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Frankfurt: Auf der Suche nach NS-Raubgut

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Von: Anja Laud

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70 000 Bücher aus dem Altbestand der Zentralbibliothek der Universitätsbibliothek werden auf ihre Provenienz untersucht.
70.000 Bücher aus dem Altbestand der Zentralbibliothek der Universitätsbibliothek werden auf ihre Provenienz untersucht. © Rolf Oeser

Die Frankfurter Universitätsbibliothek hat in ihren Beständen in der Nazizeit gestohlene Bücher entdeckt –  eine Ausstellung zeigt erste Ergebnisse.

Der Frankfurter Kaufmann Siegfried Knopfmacher kam 1939 in das Strafgefängnis Preungesheim. Als Jude entrechtet und seines Besitzes beraubt, wurde er festgenommen, weil er angeblich gebettelt hatte. Er starb später im Konzentrationslager Theresienstadt. Eines der Bücher, die in seinem Besitz waren, ein „Lehrbuch der Geographie“, ist in der Zentralbibliothek der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg in Bockenheim in der Ausstellung „StolperSeiten“ zu sehen. Sie präsentiert Zwischenergebnisse aus einem Provenienzforschungsprojekt. Dieses befasst sich mit NS-Raubgut, das sich noch in den Beständen der Universitätsbibliothek befindet.

Die Historikerin Ulrike Vogl und der Historiker Daniel Dudde haben die Ausstellung kuratiert: Unzählige Bücher, die zwischen 1942 und 1945 in die Universitätsbibliothek gelangten, haben sie seit November 2020 aus dem Altbestand der Zentralbibliothek in die Hand genommen, um herauszufinden, ob es sich um Raubgut handelt, das die Nationalsozialisten jüdischen Menschen wie Siegfried Knopfmacher oder Organisationen und Institutionen, die nicht auf Parteilinie waren, geraubt oder weggenommen hatten.

Auf vier Jahre ist das Projekt angelegt. 80 000 Bücher sollen Vogl und Dudde mit Hilfe studentischer Hilfskräfte bis 2024 auf ihre Herkunft untersuchen. Bei etwa 30 000 ist das bereits geschehen, wie Projektleiter Bernhard Wirth berichtet.

„Es ist das erste Mal, dass wir uns einem so großen Thema widmen“, sagt Mathias Jehn, der in der Universitätsbibliothek unter anderem das Archivzentrum leitet. Schon in der Vergangenheit, etwa unter dem früheren Direktor Heiner Schnelling, sei zwar der Bestand auf Raubgut untersucht worden. Doch das Provenienzforschungsprojekt ermögliche dies nun systematisch und in größerem Stil, denn das in Magdeburg angesiedelte Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gibt Geld dafür.

Die Provenienzforschung ist, ob bei Gemälden, Möbeln oder Büchern, immer aufwendig, zeitintensiv und erfordert einigen detektivischen Spürsinn, wie Ulrike Vogl sagt. Sie und ihr Kollege müssen jedes Buch, dessen Herkunft fraglich ist, auf Provenienzmerkmale wie Stempel, Autogramme, Widmungen oder Exlibris untersuchen. Sie durchforsten zudem Akzessionsjournale der damaligen Stadt- und Universitätsbibliothek – die Universitätsbibliothek in ihrer heutigen Form gibt es erst seit 2005 – sowie der Bibliotheken von Instituten, in denen die Aufnahme neuer Bücher verzeichnet worden waren. Auch alte Verwaltungsakten können Aufschluss geben. Doch viele dieser Unterlagen existieren nicht mehr. Die Stadt- und Universitätsbibliothek wurde in den letzten Kriegsjahren von Bomben getroffen und größtenteils zerstört.

Auf einen Blick

Die Ausstellung „StolperSeiten – NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main“ ist bis 28. August im Schopenhauer-Studio in der Zentralbibliothek der Universitätsbibliothek, Bockenheimer Landstraße 134-138, zu sehen.

Geöffnet ist sie dienstags bis sonntags jeweils von 13 bis 18 Uhr.

Führungen durch die Ausstellungen werden an folgenden Tagen angeboten: Dienstag, 7. Juni, 17 Uhr, Samstag, 25. Juni, 11 Uhr, Mittwoch, 6. Juli, 16 Uhr, Samstag, 23. Juli, 15 Uhr, Donnerstag, 18. August, 16 Uhr.

Daneben gibt es ein Rahmenprogramm:

Für Donnerstag, 2. Juni, 18:30 Uhr: ist in der Zentralbibliothek ein Podiumsgespräch zur Provenienzforschung im Rhein-Main-Gebiet mit Gesprächsteilnehmer:innen aus mehreren Museen und der Universitätsbibliothek geplant.

Am Donnerstag, 30. Juni, 19 Uhr: hält Rachel Heuberger ebenfalls in der Zentralbibliothek einen Vortrag zum Thema „Von Aron Freimann zum Institut zur Erforschung der Judenfrage: Die Instrumentalisierung der Frankfurter Judaica-Sammlung in der NS-Zeit“.

