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Ernste Gesichter zur finanziellen Situation der Arbeiterwohlfahrt machen Petra Rossbrey, die Vorsitzende des Präsidiums, Finanzvorstand Axel Dornis (li.) und Vorstandsvorsitzender Steffen Krollmann.

Arbeiterwohlfahrt in der Kritik

AWO-Skandal: Überzogene Gehälter und teure Dienstfahrzeuge: Schaden durch Affäre wächst

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Der AWO in Frankfurt fehlen durch die Affäre bereits 6,3 Millionen Euro, Tendenz steigend. Im Streit mit dem städtischen Revisionsamt wird der Ton rauer.

  • Gegen Funktionäre der Arbeiterwohlfahrt (AWO) wird ermittelt.
  • Bei der AWO-Affäre geht es um Betrug in Millionenhöhe.
  • Der Schaden für die AWO Frankfurt ist nun höher, als zunächst gedacht.

Frankfurt - Das trübe Herbstwetter draußen passt so recht zu den Fakten, die das Präsidium und der Vorstand der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Frankfurt drinnen vortragen. Der Gesamtschaden der Affäre, von der die Wohlfahrtsorganisation seit mehr als einem Jahr erschüttert wird, wächst weiter. Auf 6,3 Millionen Euro beziffert ihn nun der Vorstandsvorsitzende Steffen Krollmann - zwei Millionen Euro mehr als bei der Zwischenbilanz im März. Die internen Ermittlungen reichen jetzt zurück bis 2011. Krollmann schloss nicht aus, dass durch weitere interne Recherchen der Schaden weiter wächst.

Der größte Posten sind mit 3,5 Millionen Euro überzogene Gehälter und Honorare, die führende AWO-Funktionäre sich und anderen zugebilligt hatten. Rund 1,14 Millionen Euro gingen durch die Insolvenz der Tochtergesellschaft AWO Protect verloren, die eigens zur Bewachung von zwei Heimen mit geflüchteten Menschen gegründet worden war. Auf 881 000 Euro beliefen sich sogenannte „Spenden“ an den AWO-Kreisverband Wiesbaden. „Wir wissen nicht, was der Kreisverband Wiesbaden gemacht hat mit dem Geld, wir sehen im Nachhinein keine Notwendigkeit für diese Spenden.“ AWO-Geschäftsführer in Frankfurt war in der fraglichen Zeit Jürgen Richter, seine Ehefrau Hannelore führte den Kreisverband Wiesbaden.

Frankfurt: Hoher Schaden durch AWO-Affäre - Luxusautos als Dienstfahrzeuge

Mit 650 000 Euro schlugen die Kosten für Luxusautos zu Buche, die sich führende AWO-Funktionäre als Dienstfahrzeuge beschafft hatten. Und 100 000 Euro fehlen in diesem Jahr an Spenden, weil die Bereitschaft, Geld an die Wohlfahrtsorganisation zu überweisen, stark zurückgegangen ist.

Die wirtschaftliche Situation des Kreisverbandes mit mehr als 60 Einrichtungen und 1200 Beschäftigten sei „nach wie vor sehr gespannt“, so Finanzvorstand Axel Dornis. Ein Defizit von drei Millionen Euro ist aufgelaufen. Der AWO hat in dieser prekären Lage sehr geholfen, dass die Stadt Frankfurt die vorher ausgesetzten Zuschüsse für die 19 Kitas in Frankfurt wieder zahlt. Rund 125 000 Euro kommen so jeden Monat in die Kasse. „Dadurch stabilisiert sich unsere Liquiditätssituation deutlich“, so Dornis.

„Mit viel Disziplin“ will das Unternehmen bis zum Jahresende eine schwarze Null erreichen. Freilich hält die Stadt wegen des Skandals und der staatsanwaltlichen Ermittlungen noch immer rund 1,1 Millionen Euro an jährlichen Zuschüssen zurück.

AWO-Skandal in Frankfurt: Vorwürfe des städtischen Revisionsamtes - Unverständnis bei Vorsitzenden

Und die AWO und die Kommune streiten sich heftig. Der Leiter des städtischen Revisionsamtes, Hans-Dieter Wieden, hatte der AWO öffentlich vorgeworfen, sie arbeite nicht mit der Stadt zusammen und halte Akten zurück. „Das hat mich persönlich sehr betroffen gemacht“, erklärt die Vorsitzende des AWO-Präsidiums, Petra Rossbrey. Es werde jetzt eine direkte Konfrontation mit Wieden geben. Der Amtsleiter wolle noch im Oktober mit einem Team die AWO-Zentrale aufsuchen. „Ich bin sehr gespannt, worauf er diese Vorwürfe stützt.“ Krollmann bestreitet, dass das Revisionsamt überhaupt Unterlagen angefordert habe. Insgesamt habe man der Stadt mehr als 390 Schriftstücke zur Verfügung gestellt und mehr als 100 Fragen beantwortet.

Rossbrey gibt zu, dass noch immer AWO-Funktionäre bei der Organisation arbeiten, die in der Vergangenheit von überzogenen Zahlungen profitierten. Es handele sich um elf Personen des mittleren Managements. Diese Tatsache wird von der AWO-Basis in Frankfurt zum Teil scharf kritisiert. Die Vorsitzende des Präsidiums sagt dagegen, sie wolle den Betroffenen „die Gelegenheit bieten, ihren moralischen Kompass neu auszurichten“. Die elf Personen hätten Geld zurückgezahlt und freiwillig auf einen Teil ihrer überzogenen Einkünfte verzichtet. Der Wagenpark der führenden AWO-Funktionäre mit bis zu 80 000 Euro teuren Autos sei mittlerweile verkauft. 13 Dienstwagen, so Krollmann, habe man veräußert. Die neue Richtlinie sieht wesentlich kleinere Fahrzeuge vor, die auch ökologische Kriterien erfüllen müssen.

„AWO 2025“: Neue Ausrichtung der Wohlfahrtsorganisation - Richter klagt gegen Kündigung

Der Vorstand hat ein Programm „AWO 2025“ aufgelegt. Bis dahin soll die Wohlfahrtsorganisation in Frankfurt inhaltlich und finanziell neu ausgerichtet sein. Krollmann schließt nicht aus, dass man dafür auch Immobilienbesitz verkaufen wird. „Wir werden sehr genau prüfen, ob uns einzelne Liegenschaften nicht weiterbringen.“ Hier geht die Präsidiums-Vorsitzende Rossbrey sofort dazwischen: „Wir verkaufen aber kein Tafelsilber!“ Der Vorstandsvorsitzende sieht aber vor allem programmatisch „einen gewissen Bedarf, uns weiterzuentwickeln“. So stelle sich etwa in der Jugendarbeit der AWO die Frage, „ob unser Konzept noch bei den Jugendlichen ankommt.“

Noch am Anfang stehen die zivil- und arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen. Am 21. Oktober kommt es vor dem Arbeitsgericht Frankfurt zur mündlichen Verhandlung, weil der frühere langjährige Geschäftsführer Jürgen Richter gegen seine Kündigung durch die AWO geklagt hat. Auch der frühere Vorstand Panagiotis Triantafillidis und die ehemalige stellvertretende Geschäftsführerin Jasmin Kasperkowicz wehren sich gegen ihre Kündigung. Hier gibt es aber laut AWO noch keine Verhandlungstermine.

Krollmann nennt es sein Ziel, die Personen ausfindig zu machen, die den Konkurs der Tochtergesellschaft AWO Protect verursacht haben. „Wir wollen unsere 1,2 Millionen Euro zurück.“ (Von Claus-Jürgen Göpfert)

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