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Frankfurt: Angeklagter gesteht Raserei

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Von: Stefan Behr

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Zwei Menschen wurden bei dem Unfall Ende 2020 getötet.
Zwei Menschen wurden bei dem Unfall Ende 2020 getötet. © Silas Stein/dpa

Beim Prozessauftakt um den tödlichen Verkehrsunfall im Frankfurter Ostend liest der Angeklagte eine Erklärung vor – und weint.

Der erste Verhandlungstag im Prozess gegen Nebojsa S. beantwortet ein paar Fragen. Und wirft ein paar neue auf. Etwa die, warum das Landgericht für einen doch eher herkömmlichen Mordprozess Hochsicherheitsmaßnahmen verhängt, wie man sie sonst nur vom Islamischen Staat kennt. Die Sicherheitsleute der Justiz wissen die Antwort auch nicht, haben aber ihre Befehle.

Die Anklage wirft S. vor, am 21. November 2020 im Ostend beim Rasen mit seinem „Dienstwagen“, einem 625 PS starken BMW X6, zwei Menschen getötet und einen schwer verletzt zu haben. Als Indiz, dass S. dies zumindest billigend in Kauf genommen habe, wertet die Anklage, dass der 40-Jährige zuvor manuell die Stabilitätskontrolle des Boliden ausgeschaltet habe, um nach Poser-Art durch Kurven driften zu können.

S.s Verteidiger stellen in einer Erklärung klar, dass das Ausschalten dieser Kontrolle „vom Hersteller ausdrücklich vorgesehen“ sei - das mache „aktiveres Fahren möglich“ und steigere so das Fahrvergnügen. Und überhaupt gebe es einen „Reflex in der öffentlichen Wahrnehmung“, sobald einer in einem „hochwertigen Fahrzeug“ andere totfahre.

Nachdem das geklärt wäre, verliest S. eine Erklärung, die er mit seinen Verteidigern verfasst hat und die so zu Herzen geht, dass zumindest der Vortragende weinen muss. Er spricht den Hinterbliebenen sein „tief empfundenes Mitgefühl aus“ und beteuert, dass es ihm „wirklich leid tut“.

Die Sicherheitskontrolle habe er aber nicht ausgeschaltet, um driften zu können. Das mache er immer so im Stadtverkehr, der Motor klinge dann „dumpfer und lauter“, und er „liebe den Klang der Auspuffanlage, wenn er von den Häusern widerhallt“. Er sei eben „ein Autonarr“, vor allem bei „hochpreisigen“. Diese Behauptung wird dadurch untermauert, dass S. bereits viermal die medizinisch-psychologische Untersuchung, im Volksmund auch Idiotentest genannt, erfolgreich abgeschlossen hat - es war nicht das erste Mal, dass S. verkehrsauffällig geworden ist. Er gibt auch zu, dass er an jenem Tag „viel zu schnell“ gefahren sei und die „Kontrolle über das Auto“ verloren habe, was ihm noch nie passiert sei. Zu der Gurtschnalle im Gurtschloss - ein bei Posern beliebter Trick, den Sicherheitspiepser auszutricksen und unangeschnallt rasen zu können - sagt er nichts.

Was für eine Firma aber hat 625-PS-Dienstwagen im Fuhrpark? Fakt ist jedenfalls, dass S. nicht das erste Mal vor dem Landgericht sitzt. Er war Teil einer fünfköpfigen „Baumafia“, die im November 2018 vom Landgericht wegen Steuerhinterziehung in zweistelliger Millionenhöhe zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden war; wenn auch noch nicht rechtskräftig. Zuvor hatte die als bizarres Firmengeflecht getarnte Gruppe Immobilien in Frankfurt und Umgebung im dreistelligen Millionenbereich gekauft - mit Geld, das höchstwahrscheinlich von der albanischen Kokainmafia stammte. Mit dem Treiben finanzierten sich die Angeklagten einen flotten Lebensstil - etwa mit Eigentumswohnungen im Europaviertel, die lediglich als Kleiderschrank für Maßanzüge und als Koks-Eigenbedarf-Depot genutzt wurden, und teuren Angeberautos. Das Unternehmen, das S. den BMW nutzen ließ, trägt einen anderen Namen als das damalige. Die Geschäftsanschrift ist aber dieselbe.

Man muss S. wohl zugutehalten, dass ihm eine solche Dienstwagenpraxis nicht fremd war. Beide Eltern des gebürtigen Frankfurters arbeiteten bei der Arbeiterwohlfahrt, wenn auch in Positionen, die nach ehrlicher Arbeit klingen und einen Dienstboliden eher unwahrscheinlich machen. Bevor S., der das Gymnasium abbrach und auf die Realschule wechselte, in die Immobilienbranche geriet, verdiente er sein Geld durch Tätigkeiten in Callcentern, bei denen er beispielsweise Kunden Versicherungen andrehte.

S. erklärt seinen flotten Fahrstil auch damit, dass er in seiner Position, die mit „erheblicher Verantwortung“ verbunden sei, „unter extremem Druck und Stress“ gestanden habe.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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