Anmeldungen für Führungen und die genannten beiden Veranstaltungen werden online unter der Adresse events@ub.uni-frankfurt.de angenommen. lad

www.ub.uni-frankfurt.de

In manchen Fällen ist es einfacher. „Sehen Sie hier den Stempel?“, fragt Daniel Dudde und zeigt auf das Deckblatt eines Buches, auf dem die Aufschrift „Institut für Sozialforschung“ mit Bleistift durchgestrichen ist. Ein weiterer Stempelaufdruck zeigt an, dass es in den Besitz eines anderen Universitätsinstituts überging. Das Institut für Sozialforschung, 1923 eingerichtet und geleitet von Max Horkheimer, einem der führenden Köpfe der Frankfurter Schule, war den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Polizisten besetzten 1933, bald nach Adolf Hitlers Machtergreifung, das Institutsgebäude und versiegelten es. Am 26. Mai des gleichen Jahres wurde es auf Grund des „Gesetzes über die Enteignung kommunistischen Eigentums“ mit allem Inventar zugunsten des Landes Preußen enteignet. Andere Frankfurter Bibliotheken füllten mit den Büchern des Instituts ihre Regale.

Auf einem Rollwagen, den Projektleiter Wirth für den FR-Fotografen Rolf Oeser in den Ausstellungsraum schiebt, liegen mehr als 100 Bücher aus dem zu untersuchenden Bestand. Bei ihnen ist sowohl die Provenienzforschung als auch die Restitution abgeschlossen. Sie gehörten einst alle dem Institut für Sozialforschung und wurden jetzt anlässlich der Ausstellungseröffnung Stephan Lessenich, dem heutigen Leiter des 1950 wiedereröffneten Instituts, zunächst symbolisch zurückgegeben.

Die Ausstellung gliedert sich in acht Themenschwerpunkte. Sie befasst sich mit den ersten bibliotheksinternen Veränderungen. Jüdische und politisch missliebige Bibliothekare wurden entlassen, in der Stadt- und Universitätsbibliothek waren es 1933 gleich sechs Kollegen. Bücher, die nicht der Nazi-Ideologie entsprachen, wurden als „gesperrt“ aussortiert und konnten nur noch von gefestigten Nationalsozialisten eingesehen werden. „Man wollte ja schließlich wissen, wie der Feind denkt“, erläutert Ulrike Vogl.

Auch die Raubzüge im In- land und in weiten Teilen Europas werden in der Ausstellung thematisiert. Am Beispiel der Familie Baer, die in Frankfurt in vierter Generation ein Antiquariat betrieb, zeigt sich, wie systematisch und überaus effizient die Nationalsozialisten die Bücher zu Geld machten, nachdem sie das Geschäft mit umfangreichem Bestand „arisiert“ hatten. Kleine Kärtchen mit bibliografischen Angaben, die noch die Baers für jedes ihrer Bücher geschrieben hatten, schickten sie gleich in Bündeln zu Hunderten an Bibliotheken, damit diese sich etwas aus den Angeboten aussuchen konnten. Heute sind diese Kärtchen hilfreich bei der Provenienzforschung.

Auch auf diese geht die Ausstellung ein. Große Schwarz-Weiß-Bilder zeigen in einem großen Saal Kisten mit hoch aufgestapelten Büchern. Es ist das „Archival Depot“, das die US-Amerikaner in Offenbach nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einrichteten, um von dort aus Raubgut seinen rechtmäßigen Besitzerinnen und Besitzern zurückzugeben. Kisten, auf denen die Namen von Bibliotheken beispielsweise aus Paris standen, gingen gleich dorthin zurück, erzählt Daniel Dudde. Aber es blieben viele Bücher übrig, deren Herkunft nicht zu klären war. Diese Restbestände wurden an mehrere Bibliotheken verteilt, darunter auch die Frankfurter Universitätsbibliothek. Heute eröffnet das Internet Provenienzforscher:innen bessere Recherchemöglichkeiten, sie können zahlreiche Datenbanken erreichen.

„StolperSeiten“, der Titel der Ausstellung, spielt nicht nur auf die Stolpersteine an, die, in Fußwegen eingelassen, an das Schicksal von Verfolgten des NS-Regimes erinnern. Wer online im Katalog der Universitätsbibliothek auf ein Buch stößt, dessen Herkunft das Team Provenienzforschung recherchiert hat, kann dessen Geschichte auf der Bücherkarte nachlesen und möglicherweise zur Einsicht erhalten – vorausgesetzt, es konnte nicht an die Nachfahr:innen der ursprünglichen Besitzer:innen zurückgeben werden.

Denn die Herkunft eines Buchs zu klären, ist das eine, das andere ist es, mögliche Erbinnen und Erben ausfindig zu machen. Wenn es gelingt, sei es für manche Familien eine Freude, sagt Ulrike Vogl. „Es ist manchmal das Einzige, was ihnen von ihren Angehörigen bleibt.“

Blick in die Ausstellung: Sie ist in acht Themenschwerpunkte gegliedert. Einer davon ist das Thema Säuberungen.
Blick in die Ausstellung: Sie ist in acht Themenschwerpunkte gegliedert. Einer davon ist das Thema Säuberungen. © ROLF OESER
In der Ausstellung werden sowohl die Verfolgten als auch die Täter vorgestellt.
In der Ausstellung werden sowohl die Verfolgten als auch die Täter vorgestellt. © ROLF OESER
Stempel verraten zuweilen, wem das Buch gehörte und welche andere Bibliothek das Raubgut in ihren Bestand aufnahm.
Stempel verraten zuweilen, wem das Buch gehörte und welche andere Bibliothek das Raubgut in ihren Bestand aufnahm. © ROLF OESER
Kuratorin Ulrike Vogl und Kurator Daniel Dudde mit den Büchern, die jetzt an das Institut für Sozialforschung zurückgegeben werden.
Kuratorin Ulrike Vogl und Kurator Daniel Dudde mit den Büchern, die jetzt an das Institut für Sozialforschung zurückgegeben werden. © ROLF OESER

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