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„Schau mir in die Pfauenaugen, Kleiner“: Nashornbulle Kalusho im Zoo, Angehöriger einer bedrohten Art.

Klima und Biodiversität

Frankfurt als Artenschutzzentrum

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Die Zoologische Gesellschaft wächst und will ihre weltweiten Bemühungen fürs Klima und den Erhalt der Biodiversität vor Ort bündeln: mit Partnern im Conservation Center.

Wie spät ist es, wenn wir von Klima- und Artenschutz sprechen? Fünf vor zwölf? Schon kurz nach zwölf? Fest steht: Die Zeit drängt. „Und deshalb“, sagt Klaus Becker, der Präsident der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), „sind wir auch ziemlich ungeduldig.“

Die von Frankfurt aus weltweit agierende Naturschutzorganisation plant bekanntlich mit Partnern ein sogenanntes Conservation Center auf dem Zoogelände: ein Zentrum, das die Weichen stellt für den internationalen Artenschutz. Das sollte besser gestern als morgen loslegen angesichts der Krise bei Klima und Biodiversität. Doch Frankfurt will zeitgleich den Zoo zukunftsfähig machen und ein Kinder- und Jugendtheater im noch zu sanierenden Gesellschaftshaus einrichten.

Viel auf einmal. „Wir sagen, der Neubau Conservation Center muss als Erstes fertig werden“, erklärt ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck, „damit wir aus dem Verwaltungstrakt des Gesellschaftshauses ausziehen und das Haus umbauen lassen können.“

Kumar, den Indischen Löwen, kann man im Zoo sehen - und draußen seine Artgenossen schützen helfen.

Klingt plausibel, auch was die Dringlichkeit angeht. Seit Mai hat Schenck eine Grundlage, auf die er sich stets bezieht: den Bericht des Weltbiodiversitätsrats, der die Lage drastisch aufzeigt wie kein Bericht zuvor. Ob Feuchtgebiete, Korallenriffe, Regenwald: zu großen Teilen zerstört. Zigtausende Arten akut vom Aussterben bedroht. Schenck: „Das ist alles sehr kritisch, aber es ist noch möglich zu reagieren.“

 Die ZGF, gegründet 1858, neugegründet 100 Jahre später von Freunden und Förderern um den legendären Zoodirektor Bernhard Grzimek, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Ursprünglich mit dem Ziel gestartet, einen Zoo zu eröffnen – was ja auch bestens gelang –, entwickelte sich die Gesellschaft zu einer der wichtigsten weltweiten Naturschutzorganisationen. 

29 Projekte in 18 Ländern der Erde betreute die ZGF im vergangenen Jahr und investierte 15 Millionen Euro in Tier-, Naturschutz und Bildung.

410 Beschäftigte sind für die ZGF unterwegs, davon 32 in Frankfurt (plus noch einmal so viele, die ehrenamtlich als Naturschutzbotschafter arbeiten), alle anderen in den Projekten rund um die Welt. Sie bauen beispielsweise Schlingen-Teams im Serengeti-Nationalpark in Tansania auf – um Schlingen der Wilderer aufzuspüren. 2018 sammelten die Teams 17 000 dieser Schlingen (in Worten: siebzehntausend).

In Kasachstan wildern sie die wunderschönen Kulane (das sind Esel) aus und schützen Saiga-Antilopen. In Peru helfen sie den Riesenottern und zählten im vergangenen Jahr 58 Tiere – die höchste Zahl seit 2007. In Indonesien vermitteln sie im Konflikt zwischen Menschen und Elefanten um Land. Und kämpfen unermüdlich für das Überleben der Orang-Utans.

Die Mitgliederversammlung am Montag verabschiedete zwei verdiente Vorstandsmitglieder: Mäzenin Renate von Metzler und Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger scheiden nach vielen Jahren aus. Für sie rücken Senckenberg-Wissenschaftlerin Katrin Böhning-Gaese und KfW-Vorstand Norbert Kloppenburg nach. (ill)

Die ZGF konzentriert sich mit ihrer Arbeit auf die Schutzgebiete der Erde, in denen sich 80 Prozent der bedrohten Arten auf 20 Prozent der Lebensräume drängen. Pufferzonen um diese Areale schmölzen „wie Eis in der Sonne“, weil das Bevölkerungswachstum explodiere: „Wir haben ein Problem mit Flüchtlingen?“, fragt Schenck rhetorisch. „Das geht an der Realität vorbei, wenn wir sehen: Allein Afrika wächst bis 2050 um eine Milliarde Menschen.“

Vor diesem Hintergrund sei es ein großer Erfolg, wenn die ZGF etwa im sambischen North-Luangwa-Nationalpark dazu beitrug, dass dort 2018 kein Elefant und auch kein einziges Nashorn gewildert wurde. Erfolge auch auf anderen Erdteilen einschließlich Europas und Hessens, das ernsthaft am Ziel von fünf Prozent Naturwald arbeite. Rückschläge jedoch vielerorts, weil Regierungen Riesenstaudämme und Straßen mitten durch Schutzzonen bauen – und ein Nationalpark Spessart an lokalen Protesten und fehlendem politischen Willen scheiterte.

Was also tun? „Wir müssen die Bevölkerungsentwicklung im Auge behalten“, sagt ZGF-Präsident Becker. „Menschen erzeugen CO2, um ihr Leben schöner, länger und sicherer zu machen.“ Um den Blick darauf zu schärfen, sei Bildung nötig. „Wo Bildung zunimmt, nimmt der Bevölkerungszuwachs ab“, bestätigt Christof Schenck und schiebt gleich nach: „Aber Naturschutz ist nie gegen, sondern immer für den Menschen – besonders für die nachfolgenden Generationen.“

Bester Ansatz für den Klimaschutz ist für die ZGF der Erhalt der Wälder. Sonst dauere es Jahrhunderte, bei großen Wäldern wie im Amazonasgebiet gar Jahrmillionen, bis sie nachwüchsen. Vor dem Hintergrund besonders betrüblich, dass Menschen willentlich Schutzgebiete etwa auf Ex-Truppenübungsplätzen in Brand steckten. 2000 Hektar Wald seien so in diesem Jahr verloren gegangen. Zweimal wurden in der Nähe Wölfe mit abgeschnittenen Köpfen gefunden. Nicht allen liegt die Natur am Herzen.

„Wir müssen Klimaschutz und Biodiversität immer zusammen denken“, sagt Schenck. „Wir müssen uns fragen: Wie ist die Bilanz einer Solaranlage, wie lang muss ich sie betreiben, bis ich den Materialverbrauch wieder heraus habe? Und wir müssen die externen Kosten in den Produktpreis aufnehmen.“ Mit 3,29 Euro für ein Pfund Kaffee seien die wahren Kosten nie und nimmer zu decken. Fair und nachhaltig müsste er das Dreifache kosten.

Resümee der ZGF-Chefs: „Die Dimension der nötigen Transformation ist nicht erkannt.“ Heißt: Alle müssen umdenken, wenn wir das Steuer noch herumreißen wollen. Die ZGF und ihre Partner, etwa Zoo, KfW, Senckenberg und Goethe-Uni, wollen mit dem Conservation Center daran arbeiten, den Finanzplatz Frankfurt auch zu einem Naturschutzzentrum in der Mitte Europas zu machen.

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