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Ansgar Dittmar, Vorsitzender des AWO-Präsidiums, und Vize-Geschäftsführerin Jasmin Kasperkowitz in der AWO-Zentrale in Frankfurt. 

AWO-Affäre in Frankfurt

AWO Frankfurt nimmt Stellung gegen Vorwürfe - „Feldmann wurde wegen seiner guten Kontakte eingestellt“

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Der Vorsitzende des Frankfurter AWO-Präsidiums, Ansgar Dittmar, und die Vize-Geschäftsführerin Jasmin Kasperkowitz zu den Vorwürfen

Frau Kasperkowitz, Herr Dittmar, Sie stehen an der Spitze der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt, gegen die aktuell die Staatsanwaltschaft ermittelt. Was macht das mit Ihnen persönlich?

Dittmar:Die permanenten Angriffe gehen natürlich nicht spurlos an mir vorbei. Ich schlafe zurzeit sehr wenig. Wir wollten in diesem Jahr unseren 100. Geburtstag feiern und waren gezwungen, die Feier erst mal abzusagen. Wir stecken in einer Krise, die wir aber meistern werden.

Haben Sie von den angeblichen Missständen, um die es jetzt geht, etwas gewusst?

Dittmar:Nein. Wir nehmen die Vorwürfe sehr ernst und lassen sie gerade überprüfen. Als Arbeiterwohlfahrt müssen wir moralisch besonders integer sein, mehr noch als andere Verbände. Deshalb stellen wir jetzt unsere gesamte Struktur auf den Prüfstand. Wir berufen einen externen Compliance Officer, der weitgehende Befugnisse bekommen soll. Und wir arbeiten eng mit der Staatsanwaltschaft zusammen.

Wurden Räume der AWO durchsucht, haben Sie den Ermittlern Material zur Verfügung gestellt?

Kasperkowitz:Wir haben einen Wirtschaftsprüfer speziell zum Thema Flüchtlingsunterbringung beauftragt.

Es geht darum, dass sie für das Essen der Flüchtlinge mehr öffentliches Geld kassiert haben sollen als sie dann ausgaben.

Kasperkowitz:Der Vorwurf steht im Raum und wir gehen ihm sorgfältig nach.

Frankfurt AWO: Was ist dran an den Vorwürfen?

Es gibt noch weitere Vorwürfe zu Leistungen, für die sie bezahlt wurden, die sie aber nicht erbracht haben sollen.

Kasperkowitz:Es geht um Sportangebote und auch die werden derzeit überprüft.

Können Sie nicht feststellen, ob es die Sportkurse tatsächlich gegeben hat?

Dittmar: Nach unserer Erkenntnis sind diese Vorwürfe nicht richtig. Wir haben von den staatsanwaltlichen Ermittlungen aus der Zeitung erfahren und sofort unsere Kooperation angeboten.

Kasperkowitz:Bisher kam die Staatsanwaltschaft noch nicht auf uns zu.

Tatsächlich? In der Öffentlichkeit denkt man ja, die Ermittlungen laufen auf Hochtouren.

Dittmar:In der Öffentlichkeit denkt man ja im Moment so einiges.

Kasperkowitz:Es gibt Einzelpersonen, die sich von sich aus bereits schriftlich gegenüber der Staatsanwaltschaft geäußert haben. Aber jetzt kommen wir in den Datenschutzbereich.

Frankfurt AWO: Zübeyde Feldmanns Gehalt war angemessen

Die Vorwürfe richten sich ja auch gegen prominente Einzelpersonen. Die Ehefrau des Frankfurter Oberbürgermeisters soll als Leiterin einer Kita unberechtigt viel zu viel Geld verdient und Privilegien wie einen Dienstwagen genossen haben.

Dittmar: Für uns steht definitiv fest: Die Höhe der Bezüge war angemessen. Die Frage ist, ob ihre Eingruppierung formal richtig war oder nicht, das wird meiner Meinung nach aufgebauscht. Man hätte diese Position auch mit einer niedrigeren Einstufung plus Zulage bedenken können, um auf der gleichen Gehaltshöhe zu landen. Außerdem ist diese deutsch-türkische Kita Dostluk ein besonderes Projekt. Zusätzlich zur Führung der Kita war es gleichzeitig die Aufgabe der Leiterin, die Konzeption zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen.

Kasperkowitz:Diese bilinguale Kita war die erste und einzige in Hessen. Es gibt nur wenige in Deutschland. Der übliche Kitabetrieb musste um eine völlig neue Elternarbeit erweitert werden. Es geht um einen anderen Kulturkreis, eine andere Religion.

Frau Feldmann hatte auch einen Dienstwagen. Ist das üblich für Kita-Leiterinnen?

Kasperkowitz:Es ist nicht üblich. Dienstwagen werden nur zur Verfügung gestellt, wenn es dafür eine Notwendigkeit gibt. In unserer Dienstwagen-Richtlinie ist geregelt, dass Einrichtungsleitungen mit erhöhtem Bedarf an Fahrten und Reisen einen Dienstwagen bekommen. Das traf in diesem Fall zu.

