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In den Pausen verstehen sich Wärter und Knastbrüder hervorragend.

Kultur

Amateure auf der Tatort-Bühne

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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In einem stillgelegten Trakt des Gefängnisses in Frankfurt-Preungesheim entstehen in der Regel Szenen für bekannte Krimiserien. Jetzt erfüllt sich hier ein Laie den Traum vom eigenen Film.

Das Basketballspiel auf dem Gefängnishof eskaliert. Schwer tätowierte Männer schubsen, rangeln, fluchen. Adrenalin fliegt durch die Luft. Körper krachen heftig aneinander, Wärter rennen herbei, schwingen Schlagstöcke, zerren die Streithähne auseinander. Nur der Rottweiler macht nicht mehr mit. Der Hund legt sich gemütlich ab. „Cut“, ruft Regisseur Frank Schraml. „Das müssen wir noch einmal drehen“, sagt er und tätschelt das Tier versöhnlich.

Es ist der sechste Versuch, die große Rauferei auf dem Hof des alten, stillgelegten Traktes der Frankfurter Justizvollzugsanstalt in Preungesheim zu filmen. Sonst entstehen hier Produktionen wie „Tatort“ oder „Ein Fall für Zwei“. An diesem Donnerstag ist es ein Amateur-Team, eine Low-Budget-Produktion wie Schraml sagt. Der Titel: „Irrtum – der Film.“

Es geht um zwei durchgeknallte Polizisten, die ihre Fälle zwar zügig aber nicht immer sauber lösen. „Da landet jemand schon mal ganz schnell im Knast“, sagt Schraml und zwinkert. Der Regisseur, Drehbuchauto und Hauptdarsteller in einem hat die Szene sorgsam choreographiert. Rund 30 Darsteller sind beteiligt – und zwei Rottweiler. Im Vordergrund ist die Prügelei, die Männer im Hintergrund stürzen herbei, Wärter halten sie auf.

Harte Arbeit, besonders der Wärter mit dem Schlagstock, wird immer kleinlauter. Der traktierte Häftling tut ihm offenkundig leid, doch Schraml winkt ab: „Mach das richtig, der hält was aus.“ Schließlich muss es hinterher, im Film, gut aussehen.

Im alten Zellblock wird noch mal der Ton überprüft, dann heißt es „Action“.

Der Traum vom eigenen Film, im Mai 2019 hat er den 50-Jährigen gepackt und nicht mehr losgelassen. Schraml ist kein Regisseur, kein Autor, kein Schauspieler. Er vertreibt Deko-Tiere. „Hund, Katze, Maus, die sehen aus, wie echt.“ Er ist auch Fachmann für Aquarien. 1992 begründet er den weltweit ersten Notdienst. Wenn’s den Fischen schlecht geht oder eine Scheibe gesprungen ist, Schraml ist fast immer erreichbar. Mit zehn Jahren hat er bei einem Preisausschreiben sein erstes Aquarium gewonnen. Mit Mitte 40 entdeckt er die Welt hinter der Fernseh-Mattscheibe. Was für ein Kontrast! Die stille Welt der Fische auf der einen Seite, der aufgedrehte Maestro auf der anderen.

Wie ein Irrwisch rennt er über den Hof, redet, dirigiert, tätschelt Rottweiler, muntert auf, raunzt an. Als hätte er sein ganzes Leben nichts anderes gemacht. Und niemand murrt, auch als es gegen Mittag geht, die Jause eingetroffen ist und Schraml trotzdem die Szene noch einmal drehen möchte. Die Schauspieler ziehen mit. Und das bisschen Maulerei, das doch noch kommt, babbelt der 50-Jährige einfach weg. Kein Einwurf ist frech genug, als dass er ihn nicht toppen könnte. Im Babbeln macht dem Flörsheimer keiner so schnell etwas vor.

Seinen ersten Fernsehauftritt hat er beim Tatort. Der Hessische Rundfunk hatte für den 1000. Tatort Komparsen gesucht, Schraml sich beworben. „Vor vier, fünf Jahren.“ Seitdem hat er ein neues Hobby. „Es ist faszinierend zu beobachten, wie aus einzelnen Szenen eine Geschichte wird.“ Schraml tritt mal hier vor die Kamera, modelt dort ein bisschen. Ein reiner Zeitvertreib. Dann kommt der Mai 2019.

