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Bahnhofsviertel Frankfurt
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Im Bahnhofsviertel ist Drogenabhängigkeit, Armut und Leid allgegenwärtig.

Interview

Bahnhofsviertel in Frankfurt - „Den Frankfurter Weg kann man in die Tonne kloppen“

  • Florian Leclerc
    VonFlorian Leclerc
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Szenekenner und Fotograf Ulrich Mattner wettert im Interview über die Zustände im Bahnhofsviertel in Frankfurt.

Frankfurt – Der Konsum von Drogen auf offener Straße hat sich im Frankfurter Bahnhofsviertel von der Elbestraße vor allem in die Niddastraße verlagert. Dort halten sich an einem Nachmittag unter der Woche bis zu 100 Drogenkonsumierende auf beiden Seiten der Straße auf; etwa ein Dutzend liegt in verrenkter Position auf dem Bürgersteig, wo sich einzelne Pfützen gebildet haben.

Herr Mattner, sind die Zustände im Frankfurter Bahnhofsviertel noch tragbar?

Die Zustände im Bahnhofsviertel sind seit 20 Jahren nicht tragbar. Es geht hier manchen Leuten richtig dreckig. Frankfurt steht damit in Deutschland ziemlich alleine dar. Die Einwohnerzahl im Bahnhofsviertel hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt. Trotzdem flammen - wenn überhaupt - immer nur kurzfristig Proteste auf. Vielleicht ist das der Grund, warum die Stadt so wenig tut, um die Situation zu verbessern.

Wie haben Sie die Pandemie seit März 2020 im Viertel erlebt?

Ich wohne im Bahnhofsviertel und bin bald nach 23 Uhr nicht mehr auf die Straße gegangen. Nach 23 Uhr waren nur noch abenteuerliche Gestalten unterwegs. Man hat sich bedroht gefühlt. Das ging nicht nur mir so.

Die Prostitution verlagerte sich auch.

Auf einmal standen 100 Frauen aus Rumänien und Bulgarien auf der Straße, die sich prostituiert haben. Sie kamen aus den geschlossenen Bordellen. Damals hat man zum ersten Mal die Zuhälter aus diesen Ländern gesehen, die in den Laufhäusern nicht sichtbar sind. Die standen auf der anderen Straßenseite.

Zur Person

Ulrich Mattner (63) ist Journalist und Fotograf und wurde mit Ausstellungen zum Frankfurter Bahnhofs- und Bankenviertel bekannt. Unter anderem bietet er Führungen im Rotlichtmilieu auch für Frauen an. Frauen wird der Zugang in Laufhäuser ansonsten verwehrt. fle

Bahnhofsviertel in Frankfurt: „Wir haben seit 2015 stärkere Probleme“

Hat sich das subjektive Sicherheitsgefühl verändert, nachdem die Laufhäuser im Juni diesen Jahres wieder öffneten und sich mehr Menschen im Viertel aufhielten?

Stabilisiert hat es sich nicht. Es geht mir nicht darum, Vorurteile zu schüren. Aber wir haben seit 2015 stärkere Probleme. Es gibt Geflüchtete in der Szene, es gibt Geflüchtete, die dealen. Meine Frau hole ich abends vom Parkplatz ab, sie will nicht mehr allein durchs Viertel laufen. Gerade als Frau hat man hier im Viertel Probleme. Man wird angeglotzt, angefasst, der Weg wird blockiert.

Es gibt die Diskussion über eine Anpassung des Frankfurter Wegs in der Drogenpolitik.

Die Stadt müsste mehr Geld für die drogenkranken Menschen in die Hand nehmen. Dieses Leid, wie es in der Niddastraße zu sehen ist, diese Menschen, die völlig fertig sind und sich für wenige Euro prostituieren, um Geld für Drogen zu beschaffen: Ich verstehe nicht, wie die dafür verantwortlichen Politiker nachts ruhig schlafen können. Ich sehe seitens der Stadt nicht das geringste Engagement zur Lösung des Problems. Vielmehr konserviert der Magistrat das Elend seit mehr als 20 Jahren. Nichts ändert sich.

Bahnhofsviertel in Frankfurt: „Zürich hat es geschafft, dass nicht mehr offen Drogen konsumiert werden“

Was wäre aus Ihrer Sicht zu tun?

Zürich hat es geschafft, dass nicht mehr offen Drogen konsumiert werden. Es gibt Konsumräume, nicht nur in Zürich, sondern auch in den umliegenden Städten. In Wiesbaden, Hanau oder Darmstadt gibt es das nicht. Aber wo bleibt die Initiative aus Frankfurt auf Bundesebene, um das zu ändern? Wo bleibt die Initiative aus Frankfurt, um das Dealen von Kleinstmengen in Konsumräumen zu erlauben? Warum setzt sich Frankfurt nicht für die allgemeine Abgabe von Heroin in Tablettenform an Abhängige nach Schweizer Vorbild ein? Warum kann man Drogen nicht auf Reinheit testen? Den Frankfurter Weg kann man komplett in die Tonne kloppen – der hat einen Stand von vor 25 Jahren.

Ulrich Mattner mit einer Frau, die im Kiez als „Rumpelstilzchen“ bekannt ist.

Was hat Zürich besser gemacht als Frankfurt?

Zürich hat es zunächst mit ordnungspolitischen Maßnahmen versucht, aber das brachte nichts. Also drehten sie das Konzept um 180 Grad und stellten die Drogenkonsumenten in den Fokus. Das sind Kranke, und Kranke müssen behandelt und nicht sich selbst überlassen werden. Es kann nicht sein, dass sich Menschen in städtischen Räumen Drogen spritzen, die einen Reinheitsgrad von vier bis acht Prozent haben. Aber das Einzige, was in den letzten Jahren in Frankfurt dazu kam, ist das Nachtcafé in der Moselstraße. Und das nur auf öffentlichen Druck.

Was müsste geschehen?

Die Drogenabgabe für Schwerst-abhängige in Druckräumen müsste legalisiert werden. Die Stadt müsste Häuser kaufen und Unterkunftsmöglichkeiten schaffen, wo Sozialarbeiter:innen angedockt sind. Und die Gesellschaft müsste die Abhängigkeit als Krankheit und nicht als persönliches Versagen akzeptieren.

Interview: Florian Leclerc

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