AWO-Affäre: War Feldmann beteiligt?

ZUR PERSON Ansgar Dittmar,Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht, ist Vorsitzender des Präsidiums der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt.

Der Sozialdemokrat ist 48 Jahre alt.

Jasmin Kasperkowitz, gelernte Kauffrau, ist gegenwärtig noch stellvertretende Vorsitzende der AWO in Frankfurt. Die 37-Jährige soll vom 1. Januar 2020 die neue Geschäftsführerin der AWO in Frankfurt werden und damit die Nachfolge von Jürgen Richter antreten. jg

Hat der Oberbürgermeister Einfluss genommen auf das Gehalt seiner Ehefrau und die Konzeption der Kita?

Dittmar:Hinsichtlich Gehalt ist der Vorwurf absurd. Hinsichtlich Konzeption war Feldmann ein Ideengeber.

Gehört der OB dem Beirat der Kita an?

Dittmar:Nein.

Den Wunsch für die Kita hat der OB geäußert?

Dittmar:Noch mal – er hat die politische Idee eingebracht, uns aber natürlich nicht gesagt, wen wir einstellen sollen.

Feldmann hatte früher eine Stelle bei der Johanna-Kirchner-Stiftung der AWO. Vorher war er Leiter eines AWO-Altenheimes in Darmstadt-Eberstadt. Es wird behauptet, die Stelle bei der Kirchner-Stiftung in Frankfurt sei eigens für Feldmann geschaffen worden, damit er mit diesem Auskommen seinen OB-Wahlkampf vorbereiten konnte.

Dittmar:Feldmann wurde als Belegungsmanager wegen seiner guten Kontakte eingestellt. Wir hatten damals erhebliche Probleme, unsere Häuser auszulasten. Das hatte mit Sanierungsstau zu tun. Wir haben von seinem Netzwerk sehr profitiert.

Aber als Feldmann ging, verschwand auch diese Stelle wieder.

Dittmar:Ja klar, weil Feldmann seine Aufgabe erledigt hatte.

War Feldmann denn dafür qualifiziert?

Dittmar:Ja. Er hatte ja ein Altenheim geleitet. Er war eine ideale Besetzung.

AWO Affäre: Studentin leitet Abteilung

Es werden auch andere leitende Mitarbeiter der AWO öffentlich hinterfragt. Es geht um die 30-jährige SPD-Stadtverordnete Myrella Dorn, die als Studentin Leiterin der großen AWO-Abteilung Jugend ist. Ist das normal?

Kasperkowitz: Erst mal ist Jugend kein Manko. Es gab eine Ausschreibung und die Stadtverordnete hat sich aufgrund ihrer Qualifikation durchgesetzt. Sie hatte bei uns schon im Bereich Flüchtlingsarbeit gearbeitet. Sie hatte als Vorsitzende des Asta der Goethe-Universität bereits ein Budget von mehr als einer Million Euro verantwortet und eine große Organisationseinheit geführt. Sie hat die Qualifikation und die persönliche Eignung. Die Abteilung läuft sehr, sehr gut. Ich würde diese Entscheidung jederzeit wieder treffen.

AWO-Affäre: Zahlt die AWO Frankfurt extreme Gehälter?

Es geht auch um den AWO-Pressesprecher Johannes Frass, der im Alter von 33 Jahren 100 000 Euro im Jahr verdient.

Dittmar:Es ist ein Unding, wie hier mit falsch dargestellten Zahlen bewusst Stimmung gemacht wird. Erstens ist das Gehalt erheblich niedriger und entspricht in etwa dem eines leitenden Redakteurs. Zweitens wird in den Medienberichten unterschlagen, dass es sich um ein Arbeitgeber-Brutto einschließlich aller Abgaben handelt.

Kasperkowitz:Herr Frass hat ein abgeschlossenes Studium in Wirtschaftsrecht und bringt Erfahrung aus dem Politikbetrieb mit.

Warum kommt diese ganze Geschichte jetzt hoch? Die Informationen kommen ja aus dem innersten Kreis der AWO.

Dittmar:Die aktuellen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Frankfurt sind aufgrund anonymer Anzeigen möglicherweise durch unzufriedene, neidische oder im Groll ausgeschiedene Menschen in Gang gekommen. Es gibt wohl Menschen, die handelnden Führungspersonen der Arbeiterwohlfahrt schaden wollen. Man wollte uns wohl den 100. Geburtstag verhageln. Es war klar, dass der langjährige Geschäftsführer Jürgen Richter jetzt aufhört. Wir haben unsere Strukturen verändert. Wir haben jetzt einen hauptamtlichen Vorstand und ein ehrenamtliches Präsidium gebildet. Darüber hinaus werden wir einen externen und neutralen Compliance-Officer bestellen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Die SPD Frankfurt stellt sich in der AWO-Affäre hinter Peter Feldmann. Scharfe Kritik kommt von CDU und BFF - die Christdemokraten bezeichnen die Erklärung als „schlechten Witz“.

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