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Frankfurt: Aus der Klasse von Gestapo-Mann abgeholt

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Von: Anja Laud

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Diverse symbolische Gegenstände erinnern an die Familie Adler. Das Foto zeigt Ricky nach dem Krieg mit einer seiner Schwestern.
Diverse symbolische Gegenstände erinnern an die Familie Adler. Das Foto zeigt Ricky nach dem Krieg mit einer seiner Schwestern. © Monika Müller

Frankfurt im Nationalsozialismus: Ein Schlüssel erinnert an das Schicksal einer Sinti-Familie.

Gleich drei Ausstellungen befassen sich im Historischen Museum mit der Zeit des Nationalsozialismus in Frankfurt. Die FR stellt in einer Serie einzelne Exponate vor, die dort zu sehen sind. Heute: ein Schlüssel, der an das Schicksal einer Sinti-Familie im Dritten Reich erinnert.

Ein Bild mit einem Fragezeichen, ein Schlüssel und ein Stoff-Fußball, das sind einige der Dinge, die im Jungen Museum des Historischen Museums in der Ausstellung „Nachgefragt: Frankfurt und der NS“ von Herbert Ricky Adler erzählen. Sie alle liegen in einer sogenannten Familienkiste, in der Ausstellungsbesucherinnen und -besucher stöbern können, um so mehr über seine Familie zu erfahren. Die Adlers waren eine Sinti-Familie, die im Frühjahr 1943 nach Auschwitz deportiert wurde. Von den 29 Familienmitgliedern überlebten nur Ricky, ein Onkel und zwei seiner Geschwister das Konzentrationslager.

Vor ihrer Verschleppung hatte der Junge mit seiner Familie in Sachsenhausen erst in der Klappergasse, dann in der Löhergasse gelebt. Der Vater arbeitete für die Reichspost, Ricky spielte nach der Schule gerne mit seinen Freunden am Mainufer Fußball.

Symbolische Bedeutung

Ausstellungen

Im Historischen Museum , Saalhof 1, sind zum Thema „Frankfurt und der NS“ drei Ausstellungen zu sehener.

Die zeitgeschichtliche Ausstellung „Eine Stadt macht mit – Frankfurt und der NS“ (bis 11. September 2022) führt an 19 typische Orte städtischen Lebens und verdeutlicht, wie der Nationalsozialismus die Stadt prägte.

Die Ausstellung „Auf Spurensuche im Heute“ (bis 11. September 2022) ist im Stadtlabor des Historischen Museums entstanden. Frankfurter:innen haben dafür in Frankfurt Orte, Dinge oder Ereignisse untersucht, die sie persönlich an die NS-Zeit erinnern.
Das Junge Museum des Historischen Museums gibt mit der interaktiven Ausstellung „Nachgefragt: Frankfurt und der NS“ Einblick in das Alltags- und Familienleben junger Frankfurterinnen und Frankfurter im Nationalsozialismus. Sie ist für Kinder ab zehn Jahren geeignet und wird bis zum 23. April 2023 zu sehen sein..

Das Begleitprogramm zu der Ausstellungstrias bietet neben Führungen und Vorträgen auch Kunstperformances und Stadtgänge an. Ein Überblick findet sich auf der Webseite des Historischen Museums. Diese wird fortlaufend aktualisiert. lad www.frankfurt-und-der-ns.de/de

„Deshalb der Ball, der Schlüssel erinnert an den Verlust des Zuhauses“, erläutert Lisa Brackmann, eine der Kuratorinnen der Ausstellung, die Bedeutung der Gegenstände in der Schachtel. Die allerdings nie im Besitz der Adlers waren. Sondern: „Sie haben eine symbolische Bedeutung“, sagt ihre Kollegin Susanne Thimm. Denn den Überlebenden blieb nach ihrer Befreiung nichts, das an ihr Leben vor der Verfolgung erinnerte.

Ricky wurde im Frühjahr 1941, da war er zwölf, von einem Mann in schwarzem Mantel mit Hakenkreuzbinde aus seiner Klasse in der Frankensteiner Schule abgeholt, wie er oft erzählte. Zu Hause waren Männer der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Seine Familie musste ihre Wohnung verlassen und fortan in einem kleinen Möbelwagen im Lager in der Dieselstraße in Fechenheim leben. Fast ihren ganzen Besitz mussten sie zurücklassen.

Die Aufsicht über das Lager hatte der Frankfurter Polizist Johannes Himmelheber. Das Fürsorgeamt hielt ihn wegen seiner Brutalität für besonders geeignet. Er sorgte nach Zeugenaussagen mit Peitsche und Rohrstock dafür, dass die strenge Lagerordnung eingehalten wurde und ordnete oft völlig sinnlose Lagerarbeiten selbst für Kinder an. Bei einem Arbeitseinsatz am 15. August 1942 sollten Ricky und sein kleiner Bruder Rolf zusammen mit anderen Jungen Steine verladen. Rolf verletzte sich dabei schwer und starb.

Ricky Adler, nach dem heute auf dem Riedberg eine Straße benannt ist, berichtete vor seinem Tod 2004 als Zeitzeuge vom Leiden seiner Familie. Um Eltern und Lehrkräften dabei zu helfen, Kindern den Nationalsozialismus, den Rassenwahn und seine Folgen kindgerecht zu erläutern, hat das Historische Museum eigens den Leitfaden „Nachgefragt: Wie über den NS sprechen“ herausgegeben.

Unerklärlich bleibt indes, warum Johannes Himmelheber, der brutale Lagerleiter, nach dem Krieg nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Er wurde in einem Entnazifizierungsverfahren von der Frankfurter Spruchkammer als „belastet“, in einer Berufungsverhandlung aber schließlich als „nicht betroffen“ eingestuft. Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung 1952 als Polizist.

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