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In der Psychiatrie des Universitätsklinikums Frankfurt gab es im April und Mai Überbelegungen.

Universtitätsklinikum Frankfurt

Nach Sendung im HR: Jetzt auch Psychiatrie der Uniklinik in der Kritik

Ein Bericht des Hessischen Rundfunks kritisiert die Zustände in der Psychiatrie des Frankfurter Uniklinikums. Dort weist man die Vorwürfe zurück, räumt jedoch ein Problem ein.

Überbelegte Krankenzimmer, gestresstes Personal und bauliche Mängel soll es einem Bericht des Politmagazin „defacto“ in der Psychiatrie des Frankfurter Universitätsklinikums geben. Die Sendung wurde am Montagabend vom Hessischen Rundfunk ausgestrahlt, am Dienstag luden der Ärztliche Direktor des Klinikums, Jürgen Graf, und der Leiter der Psychiatrie, Andreas Reif, die Presse zu einem Hintergrundgespräch ein.

Ja, es treffe zu, dass es in der mit 18 Betten ausgestatteten Akutpsychiatrie im April und Mai diesen Jahres Überbelegungen geben habe und vereinzelt auch Betten auf dem Flur gestanden hätten. Graf und Reif machten deutlich, dass sie verpflichtet seien, diese schwerkranken Patienten aufzunehmen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gebe es „keine Überbelegung“ mehr.

Psychiatrie-Mitarbeiter fühlen sich diffamiert

Dass die Atmosphäre in der Akutpsychiatrie „ständig angespannt und gewaltbesetzt“ sei, wie es in dem defacto-Bericht heißt, treffe nicht zu. Dass die Patienten „laut rufen und schreien“, gehöre zum Krankheitsbild. Dort arbeite ein „eingespieltes, engagiertes Team“, so Reif. Alle Stellen seien besetzt. Allerdings sei der geltende Personalschlüssel bereits 25 Jahre alt. Graf machte darauf aufmerksam, dass es Pflegekräfte gebe, die gerade in diesem Bereich arbeiten wollten. Durch den defacto-Bericht fühlten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diffamiert.

Zur Ausstattung der Akutpsychiatrie sagten Graf und Reif: Die Patienten gingen mit dem Mobilar „anders um“. Einmal habe jemand während eines akuten Anfalls die Station angezündet. Ein andermal habe ein Patient den Schlauch zum Hydranten herausgezogen und „die Station geflutet“.

Bauliche Mängel gibt es, aber keinen Schimmel

Bezogen auf die gesamte psychiatrische Klinik räumten Graf und Reif viele bauliche Mängel ein, die dem Alter des Gebäudekomplexes geschuldet seien. „Dieses Haus ist hundert Jahre alt“, sagte Graf. Aber es gebe weder Schimmel, wie in dem Bericht behauptet, noch fiele dort, wo sich die Patienten aufhalten, der Putz von der Decke.

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Reif betonte, dass die schwierige bauliche Situation einer erfolgreichen medizinischen Behandlung nicht im Wege stehe. Oft werde davon ausgegangen, dass ein allgemeines Wohlbefinden Voraussetzung für den Genesungsprozess sei. Diese Annahme sei aber falsch. Man könne auf gute Therapie-Erfolge verweisen. Eine Patientenbefragung habe Schulnoten zwischen 1,6 und 1,9 ergeben. 95 Prozent der Befragten würden die Psychiatrie des Universitätsklinikums weiterempfehlen.

Erweiterung der Kapazitäten der Psychiatrie im Uniklinikum

Auf die Überbelegung im April und Mai wird das Universitätsklinikum mit einer Erweiterung der Kapazitäten für die gesamte Psychiatrie reagieren. Bis Herbst diesen Jahres sollen in der benachbarten Orthopädischen Klinik Friedrichsheim 18 zusätzliche Betten eingerichtet werden. Derzeit verfügt die Psychiatrie über 119 Betten. Da es sich beim Klinikum Friedrichsheim ebenfalls um einen Altbau handelt, wird sich die Versorgung der Patienten auch dort nicht einfach gestalten. Ursprünglich sollte es erst im Jahr 2027 einen Neubau für die Psychiatrie geben. Es sei gelungen, die Politik zu überzeugen, dass dies früher geschehen müsse.

Reif bedauerte, dass durch den HR-Bericht „ein Horrorbild“ entstanden sei, das die Vorurteile gegenüber der Psychiatrie verschärfen werde und Patienten davon abhalten könnte, sich in Behandlung zu begeben. Als einen Grund für die Überbelegung in den Monaten April und Mai nannte Reif das offenbar gesunkene Vertrauen in die Psychiatrie des städtischen Krankenhauses in Höchst. Dort hatte eine Undercover-Reporterin des „Team Wallraff“ als Praktikantin getarnt im März heimlich die geschlossene Station der Psychiatrie gefilmt. Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) und die Stadt Frankfurt hatten sich darauf verständigt, dass ein externer Gutachter die Station überprüfen und das Personal im Umgang mit den Patienten besser geschult werden soll.

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Von Friederike Tinnappel

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