Buchmesse5_171020
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Auf dem Frankfurter Messegelände kommt kein Buchmessegefühl auf, am ehesten bei Open Books.

Frankfurter Buchmesse

Auf der Suche nach dem Buchmessengefühl

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
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Wie ist es in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse? Ein Rundgang.

Dies ist der Rundgangsbericht eines privilegierten Frankfurter Journalisten. Denn ohne Privileg kommt man in diesem Jahr nicht auf die Frankfurter Buchmesse. Die 450 Sitzplätze für Gäste in der Festhalle wurden kurzerhand storniert. Nur noch Autorinnen und Moderatoren, Journalistinnen und Kameraleute, Kabelträger und Bild- und Tontechniker halten sich in der Festhalle auf.

Eine überschaubare Zahl. Und die Festhalle ist groß. Der Literaturkritiker Denis Scheck wirkt verloren auf der weiten ARD-Bühne, die von sieben Leinwänden eingerahmt ist. Zumindest live. Im kleinen Fernsehformat kommt das anders rüber.

Privileg hin oder her: Vor dem Eintritt in die Festhalle zeigt sich die erste Hürde, der Einlass. „Sie kommen hier nicht rein“, sagt die Securityfrau. „Einlass nur mit gültigem Ticket.“

Das versteht sich. Wobei es sich hier um ein Softwareproblem handeln muss: Die Maske auf der Buchmesse-Seite zeigt den Freitag als Akkreditierungstag überhaupt nicht an. Im Gebäude muss es doch einen Stand für die Journalisten geben, wo sich das Problem klären lässt? „Ich kann Sie trotzdem nicht reinlassen.“

Dieser Text wäre ohne die Hilfe der Buchmesse-Sprecherinnen nun zu Ende gewesen. Doch die Frauen helfen nicht nur dabei, den Einlass zu überwinden, sie lösen auch das Softwareproblem („Da fehlte ein Häckchen in der Online-Maske“) und verschenken noch das fingerdicke Programm der Online- und Real-Veranstaltungen – nebst Jutebeutel und Buchmesse-Tasse.

Mit der Tasse kommen die Erinnerungen hoch. An den ruhigen Moment vorm Messebesuch. An die Scharen von Menschen, die in den Vorjahren aus den Straßenbahnen und U-Bahnen auf die Frankfurter Buchmesse strömten. An die langen Wartezeiten am Eingang. Die Frage, ob man seine Jacke an der Garderobe abgeben und dann im Zweifel über das ganze Messegelände zurücklaufen soll, um sie abzuholen, oder sie stundenlang herumschleppt und nur auf der Agora anzieht, um nicht zu frieren. Diese Frage stellt sich diesmal nicht. Der Weg in die Festhalle, veredelt durch einen roten Teppich, ist kurz. Die Gänge sind verwaist. „Richtig spooky“, sagt eine Verlagsmitarbeiterin.

Einsamer Kofferschieber vorm Frankfurter Hof, der sonst während der Messe ausgebucht ist.

Es gibt kaum Taxis, die gestresste Verlagsmitarbeitende absetzen, die zur nächsten Lesung hetzen. Keine Mondpreise in den Frankfurter Hotels. Keine prallvollen Hotelbars, kaum Empfänge. Auch keine Geschichten, wie die Party bis morgens um drei weiterging und man trotzdem am nächsten Tag pünktlich um zehn Uhr am Verlagsstand war. Keine Umarmungen, keine Küsschen. Stattdessen die Bemerkung: „Gilt hier keine Maskenpflicht?“, wenn sich jemand kurz die Maske absetzt zum Trinken.

Auf der blau beleuchteten ARD-Buchmessebühne stellen am Freitagmorgen Laura Lichtblau („Schwarzpulver“) und Katharina Köller („Was ich im Wasser sah“) ihre Debütromane vor. Vor den Fernsehern zu Hause sitzen sicher Tausende. Vor der riesigen ARD-Bühne sind es hingegen acht - die Kameraleute mal ausgeschlossen.

Auf der bühnenabgewandten Seite der Festhalle sind die Büchertische von Hugendubel verwaist. Die Gäste fehlen, die Bücher kaufen könnten. So dienen die Büchertische als Hintergrund, wenn sich Autorinnen fotografieren lassen. Überhaupt hätten die Autoren in diesem Jahr viel Zeit für Interviews, sagt eine Sprecherin und weist auf die Promi-Veranstaltung mit Chilly Gonzales hin und die ARD-Buchmessenacht, auch auf das 28 Stunden lange „Bookfest digital“ am heutigen Samstag auf zwei Kanälen (bookfest.de). Um Autoren live zu erleben, finden einige reale Veranstaltungen beim Bookfest City statt – mit Voranmeldung, was die Teilnahme kompliziert.

Kein Buchmessegefühl auf dem Messegelände

Die Buchmesse hätte gut daran getan, für die Veranstaltungen zentral eine Halle auf dem Messegelände pandemiegerecht herzurichten, statt das Bookfest über den Stadtraum zu verteilen. Trotz 260 Stunden Programm und 750 Sprechenden auf allen möglichen Kanälen – ein Buchmessegefühl stellt sich in diesem Jahr auf dem Messegelände nicht ein.

Es gibt aber noch das städtische Lesefest Open Books und den Literaturbahnhof im Haus des Buches. Ohne diese beiden Lesungsreihen käme überhaupt kein Buchmessegefühl auf. Im Haus des Buches stellt Kai Wieland seinen neuen Roman vor. „Zeit der Wildschweine“ heißt er – und wie beim Debüt „Amerika“ arbeitet sich der junge Autor aus Backnang bei Stuttgart an der ländlichen Idylle ab – dort sammele er Material für die Schauplätze seiner Bücher und Lebenserfahrung, um die Figuren im Roman anzureichern. Sein zweites Buch nimmt die Lesenden mit auf eine Reise zu verlorenen Orten in Nordfrankreich. Im Saal sitzen zwölf Gäste. Es ist Freitagmittag, eine undankbare Zeit. Die Veranstaltung mit Debütantinnen und Debütanten, unter anderem Katharina Köller, am Abend in der Volksbühne ist hingegen ausverkauft. Das Gastland Kanada ist auch präsent, meist digital, teils physisch, etwa im Frankfurter Kunstverein.

Die Videos des kanadischen Künstlers Jeremy Shaw ziehen die Gäste so in ihren Bann, dass sich das Gefühl, etwas erlebt zu haben, sofort einstellt. Es gibt das Buchmessegefühl also doch. Man muss es nur suchen.

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