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Es war nicht einfach, das Heilige Grab im Kreuzgang des Doms unterzubringen.

Kunstgeschichte

Frankfurt: Dommuseum zeigt Ausstellung „Schätze aus dem Schutt“

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Die Ausstellung „Schätze aus dem Schutt“ lässt 800 Jahre St.Leonhard in Frankfurt lebendig werden. Ab Freitag hat auch die Öffentlichkeit Zugang.

Sieben Jahre wurde in der Kirche St. Leonhard gegraben. Behutsam, kundig und mit viel Respekt: Kistenweise wurden Scherben in die Restaurationswerkstatt des Archäologischen Museums in der Borsigallee gebracht und wie ein großes dreidimensionales Puzzle zusammengesetzt. Die Beweinungsgruppe, eines der Exponate der Ausstellung „Schätze aus dem Schutt“, ist so ein Beispiel, wie die beiden Kuratorinnen Bettina Schmitt und Verena Smitt am Dienstag auf einem Rundgang für die Presse erläuterten.

Dreiundsechzig Bruchstücke aus Ton, bei ihrer Entdeckung allesamt stark verdreckt, wurden wieder zusammengesetzt und -geklebt. Nun ist die Beweinungsgruppe komplett – bis auf den Kopf des Johannes, der fehlt. Zu sehen sind drei Frauen und der kopflose Johannes, die um Jesus Christus trauern. Die mittelrheinische Tonplastik – die Frankfurter Beweinungsgruppe stammt aus den Jahren 1430 bis 1440 – war einst berühmt: Die Gewänder fallen geschmeidig, die Gefühlsintensität der drei Frauengesichter beeindruckt. Ton scheint ein dankbares Material zu sein, allerdings auch ein anfälliges. Rund 1000 Arbeitsstunden waren nötig, um die Gruppe nach einem ausgeklügelten Plan zusammenzufügen. Ein Film, der in der Ausstellung gezeigt wird, dokumentiert die aufwendige Arbeit.

Im Haus am Dom ist ein Teil der Ausstellung zu sehen, ein zweiter im Kreuzgang des Bartholomäusdoms. Wer chronologisch vorgehen möchte, beginnt im Haus am Dom. Dort können Besucher in den nächsten sechs Wochen auch die Schenkungsurkunde bewundern, mit der Kaiser Friedrich II. am 15. August 1219 den Frankfurter Bürgern das Grundstück für ihre Kirche überließ. 

Der Atzmann hat im Laufe der Zeit sein Gesicht verloren.

Das Dokument mit dem wuchtigen Siegel wird gewöhnlich in der Privilegienkammer des Instituts für Stadtgeschichte – vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen – aufbewahrt. Erstaunlicherweise befindet sich auch ein etwas durch Mausfraß entstelltes Büchlein über die Geschichte der Elektrizität in der Ausstellung. Es wurde während der Profanisierung von St. Leonhard (1792-1808) eingemauert im Obergeschoss des Nordturms gefunden und belegt, wie die „Bürgerkirche“ auch ganz weltlichen Zwecken diente. Zum Beispiel wurde sie immer wieder als Lager auch für Buchhändler genutzt.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es nur dem beherzten Eingreifen eines Bischofs zu verdanken, dass die Leonhardskirche nicht abgerissen wurde: Die Frankfurter Bürger wollten dort eine Börse bauen. Bei der Sanierung wurde wieder einmal der Boden aus Angst vor dem Hochwasser ordentlich erhöht. Wertvolle Sandsteingrabsteine, zum Teil viele Jahrhunderte alt, wurden respektlos als Bodenbefestigung eingesetzt.

Für die Öffentlichkeit ist die Ausstellung ab Freitag, 16. August bis zum Sonntag 19. Januar im Jahr 2020 geöffnet. Die Exponate sind in zwei Räumlichkeiten untergebracht: Im Kreuzgang des Kaiserdoms und im Sakristeum im Haus am Dom.

Die Öffnungszeiten sind wie folgt: Dienstag, Donnerstag und Freitag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch 10 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 17 Uhr. Montags ist das Dommuseum und das Sakristeum geschlossen.

Die Eintrittspreise betragen fünf Euro, ermäßigt drei Euro. 

