Meist ging es bisher friedlich zu, wenn sich junge Leute zum Feiern am Opernplatz trafen.
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Meist ging es bisher friedlich zu, wenn sich junge Leute zum Feiern am Opernplatz trafen.

Feiern statt Randale

Club-Besitzer in Frankfurt fordert Öffnung und hat dafür gute Argumente

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Der Frankfurter „Tanzhaus West“-Betreiber Matthias Morgenstern erklärt, wie eine Öffnung funktionieren kann, warum illegale Veranstaltungen gefährlich sein können und dass die Politik schnell handeln muss.

  • Unter den Corona-Einschränkungen leiden besonders die Clubs in Frankfurt.
  • Matthias Morgenstern, Betreiber des Frankfurter Clubs „Tanzhaus West“, spricht über die Sorgen der Szene.
  • Ein Problem ist: Die Leute haben keine Orte zum Feiern.

Frankfurt - Während die Corona-Einschränkungen überall gelockert werden, müssen Clubs noch immer warten. Seit März haben sie geschlossen, eine Perspektive gibt es nicht. Trotz Kurzarbeit, Soforthilfe und Onlinekonzerten kämpfen viele um die Existenz. Währenddessen feiern die Menschen trotzdem, problematisch bleiben auch der Müll und fehlende Kontrollen. Es müsse endlich etwas passieren, sagt Matthias Morgenstern, Betreiber des Frankfurter Clubs „Tanzhaus West“ und Vorsitzender des Netzwerks „Clubs am Main“.

Feiern trotz Corona: Illegale Raves sind nicht die Lösung

Herr Morgenstern, sind die Krawalle am Opernplatz am vergangenen Wochenende Folgeprobleme des kompletten Verbots von Tanzveranstaltungen und Konzerten?
Vor Corona haben in Frankfurt und Offenbach jedes Wochenende rund 50 000 Menschen in den Clubs gefeiert. Die suchen sich jetzt natürlich neue Orte. Denn jeder hat das Bedürfnis, sich mit Freunden zu treffen. Kennt man ja von sich selbst. Schon jetzt gibt es vermehrt illegale Raves. Im Winter werden sich die Partys weiter verlagern. Hier gibt es keine Abstandsregeln, Prävention und Kontrolle. „Unkontrollierter Exzess“ birgt auch an anderen Stellen neue Gefahren, für Frauen könnte Ausgehen ebenfalls wieder gefährlicher werden. Unsere Clubs dagegen haben ausgebildete Sicherheitskräfte und Awarenesskonzepte. Es liegt in der Verantwortung der Clubbetreiber, eine sichere Veranstaltung zu gewährleisten, damit der Gast fröhlich feiern kann.

Matthias Morgenstern will gerne wieder Partys machen.

Schlägt die Stadt hier einen falschen Weg ein?
Der ordnungspolitische Ansatz alleine wird die Situation nicht verbessern. Vielleicht kommt es stattdessen zu einer Verlagerung an die noch weniger zu kontrollierenden Ränder. Bei den Verantwortlichen ist kein Plan erkennbar. Entweder wird nur an die Vernunft appelliert und allerlei Symbolpolitik veranstaltet. Bei Verhallen und Wirkungslosigkeit bleibt dann nur die polizeilich repressive Karte – vom Bußgeld bis hin zur Kriminalisierung. Das positiv besetzte urbane Nachtleben wird jetzt nur noch als Gefahr wahrgenommen. Die Stadt wirkt hilflos.

„Tanzhaus West“ in Frankfurt: Morgenstern fordert die Öffnung der Clubs

Wie geht es jetzt weiter?
„Clubs am Main“ will in den Dialog mit der Stadt treten und versuchen, alle Interessengruppen an einen Tisch zu bekommen, um gemeinsam Ideen zu entwickeln. Auch auf Landesebene braucht es Bewegung. Hierzu haben wir den hessischen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir angeschrieben und warten noch auf Antwort. Je näher der Herbst rückt, desto lauter werden wir.

Sollen die Clubs wieder öffnen, egal um welchen Preis?
Ich bin für eine Öffnung. Das muss nicht bedeuten, dass zum Stichtag 31.8. sofort der Normalbetrieb durchstartet. Aber wir Clubs wollen versuchen, abgestimmt mit den zuständigen Gesundheitsämtern und im Zusammenspiel von externen Hygieneberatern und internen -beauftragten ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten, mit dem ein Restart funktionieren kann.

