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Frankfurt: Post vom Gaga-Patrioten

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Von: Stefan Behr

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Seit S. Briefe schreibt, bekommt er viele Einladungen. Genauer: Vorladungen.
Seit S. Briefe schreibt, bekommt er viele Einladungen. Genauer: Vorladungen. © Peter Juelich

Ein leidenschaftlicher Hassbriefschreiber muss sich wegen Beleidigung vor dem Frankfurter Amtsgericht verantworten.

Frankfurt - Angeblich soll Horst S. zu den Gründern der hessischen Grünen gehört haben. Wenn dem so sein sollte, dann ist er irgendwann zu scharf rechts abgebogen, was wohl zu einer Art Schleudertrauma geführt hat. Seitdem schreibt der pensionierte Lehrer Briefe.

Es sind keine klassischen Briefe, eher Collagen, und so ziemlich alle, die in Stadt oder Land irgendwie publizistisch aktiv sind, haben schon mal einen erhalten. Manche, die sich durch die wirren Zitate und Gedankenfetzen arbeiten, sind danach belustigt, andere beleidigt.

Beleidigungsprozess gegen leidenschaftlichen Hassbriefschreiber

Der Chefredakteur und der Publizist, die am Donnerstag im Amtsgericht als Zeugen auftreten, gehören zur zweiten Kategorie. Der Chefredakteur ist laut Horst S. ein „antideutscher Schmierfink“, der Publizist ein „moralisch degenerierter Patriotenbekämpfer“. Beides kann man natürlich auch als Ehrentitel verstehen. Muss man aber nicht.

Seit S. Briefe schreibt, bekommt er viele Einladungen. Genauer: Vorladungen. In Wetzlar, Limburg und Frankfurt ist er bereits mehrfach wegen Beleidigung zu Geldstrafen verurteilt worden. Aber S. betrachtet den Gerichtssaal eher als Bühne und Instanzen als Zugabe. Heute ist er hier, weil er Einspruch gegen einen Strafbefehl eingelegt hatte. Das hat er zwar wieder vergessen, aber das macht nichts, „das können wir ja in der Revision besprechen“.

Seine harten Worte verteidigt er als notwendige Wahrheiten. Den Chefredakteur hat er wegen eines AfD-kritischen Kommentars auf dem Kieker. Da ging es um Flüchtlinge auf dem Mittelmeer, und der Urgroßvater des Chefredakteurs war Kapitän und habe nach Angaben seines Urenkels beim Retten Ertrinkender diese nie gefragt, aus welchen Gründen sie gerade ertränken. S. findet das unverantwortlich.

Den Publizisten hält S. fälschlicherweise für einen Kolumnisten der Frankfurter Rundschau, hat aber immerhin klar erkannt, dass die FR „das Scharnier zwischen linker SPD und Antifa“ ist, auch wenn es manchmal ein bisschen quietscht.

Ein Polizist sagt im Zeugenstand, S. verschicke die wirren Briefe seit 2004, seit 2014 wisse man, dass er der Absender ist. Er selbst habe schon Hunderte davon gelesen, aber nicht verstanden. Die tatsächliche Zahl dürfte in die Abertausende gehen – „die meisten kommen bei uns ja gar nicht an“.

„Und auf euch wartet die Hölle!“

Sein Letztes Wort missbraucht der ohne Verteidiger erschienene S. für eine Rede mit viel Pathos und wenig Sinn. Irgendwie geht es um einen „Abgrund an Landesverrat“ sowie die „Verfolgung von Impfskeptikern“ und anderen Vaterlandsliebhabern. Zum Schluss verwechselt S. das Amts- mit dem Jüngsten Gericht und ruft laut: „Selig sind, die verfolgt werden, denn ihnen wird das Himmelreich gehören!“ Dann deutet er mit knochigem Finger auf Chefredakteur, Publizist und Gerichtsreporter: „Und auf euch wartet die Hölle!“

Und auf Horst S. warten jetzt 60 neue Tagessätze à 75 Euro. Aber das kann man vielleicht in der Revision noch mal besprechen. S. fühlt sich fremd im eigenen Land, und für einen wie ihn ist das schon die Höchststrafe. (Stefan Behr)

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