Zurück ins Mittelalter, als immer wieder Pilger auf dem Weg nach Jerusalem oder Santiago de Compostela zum Grab des heiligen Jakob in der Leonhardskirche Station machten. Kleine Metallfiguren wurden bei den Ausgrabungen gefunden, die dem heiligen Leonhard Wünsche, etwa der Genesung, übermitteln sollten. Zunächst war die Kirche dem heiligen Georg und der Gottesmutter Maria geweiht. Seitdem 1323 die Armreliquie des heiligen Leonhard erworben wurde, gilt dieser nun als „Titularheiliger“.

„Wir haben Objekte kennengelernt, von denen wir vorher nichts gewusst haben“, berichten die Kuratorinnen. So wurden zum Beispiel zwei Totenkronen gefunden, die nur jungfräulich Verstorbenen aufs Haupt gesetzt werden durften, also jungen Frauen oder auch Mönchen – ein Brauch, der mit dem Ende der Barockzeit aufgegeben wurde.

Von den eher „kleinen zu den großen Dingen“, so lautete die Überleitung, als die Gruppe das Haus am Dom verlässt und sich in den Kreuzgang des Bartholomäusdoms begibt. Gleich am Eingang, lebensgroß, steht der Atzmann, der relativ früh während der Ausgrabungsarbeiten entdeckt wurde und mit der Zeit leider sein Gesicht verloren hat. Die Körpersprache aber ist ganz Hingabe geblieben. Ein Atzmann soll den Geistlichen bei der Wahrnehmung seiner Aufgaben unterstützen. Den Mittelpunkt des Raums nimmt eine gewaltige Grabanlage ein, die auf die Jahre 1510 bis 1520 datiert wird. Das gesamte Ensemble wurde 1927 entdeckt, als man einen Kohlekeller bauen wollte. Da lag der gekreuzigte Christus in seinem Heiligengrab abgeschoben unter einem Altar mit ein paar Grünpflanzen davor.

Mit der Schenkungsurkunde begann die 800-jährige Geschichte von St. Leonhard.

Es sei nicht einfach gewesen, das 1,5 Tonnen schwere Stück in den Kreuzgang zu bringen. Die Jahrhunderte, die der steinerne Jesus überdauert hat, haben der vitalen Ausstrahlung des Kunstwerks nicht geschadet. Mit seinem angespannten, muskulösen Körper wirke Jesus nicht tot, sondern eher „wie ein Schmerzensmann im Liegen“, ein „Christus im Begriff der Auferstehung“. Gestiftet wurde er von einem reichen Frankfurter, wie überhaupt die Geschichte der Kirche St. Leonhard Zeugnis ablegt über den Stolz und das Selbstbewusstsein der Frankfurter Bürger.

Aussparungen lassen vermuten, dass wichtige Teile des Heiligen Grabs verschwunden sind. Eine Marienfigur wurde wiederentdeckt und dem Grab beigefügt, das früher farbenprächtig und bunt gewesen sein soll. Die Ausstellung widmet sich deshalb auch der mittelalterlichen Farbenwelt und den vielfältigen Herausforderungen für die Restauratorinnen und Restauratoren. So werden die Exponate zum Teil in ihren Transportkisten gezeigt, um den Eindruck des Unfertigen entstehen zu lassen.

Mit solchen wertvollen Grabsteinen wurde der Boden um 60 Zentimeter als Schutz vor dem Hochwasser erhöht.

„Nichts an dieser Ausstellung war selbstverständlich“, fasste Bettina Schmitt, die Leiterin des Dommuseums, zusammen. Ausgegraben habe all diese Schätze die Leiterin des Denkmalschutzes in Frankfurt, Andrea Hampel. Auch deren unermüdliche Tätigkeit ist Bestandteil der Ausstellung. Die Erforschung der Leonhardskirche, die in diesen Tagen nach fast zehnjährigen Restaurierungsarbeiten wieder zugänglich sein wird, werde weitergehen, versprach Schmitt. Der 800-jährige Geburtstag von St. Leonhard sei ein gutes Datum für die Eröffnung der Ausstellung, meinte Verena Smitt. Ein Rundgang wirft Schlaglichter auf die wechselvolle Geschichte dieser Kirche, die den Zweiten Weltkrieg „relativ unbeschadet“ überstanden hat.

Führungen durch die Ausstellung sind jeweils mittwochs um 17.30 Uhr und sonntags ab 14 Uhr vorgesehen. Zum Museumsuferfest gibt es ein Spezialprogramm.

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