In den Pausen verstehen sich Wärter und Knastbrüder hervorragend.

Ein Freund, ebenfalls Komparse, bittet ihn um Hilfe, ein kleines Bewerbungsvideo wollen sie drehen. Ein Verhör mit einem bösen und lieben Polizisten. In der Nacht fällt Schraml dazu eine ganze Geschichte ein. Es ist, als hätte sich eine Schleuse geöffnet, als hätte er die ganze Zeit nur auf diese Aufgabe gewartet. Der Film treibt ihn an, sein Traum zieht Kreise. Die rund 100 Mitwirkenden hat er in Nullkommanix zusammen. Alle spielen ohne Gage, sie haben Spaß daran, wollen den Freund unterstützen. Sie kennen sich aus dem Komparsengeschäft. Reisen aus Hamburg an, aus Bremen, Solingen, Wien.

Mirko Prodanovic, 44, kommt aus Mainz. Schraml hat er bei einem Videodreh kennengelernt, Prodanovic hat eine Autovermietung für schickere Modelle. Die sind gefragt bei Videodrehs. „Ich will nur helfen“, sagt er nun. Es ist sein erster Auftritt als Komparse. „Für Frank ist es ja auch Premiere“, sagt er. Als Regisseur. Erkennbar nervös sind sie nicht „Es ist doch alles voll familiär.“

Prodanovic gehört zur Riege der ziemlich beeindruckenden Knackis, die Schraml um sich versammelt hat. Zwei sind größer als zwei Meter. Türme in der Schlacht, tätowiert sind sowieso alle. Horst Trippel auch auf Schädel und Gesicht. Der 51-Jährige ist eine kleine Berühmtheit, war mal mit Daniela Katzenberger liiert. Man könnte ihn bei „Big Brother“ gesehen haben oder bei „Goodbye Deutschland“. Oder aus einer Tätowierungsshow.

Regisseur und Hauptdarsteller Frank Schraml behält den Überblick.

Trippel hat ein eigenes Studio im idyllischen Michelstadt im Odenwald. Ein Freund hat ihm vom Irrtum-Film erzählt. Trippel hat sich gefreut, viele alte Bekannte zu treffen. Komparse ist er als Ausgleich, sagt er. Die Tätowiererei ist ja eher einer ruhige Tätigkeit. „Action“ sei wichtig.

Bei der Rangelei greifen die Wärter jetzt durch. Ein Insasse bekommt Pfefferspray ab – mit Hilfe einer Zwiebel, wirkt auch sein Gesicht danach authentisch gerötet. Keine Frage, der Dreh ist zehrend. Kürzlich hat das Team bei Butzbach in 92 Stunden mühsam eine Hütte gezimmert, nur um sie in die Luft zu jagen. Und auch da greift das Irrtum-Fieber um sich. Die örtliche Feuerwehr hilft sprengen, der Metzger spendiert 300 Würstchen, der Getränkehandel Softdrinks.

Schraml ist es wichtig, besondere Drehorte aufzustöbern. Er filmt im Knast. In einem Privatjet. Auf Schloss Zwingenberg. Da soll nachts eine weiße Witwe spuken, erzählt Darsteller Miran Vegas. Als die Aufnahmen sich bis tief in die Nacht ziehen, sind einige Darsteller beunruhigt, sagt er. Vegas aber, war so müde, „ ich hätte das Gespenst wahrscheinlich nicht einmal bemerkt“ wenn es ihm auf den Fuß getreten wäre.

Zwei Teile a 90 Minuten plant Schraml. Dann ist die Geschichte abgeschlossen. Eine zwölfteilige Serie mit je 60 Minuten soll folgen. Er möchte das Werk bei der Hessischen Filmförderung einreichen, um wenigsten ein paar Ausgaben zurückzubekommen. Und vielleicht ein paar Kinos zu begeistern… oder das Fernsehen.

Premiere ist am Sonntag, 20. Dezember, im Dolce Hotel – Jugendstil Theater in Bad Nahuheim, Elvis-Presley-Platz 1. 16 Uhr. Noch sechs Karten sind übrig von 699 Plätzen.

www.irrtum-der-film.de

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