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Frankfurt: Antisemitismus im Fußball bekämpfen

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Von: Timur Tinç

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Luis Engelhardt, Thaya Vester, Karin Steinrücke, Moderator Behzad Borhani, Alex Feuerherdt und Benjamin Steinitz diskutierten zu „Antisemitismus sichtbar machen“.
Luis Engelhardt, Thaya Vester, Karin Steinrücke, Moderator Behzad Borhani, Alex Feuerherdt und Benjamin Steinitz diskutierten zu „Antisemitismus sichtbar machen“. © Peter Jülich

Bei der Fachtagung „Strafraum - Die (Un)Sichtbarkeit von Antisemitismus“, diskutieren Expertinnen und Experten im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde über Probleme und Strategien im Kampf gegen Judenfeindlichkeit im Fußball.

Ausrufe wie „Scheiß Jude“ oder „Die Juden haben wieder den Schiedsrichter bezahlt“ sind auf Sportplätzen in Deutschland keine Seltenheit. Doch wie sichtbar ist der Antisemitismus im Fußball überhaupt? Zu dieser Fragestellung hat Sabena Donath, Direktorin der Bildungsabteilung beim Zentralrat der Juden, eine dreitägige Fachtagung in Frankfurt organisiert, die am Freitag endet. „Die Dunkelziffer ist sehr, sehr hoch“, berichtet Axel Feuerherdt auf einer Podiumsdiskussion am Donnerstag im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Der Schiedsrichterexperte hat eine langsame Sensibilisierung festgestellt. Allerdings fehle an vielen Stellen immer noch das Bewusstsein dafür, was eine Beleidigung und was Diskriminierung sei.

„Wir sehen bei den gemeldeten Fällen nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Luis Engelhardt. Er ist Projektleiter von Zusammen1, einem Präventionsprojekt von Makkabi Deutschland. Mitglieder von Makkabi-Vereinen in Deutschland erleben judenfeindliche Aussagen häufiger, aber es müssten gar nicht immer Juden direkt dabei sein, damit antisemitische Äußerungen fallen.

In der Theorie seien alle Instrumente da, um solche Vorfälle zu bekämpfen, berichtet Kriminologin Thaya Vester von der Universität Tübingen. „Es gibt einen extrem hohen Strafrahmen. Viele Sportgerichte trauen sich aber gar nicht, den anzuwenden“, sagt sie. Hinzu komme, dass es in den 21 Landesverbänden des Deutschen Fußball-Bundes 19 verschiedene Rechts- und Verfahrensordnungen gebe. Feuerherdt berichtete von einem Fall in Köln, wo dem Richter nicht klarzumachen gewesen sei, dass „Scheiß Jude“ in einem Spiel gegen Makkabi Köln nicht nur eine Beleidigung, sondern Antisemitismus sei. „Es braucht intensivere Schulungen“, findet er.

Ein Problem, das auch die Behörden betrifft, berichtete Benjamin Steinitz, Geschäftsführung Bundesverband Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias). 2018 waren in Jena Graffiti mit „Juden Jena“ aufgetaucht, um den Klub Carl Zeiss Jena und seine Fans herabzuwürdigen. Polizei und Staatsanwaltschaft in Thüringen werteten dies als „szenetypische Bezeichnung“. „Das ist die komplette Normalisierung von Antisemitismus“, sagte Steinitz. „Wie sollen Vereine gegen Rechtsextremismus arbeiten oder Jüdinnen und Juden sich an die Polizei wenden?“

Der DFB bemüht sich, im Schiedsrichterbereich mit verschiedenen Qualifikationen und Weiterbildungsangeboten den Antisemitismus zu bekämpfen, berichtet Karin Steinrücke, Managerin für soziale Nachhaltigkeit beim DFB. „Es ist ein langer Weg“, sagt sie. Aber man gehe alle Wege, sowohl von Verbandsebene nach unten als auch mit Kooperationen wie Zusammen1 von unten nach oben. „Auch eine pädagogische Strafe bietet sich an, um den Dialog zu starten“, findet Engelhardt. Jemanden für sechs Monate zu sperren, ändere nicht unbedingt etwas an seiner Haltung.

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