Ein rotes Ferrari-Cabriolet auf der Straße.
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Der Traum vom eigenen Ferrari sollte für den Angeklagten in weiter Ferne bleiben.

Amtsgericht

Frankfurt: Weder Ferrari, noch Enthüllungsbuch – verhinderter Autor kassiert Geldstrafe

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Ein Versicherungsmakler droht seinem Ex-Chef mit einem Enthüllungsbuch und will Geld sehen. Doch der Schuss geht nach hinten los.

  • Die Mitarbeiter einer Vermögensberatung locken neue Kollegen mit schnellem Geld und „Ferrari fahren“.
  • Ein ehemaliger Mitarbeiter der Vermögensberatung droht mit einem Enthüllungsbuch über das Unternehmen.
  • Das Amtsgericht Frankfurt verurteilt den ehemaligen Versicherungsmakler nun wegen versuchten Betrugs.

Frankfurt – Ralf S. steht wegen versuchter Erpressung vor dem Amtsgericht. Dabei war sein Versuch immerhin innovativ und dynamisch: Er teilte seinem Ex-Arbeitgeber im April 2019 mit, dass er an einem Enthüllungsbuch über den Saftladen mit dem schönen Titel „Die Geldsekte“ arbeite und ein Verlag ihm bereits 540 000 Euro für die Buchrechte angeboten habe. Wenn das Unternehmen ihm aber mehr zahlen wolle, sei er bereit, seine Karriere als Autor an den Nagel zu hängen und weiterhin der Versicherungsmaklerei zu frönen. Was der 45-Jährige bekam, war eine Anzeige.

Nun handelt es sich bei S.s Ex-Arbeitgeber um ein Unternehmen, das man unappetitlich finden darf. Die Aktiengesellschaft, die sich selbst „Vermögensberatung“ nennt, hat ihren Hauptsitz in Frankfurt und es zweifelsfrei geschafft, zumindest die Familie ihres Gründers milliardenschwer zu machen. Laut Wikipedia ist das Geschäftsmodell des Unternehmens „bei einigen Verbraucherschützern umstritten“,

Frankfurter Vermögensberatung warb mit „finanziellen Vorteilen“

Ralf S. war Mitte der 90er für die Vermögensberatung gekeilt worden. Den angehenden Abiturienten hatte eine ihn unbekannte Frau mit „freundlicher Telefonstimme“ angerufen und gefragt, ob er „an finanziellen Vorteilen interessiert“ sei, was er – wie die meisten angehenden Abiturienten – auch war.

Es handelt sich bei einer solchen Anwerbung um eine „Kaltakquise“, ein Geschäftsmodell, mit dem vor allem Call-Center gerne arbeiten.

Anderen auf den Wecker gehen und Ferrari fahren

Auf einer Anwerbeveranstaltung lernte der junge S. dann einige Mitarbeiter kennen, die angeblich „400 000 Euro im Jahr verdienen“ und „Ferrari fahren“. Das könne er auch, wurde ihm gesagt, er müsse nur seinem Bekannten- und Verwandtenkreis so lange auf den Wecker gehen, bis die sich aus Verzweiflung Versicherungen und Bausparverträge andrehen ließen. Je mehr er verkaufe, desto höher steige er in der firmeninternen Pyramidenhierarchie auf, bis er schließlich andere für sich arbeiten lassen könne, die wiederum ihren Bekannten auf den Wecker gehen, und er genug Zeit zum Ferrari fahren habe. Anderen auf den Wecker gehen und Ferrari fahren – der Traum der meisten Abiturienten schien für S. plötzlich auch ohne Studium greifbar nahe.

2010 war nur noch Katzenjammer geblieben. Nicht, das S. plötzlich sein Gewissen entdeckt hätte, aber obwohl er in der Pyramide bereits „Stufe 5“ erreicht hatte und so etwas wie Agenturleiter war, blieb der Ferrari in unerreichbarer Ferne. Da Kündigen bei der Vermögensberatung nicht so einfach ist, pestete S. per E-Mail an Kollegen solange über seine Vorgesetzten, bis die ihn hochkant rauswarfen. Er trat danach als Kronzeuge gegen die „Geldsekte“ in durchaus seriösen Medien wie „Spiegel“ und „Welt“ auf und machte sich als Makler selbstständig. Sämtliche Zivil- und Unterlassungsklagen, die sein Ex-Arbeitgeber gegen ihn anstrengte, verlor die Unternehmensberatung.

Richter am Frankfurter Amtsgericht nennt die Tat eine „Dummheit“

Jetzt aber verurteilt das Frankfurter Amtsgericht Ralf S. – wenn auch nicht wegen versuchter Erpressung, sondern wegen versuchten Betrugs. Er wird verwarnt, eine Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 70 Euro wird vorbehalten, S. muss 4000 Euro an die Verbraucherzentrale Hessen zahlen. Der Richter nennt die Tat eine „Dummheit“, und kein Verlag zahle eine halbe Million für ein Enthüllungsbuch über eine Firma, deren Leumund ohnehin seit Jahren offiziell lausig sei. S. schweigt zu allem, hat aber wohl das Motto verinnerlicht, das ihm sein Ex-Arbeitgeber einst mit auf den Weg gab: „Eine starke Behauptung ist besser als ein schlechtes Argument.“

Erst vor kurzem musste sich vor dem Frankfurter Amtsgericht ein Hochstapler verantworten, der sich als falscher Journalist ausgegeben und sich dadurch Zutritt zu Konzerten und anderen Events erschlichen hatte.

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