Postkarten des Soldaten Klaus Dill (1922-2000).
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Postkarten des Soldaten Klaus Dill (1922-2000).

Frankfurt

Tag der Archive in Frankfurt: Anfassen erlaubt

  • Clemens Dörrenberg
    vonClemens Dörrenberg
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Beim jährlichen Tag der Archive in Frankfurt wurden Stadt-Dokumente präsentiert und Besuchern freie Hand an der Schreibmaschine gelassen.

Klack-klack, klack-klack-klack: Bei jedem Buchstaben ertönt dasselbe Geräusch, und die Tinte drückt sich Anschlag für Anschlag weiter in das eingespannte Stück Papier. Besucherin Carmen Schauer sitzt am Samstag im Institut für Stadtgeschichte und tippt auf einer alten Schreibmaschine des Typs „Triumph Matura 500“ einen Brief für ihre Freundin Mieke Stich, mit der sie zum „Tag der Archive“ gekommen ist. „Am Anfang ist mir das Tippen schwergefallen, aber wenn man in Fahrt kommt, macht es richtig Spaß“, berichtet die 56-Jährige, die in der zehnten Klasse mal einen Schreibmaschinenkurs belegt habe.

Alle zwei Jahre findet der Tag der Archive bundesweit statt, in diesem Jahr unter dem Motto: „Kommunikation. Von der Depesche bis zum Tweet“. Um den Besuchern ein Gefühl zu geben, wie früher geschrieben wurde, hat Archivpädagogin Julia Wiegand neben Tinte und Feder, Tafel und Kreide die Schreibmaschine aufgestellt. Außerdem entziffert sie mit den Besuchern alte, etwa in Sütterlinschrift verfasste Unterlagen. „Wir wollen zeigen, dass das Stadtarchiv kein abgeschlossener, sondern ein quasi demokratischer Ort ist, wo alle gerne hinkommen können“, berichtet Wiegand, die sonst Schulklassen und Studierendengruppen bei ihren Recherchen unterstützt.

Alte Zeitungen, Dokumente aus Nachlässen, Telegramme und Urkunden hat die 30-Jährige auf Tischen ausgebreitet. Besucherin Mieke Stich beeindrucken besonders die selbst gestalteten, teils mit Wasserfarbe gemalten Postkarten eines Frankfurters, der als Soldat nach dem Zweiten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft war und später Illustrator wurde.

Aus dem Nachlass der SPD-Politikerin Johanna Tesch, die von den Nazis im Konzentrationslager Ravensbrück ermordet worden ist, werden Briefe gezeigt, ebenso wie eine verschnörkelt geschriebene und kaum entzifferbare „Telegraphische Depesche“ aus dem 19. Jahrhundert, nebst einem mit rotem Siegel verschlossenen Umschlag. Besucher können die Zeitdokumente mit weißen Stoffhandschuhen sogar in die Hände nehmen. Wiegand hat die Unterlagen teilweise aus den Archivräumen bestellt, die sich in drei Kellergeschossen unter dem Institut für Stadtgeschichte, noch über dem U-Bahn-Tunnel befinden. Der Platz würde für die insgesamt „27 Kilometer Regalakten“ jedoch nicht ausreichen. Deshalb gibt es eine Außenstelle an der Borsigallee, wo die 60 Mitarbeiter des Instituts Dokumente für alle Interessierten wie Geschichtsstudierende, Architekten, Journalisten, Erbenermittler, Familienforscher bestellen können. „Alles mit Bezug zu Frankfurt wird gesammelt“, sagt Wiegand. Seit dem 15. Jahrhundert bestehe das Archiv.

Carmen Schauer würde gerne Fotos von ihrem Elternhaus in der Bockenheimer Landstraße finden, auf dem ein Steinkrokodil geprangt habe. Die Chancen dafür stünden nicht schlecht, berichtet Wiegand. Außerdem umfasse das Bildarchiv 2,5 Millionen Aufnahmen, und der zuständige Kollege könne bei der Suche helfen.

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