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Gustav Gerst, undatiertes Foto.
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Gustav Gerst, undatiertes Foto.

Stadtgeschichte

Frankfurt: Auf den Spuren von Goetheturm-Stifter Gustav Gerst

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Ein Symposium am Institut für Stadtgeschichte zeigt den Mann, der den Goetheturm einst bezahlte - und erzählt von der Frankfurter Warenhauswelt vor 100 Jahren.

Der Goetheturm steht wieder, feine Sache. Über seinen ersten Financier vor rund neunzig Jahren, den Warenhaus-Unternehmer Gustav Gerst, und über die Frankfurter Kaufhauswelt jener Zeit gibt es immer mehr zu erzählen – auch auf dem Symposium vom Mittwoch im Institut für Stadtgeschichte.

Dort begrüßt Gastgeberin Franziska Kiermeier die etwa 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem Geständnis: „Als die Anfrage nach Gustav Gerst kam, bin ich erst mal erschrocken“, sagt die Abteilungsleiterin Zeitgeschichte – „weil ich ihn nicht kannte.“ In den Stadtarchivbeständen fand sich auf Anhieb auch nichts. Kiermeier: „Man musste graben.“ Und das tat der Filmemacher Thomas Claus.

Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) nennt es eine „kolossale Leistung“, die Claus vollbrachte. Als der alte Goetheturm abbrannte, was Frankfurt „ins Herz traf“, wie Heilig erinnert, verbrannte auch die Tafel, die an den Mäzen erinnerte: Gustav Gerst. „Wir haben uns gefragt: Wer war das eigentlich? Und war es Absicht, dass so wenig über ihn bekannt ist?“

In der Tat, Gerst wollte seinerzeit nicht als Geldgeber genannt werden. Erst später, zur Wiedereröffnung nach dem Krieg, kam die Ehrentafel. Da war Gerst schon tot – von den Nationalsozialisten ausgeraubt und zur Flucht gezwungen.

„Ein echter Coup“

„In der Wissenschaft geht es oft so“, sagt am Mittwoch Julia Cloot vom Kulturfonds Frankfurt, der das Projekt „Spurensuche: Gustav Gerst“ unterstützt wie auch die Stiftung Polytechnische Gesellschaft: „Man sucht etwas Bestimmtes und stößt auf etwas völlig anderes.“ Dem Rechercheur Thomas Claus sei „ein echter Coup gelungen“.

Im Zuge seiner Goetheturm-Recherchen sei Frankfurt „noch einmal ganz anders lebendig geworden“, sagt Thomas Claus. Als wache, engagierte Stadt heute, aber auch als die Stadt von einst, die in dunklen Zeiten selbst ihre großherzigsten Spender nicht schützte, wenn sie Juden waren.

„Gustav Gerst war nicht irgendjemand, sondern eine große Persönlichkeit“, sagt Claus. Einer, der mit Geld half, etwa der Senckenberg-Gesellschaft. Nicht, dass arme Leute weniger schützenswert vor dem Nazi-Terror gewesen wären. Der Fall Gerst zeigt aber exemplarisch, was geschah, weil die Forscher Dokumente fanden. „Gustav Gerst war der Normalfall für die Elite in Frankfurt“, berichtet der Historiker Ralf Roth. Er hat die 1919 gegründete „Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft“ untersucht, einen exklusiven Kreis, der seine Mitglieder selbst wählt, darunter Gerst. Von ihm existiert ein einziges Dokument seiner Mitgliedschaft: die Austrittserklärung. „Hiermit bitte ich höflichst, mich aus der Liste Ihrer Mitglieder streichen zu wollen“, schrieb er – 1933.

Er war Teil einer Welle von Austritten, manche „wegen der besonderen Zeitumstände“ wie der Pharmakologe Werner Lipschitz; andere mit dem Hinweis, sie hätten nun „fast ausschließlich im Ausland zu tun“. Hintergrund war die menschenverachtende „Arisierung“ auch in dieser Elite-Gesellschaft. „Es gab keine Unterstützung durch den Vorstand“, sagt Geschichtsprofessor Roth, im Gegenteil: Es sei Druck auf Juden ausgeübt worden, aus der Gesellschaft auszutreten.

Später am Tag berichtet FR-New-York-Korrespondent Sebastian Moll von seiner erfolgreichen Suche nach den Nachkommen der Kaufmannsfamilie in den USA. Und es berichten Fachleute aus der aufregenden Warenhauswelt im alten Frankfurt, ein gesellschaftliches Ereignis geradezu. Vorreiter waren die Familien Tietz und Gerst, lange Zeit hochgeachtet, dann entrechtet und verjagt. Die Spurensuche, das steht fest, wird weitergehen.

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