1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Architektur spielerisch erleben

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Lars Fröhlich (14) gestaltete ein spiralförmiges Gebäude für das Frankfurt der Zukunft. Es ist der erste Platz in der Kategorie „Main“ für über 12-Jährige.
Lars Fröhlich (14) gestaltete ein spiralförmiges Gebäude für das Frankfurt der Zukunft. Es ist der erste Platz in der Kategorie „Main“ für über 12-Jährige. © Josef Bogatzki

Beim Minecraft-Projekt Frankfurt_2099 wurden Zukunftsvisionen per Mausklick geschaffen. Nicht von Stadtplanerinnen und Stadtplanern, sondern von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Häuserfassaden, an denen sich Grünpflanzen emporranken, Drohnenlandeplätze auf den Dächern und U-Bahnen, die direkt im Untergeschoss mehrstöckiger Gebäude halten. So sehen Zukunftsvisionen für die Stadt Frankfurt aus. Nicht von Stadtplaner:innen, sondern von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Zuge des Minecraft-Wettbewerbs Frankfurt_2099 des Deutschen Architekturmuseums (DAM) ihre Vorstellungen einer lebenswerten Stadt der Zukunft zum Ausdruck brachten. Mit einer Preisverleihung ging die seit März laufende Aktion nun Anfang Dezember zu Ende.

Nachdem die beliebte Legobaustelle, die seit 1985 normalerweise zweimal pro Jahr im Auditorium des DAM Platz findet, coronabedingt schon das vierte Mal in Folge nicht stattfinden konnte, musste eine Alternative her. Die Leiterin des Bildungsteams des Museums, Rebekka Kremershof, erzählt, dass bei der Überlegung, wie das Legoprinzip in die digitale Welt übersetzt werden könne, das Computerspiel Minecraft für sie sehr naheliegend gewesen sei. Das Prinzip ist ähnlich wie beim Bauen mit Legosteinen, denn auch bei Minecraft muss aus einzelnen Bausteinen gebaut werden, nur sind diese eben digital. Die würfelförmigen Bauelemente können am Computerbildschirm beliebig kombiniert werden, wobei man sich entweder an Vorlagen orientieren oder komplett frei bauen kann. Mit Josef Bogatzki a la TheJoCraft, Youtuber und selbst Minecraft-Spieler, kam ein Kooperationspartner zum Projekt des DAM hinzu, der gleichzeitig Workshopleiter und Jurymitglied, aber auch kreativer Kopf beim Erschaffen der benötigten Rahmenbedingungen für den Wettbewerb war.

Vor Beginn des Projekts wurde zunächst mit Hilfe von Geodaten eine digitale Karte mit Nachbildungen der prominentesten Hochhäuser der Stadt Frankfurt geschaffen. Auf einer anderen separaten Spielfläche konnten die Teilnehmer:innen dann auf den ihnen zugeteilten Grundstücken ihre eigenen Gebäude für ein Frankfurt von morgen platzieren und entwickeln. Dieser Prozess ging über mehrere Monate. Eine Einreichung zum Wettbewerb war dabei zu keiner Zeit Pflicht. Etwa 11 000 Grundstücke wurden so bebaut, und 600 davon nahmen letztendlich am Wettbewerb teil.

Minecraft

Das Computerspiel, das ursprünglich vom schwedischen Programmierer Markus „Notch“ Persson entwickelt wurde, ist seit 2014 Teil von Microsoft und das derzeit meistverkaufte Computerspiel aller Zeiten. Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist es sehr beliebt.

Als LEGO am Computer kann es am besten erklärt werden. In verschiedenen Modi werden aus Würfeln beliebig viele Gebäude und Gegenstände gebaut. So können echte Gebäude und Städte nachgebaut oder eigene Entwürfe gestaltet werden.

Minecraft ist ein Open-World-Spiel, das bedeutet, die Welt, in der sich die Spieler:innen bewegen, ist nahezu unendlich, und es wird kein Spielziel vorgegeben.

Das Spiel kann alleine oder mit mehreren Spieler:innen gespielt werden. Diese können sich entweder per lokalem Netzwerk im selben Raum verknüpfen oder dem offiziellen Server beitreten und so gemeinsam von verschiedenen Orten aus spielen.

Bei der Preisverleihung am vergangenen Samstag wurden neun Gebäude in zwei Altersstufen ausgezeichnet, wobei das Durchschnittsalter aller Teilnehmer:innen bei 14 Jahren lag. Die preisgekrönten Konstruktionen zeigen auf beeindruckende Weise, wie sich Kinder und Jugendliche mit Themen wie Nachhaltigkeit, gemeinschaftlicher Nutzung von öffentlichem Raum und alternativen Architekturformen auseinandersetzen.

Ausgezeichnet wurde beispielsweise ein Wohnkonstrukt, das aussieht, als wären überdimensionale Murmeln übereinandergestapelt worden. Ein anderes Hochhaus, kreiert von David Kersten aus Niddatal und seinem Spielpartner Janis Gunderum, die den ersten Platz in der Kategorie „Kids“ erhielten, wurde statt aus Sandsteinbausteinen mit Pilzbausteinen gebaut, um die Dämmung nachhaltiger zu gestalten. Und ein weiteres Gebäude wirkt wie ein kleines Dorf mitten in der Großstadt. Voll ausgestattet mit Kindergarten, Schule, Senioren-WG und Gemüsegarten macht dieses Wohnmodell ein Verlassen kaum mehr nötig.

Vorgaben gab es laut Kremershof keine, eher sollten Begriffe wie „Mobilität“, „grüne Stadt“, „Digitalisierung“ und „Arbeiten und Wohnen“ als Inspiration dienen. „Wir wollten das Ganze bewusst offen halten, da die Kinder in den letzten Jahren schon genug mit Regeln zu tun hatten“, erklärt sie. Vor allem die große Anzahl an Drohnen, in vielen der eingereichten Gebäude, wären ihr aufgefallen. Dasselbe erzählt auch Jurymitglied Josef Bogatzki, der fasziniert von dem Trend rund um die Drohnen war. Er erzählt von speziellen Drohnenlandeplätzen auf den Dächern der Gebäude und eigens für die Flugobjekte eingebauten Einflugschneisen und ist sich sicher, dass dies zeige, wie sich viele Kinder die Zukunft vorstellten.

Die ausgezeichneten Gebäude wären zwar größtenteils weit entfernt davon, einen Realitätscheck und vor allem eine statische Prüfung zu bestehen, das sei aber auch gar nicht die Absicht gewesen. Vielmehr war es Ziel des Projekts, die Auseinandersetzung mit Zukunftsthemen der Architektur spielerisch in den Fokus zu nehmen.

Kremershof findet, dass die ältere Generation durchaus etwas von den jungen Hobbyarchitekt:innen lernen kann. Kinder hätten einfach noch nicht dieses „Das geht nicht!“ im Kopf. Die Ergebnisse des Projektes würden eindrücklich zeigen, wie wesentlich freies Denken sei, vor allem bei Themen, bei denen es um Veränderung ginge, zeigt sich Kremershof überzeugt. Und auch Josef Bogatzki ist sich sicher, dass in den Kreationen viel Potenzial steckt: „Natürlich sind die Gebäude oftmals surreal und sehr utopisch gedacht, aber trotzdem sind sie auch irgendwo visionär.“ (Anna Laura Müller)

Auch interessant

Kommentare