straßen, vor allem nördlich der Kaiserstraße, wo sich die meisten Einrichtungen der Drogenhilfe befinden. Und dann kommt es auch schon zu den ersten Kontrollen: Um kurz nach zehn sprechen zwei Polizisten vor einer Einrichtung in der Elbestraße einen jungen Mann an, der sich auf dem Gehsteig auf seinen Rucksack gesetzt hat. Die Beamten lassen sich den Ausweis des Mannes zeigen und beginnen ein Gespräch mit ihm.

Im Ernstfall kommt die Polizei

Die knapp 20 Drogenabhängigen, die in der Nähe ebenfalls auf der Straße und in den Hauseingängen sitzen, beobachten die Szene aufmerksam. Einige gehen sofort weg, als sich die Polizisten nähern. Wenig später werden drei Mitarbeiter der Stadtpolizei an derselben Stelle einen Obdachlosen ansprechen, der daraufhin seine Sachen – eine große Plastikplane, eine alte Decke, ein paar Tüten – einpacken und wortlos das Weite suchen wird.

Seit diesem Montag soll ein anderer Wind wehen im Bahnhofsviertel. Das Drogenreferat der Stadt, die Stadtpolizei, das Polizeipräsidium und die Stabsstelle Sauberes Frankfurt haben sich auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt, um derSituation rund um die Drogenszene im Stadtteil besser Herr zu werden. Die Drogenabhängigen sollen nicht mehr in Gruppen auf den Bürgersteigen sitzen, der Drogenkonsum soll nicht mehr auf der Straße, sondern nur noch in den Konsumräumen der Einrichtungen stattfinden. Die Sozialarbeiter sollen verstärkt auf die Einhaltung dieser Regeln achten – und im Ernstfall kommt die Polizei.

Grüne wollen bei der Drogenpolitik auf dem Frankfurter Weg in der Drogenpolitik bleiben

Der zuständige Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) betont, dass es nicht darum gehe, die Drogenabhängigen zu vertreiben oder die akzeptierende Linie des Frankfurter Wegs in der Drogenpolitik aufzugeben. Die Beschwerden von Anwohnern und Gewerbetreibenden hätten in den vergangenen Monaten aber derart zugenommen, dass man handeln müsse. Vier Wochen lang soll die Aktion dauern, danach soll deren Wirkung ausgewertet werden.

Jutta Ewen würde es begrüßen, wenn die Straßen im Bahnhofsviertel ruhiger und sauberer werden würden. Ewen ist Inhaberin der Metzgerei Stürmer an der Ecke der Elbe- zur Niddastraße. Familienbetrieb in der vierten Generation. Im Grunde komme man mit den Abhängigen im Viertel gut aus, sagt Ewen, aggressiv seien sie selten, und wenn, dann untereinander. Für ihre Kunden sei der Anblick des Elends auf der Straße aber wenig erfreulich. Ewen zeigt auf eine etwas verwahrlost aussehende junge Frau, die sich an einen Bistrotisch direkt vor der Metzgerei gesetzt hat und mit weit nach hinten hängendem Kopf und offenem Mund eingeschlafen ist. „Gleich beginnt unser Mittagsgeschäft“, sagt Ewen. „Eine Viertelstunde können wir sie jetzt noch schlafen lassen, aber dann werde ich sie bitten müssen, zu gehen.“ Insgesamt sei die Lage im Stadtteil für ein Unternehmen nicht besonders gut, sagt Ewen dann. Früher habe es mehr Läden, mehr Anwohner und entsprechend mehr Laufkundschaft gegeben. Heute sei das Bahnhofsviertel etwa an Sonntagen völlig ausgestorben – „wie ein Gewerbegebiet“.

„Es ist auch wirklich schlimmer geworden“

Auch der Mitarbeiter eines Sexshops an der Taunusstraße hat nichts dagegen, wenn Stadt und Polizei im Viertel etwas härter durchgreifen. „Es ist auch wirklich schlimmer geworden“, sagt der breite, kahlköpfige Mann mit weichem Frankfurter Zungenschlag. „Die Stimmung unter den Junkies ist aggressiver geworden.“ Aus seiner Sicht habe das vor allem damit zu tun, dass sich immer mehr Drogenabhängige im Viertel aufhielten. „Es will die ja niemand hier wegschaffen“, sagt der Mann. „Aber man kann schon sagen: ‚Ihr habt hier die Einrichtungen, geht da doch rein‘.“ Er glaube allerdings nicht, dass sich im Viertel langfristig etwas ändern werde, sagt er dann noch. „Das kann man nur bedingt in den Griff kriegen.“

Vor der Drogenhilfe-Einrichtung in der Elbestraße ist unterdessen etwas Unruhe entstanden. Gerade sind die Beamten von Landes- und Stadtpolizei abgerauscht, die Menschen vor dem Gebäude wirken verunsichert. Eine junge Sozialarbeiterin verteilt vorbereitete Flugblätter. „Für ein verträgliches Miteinander im Bahnhofsviertel“ steht darauf, darüber ist ein Foto des Hauptbahnhofs abgedruckt. Im Bahnhofsviertel träfen „Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten“ aufeinander, heißt es in der Mittel des Faltzettels. Damit das Zusammenleben funktioniere, bitte man darum, Drogen nicht in der Öffentlichkeit zu konsumieren, nicht die Gehwege zu „belagern“ und Müll in die Abfalleimer zu werfen. „So vermeiden Sie Probleme mit Nachbarn und Ärger mit der Polizei und der Stadtpolizei, die Drogenhandel, Szenebildungen und öffentlichen Drogenkonsum konsequent unterbinden werden.“ Was Drogensüchtige mit so einem Zettel anfangen können, bleibt offen.

Nicht alle im Bahnhofsviertel sind begeistert

Man kann nicht sagen, dass alle im Stadtteil von der neuen Linie begeistert sind, deren langfristige Wirkung noch in den Sternen steht. Hier und da äußern Akteure aus dem Viertel Bedenken, dass die Polizei zu hart gegen Süchtige vorgehen könnte oder die Arbeit der Sozialarbeiter behindert werde, wenn sie ordnungspolitische Aufgaben aufgehalst bekämen. Und auch die Menschen, die auf den Straßen des Viertels ihr Zuhause haben, dürften Angst vor mehr polizeilicher Repression haben. Mehrfach ist an diesem Montagmorgen zu beobachten, wie Drogenabhängige oder Obdachlose um eine Ecke biegen, Polizisten oder Einsatzwagen sehen und sofort auf dem Absatz kehrtmachen.

Die Aktion der Stadt hat an diesem Montagmorgen begonnen. Wie sie den Stadtteil verändern wird, wird sich zeigen.

Von Hanning Voigts

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