Alleine wird das aber schwer …
Die Politik sollte den Mut aufbringen, diesen Schritt mit zu gehen. In Sachsen etwa wird bereits an einer Studie gearbeitet, wie Großveranstaltungen wieder möglich sind. Das ist das richtige Signal. Als Clubinhaber sind wir auch der richtige Ansprechpartner. Schon jetzt sind wir für alles Mögliche verantwortlich: Jugendschutz, Hygiene bei der Ausgabe von Getränken und Speisen, wenn der Gast zu viel Alkohol trinkt, Lautstärkewerte, persönliche und finanzielle Unbescholtenheit. Wir sind auch hier bereit, unseren Kopf hinzuhalten.

Zur Person

Matthias Morgenstern (53) ist Inhaber von Tanzhaus West und Dora Brilliant, im Kulturverein Farbenfabrik zuständig für den Bereich Livemusik und zudem Vorsitzender von Clubs am Main, dem Netzwerk für Veranstaltungs- und Clubkultur. Morgenstern studierte an der Frank- furter Universität Soziologie. jkö

Haben Sie auch Ideen, wie man das am besten umsetzt?
Nur um ein paar Beispiele zu nennen, erstens: Mit einem Reservierungssystem lässt sich die lückenlose Nachvollziehbarkeit der Kontakte gewährleisten. Zweitens: kontrollierter Ein- und Auslass von Besucherströmen über Timeslots und intelligente Personenleitsysteme. Drittens: Temperaturmessung der Gäste. Hier wäre die Verwendung von Wärmekameras denkbar, das macht etwa schon der Tigerpalast. Viertens: der Einsatz neuer Techniken. Oberflächen werden schon jetzt mit UVC-Licht desinfiziert, etwa Rolltreppen. Damit lassen sich auch die gefährlichen Aerosole in geschlossenen Räumen zerstören. Fünftens: Modernisierung und Erneuerung bestehender Lüftungsanlagen – und die Zeiten, in denen Clubräume an muffige Kellerlöcher erinnern, könnten Vergangenheit sein. Es gibt sehr viele Ideen für einen Club von morgen.

Das klingt allerdings ziemlich teuer.
Sicher, wir reden hier von mittleren sechsstelligen Beträgen. Ohne staatliche Unterstützung können wir das nicht leisten. Aber ich denke, es wäre der sinnvollere Ansatz, finanzielle Mittel in die Zukunft der Musikspielstätten zu investieren, statt nicht ausreichende Ausgleichszahlungen für unsere Stilllegung zu leisten.

Feiern statt Randale: Lieber Räume der Clubs nutzen statt öffentliche Plätze

Man kann es sich ja schlecht vorstellen: Tanzen die Gäste mit Maske, und wie klappt das mit Abstand?
Auch hier wird es Lösungen geben, auch in Form der vorübergehenden Reduzierung von Besucherzahlen. Nur müssen die Zahlen auch realistisch sein. Zweidrittel ja, aber wenn ich nur ein Zehntel der Gäste reinlasse, kann ich den Betrieb nicht halten. Alles andere muss man beispielhaft erproben, und es wird vermutlich auch erst mal ein Tanzen mit Maske geben. Auch die Masken werden sich ändern. Angeblich gibt es schon jetzt keimabtötende Masken. Das klingt spannend.

Wie finden Sie die Vorschläge, erst mal geregelt open air zu feiern?
Angebote auf öffentlichen Plätzen können schnell zu einem logistischen Monster werden, teuer und wenig nachhaltig. Warum nutzt man nicht die vorhandenen Räume der Clubs mit ihren eingespielten Techniken und Abläufen? Jetzt schnell irgendeine Fläche am Mainufer freizugeben, dauert und hilft langfristig nicht weiter.

Und wenn die Betriebe selbst im Freien so etwas organisieren?
Für Clubs mit Außenflächen wäre das eine tolle Chance, wenn die Stadt die rechtlichen Rahmenbedingungen hierfür erleichtert. Aber die meisten Clubs haben gar nicht die Möglichkeit, draußen etwas anzubieten. Veranstaltungen wie in unserem Sommergarten motivieren einen selbst und die Mitarbeiter, aber ersetzen nicht den Normalbetrieb. Und sie sind spätestens dann vorbei, wenn das Wetter nicht mehr gut ist. Nein, Club muss drinnen möglich sein. Der Winter naht. Es müssen jetzt schon die ersten Kulturorte schließen wie in Frankfurt das „Horst“. Ohne Öffnungsperspektive wird es uns alle erwischen. Es sei denn, man versetzt uns in ein Art Wachkoma.

Was bedeutet das?
Das hieße, dass wir vollkommen am Staatstropf hängen würden. Dafür müssten noch mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden, die neben unseren laufenden Betriebs- auch unsere Lebenshaltungskosten decken. Aber auch ein Wachkoma bringt zusätzliche Probleme. Bei einem möglichen Restart im nächsten Frühjahr würden wir ohne unser Personal dastehen. Denn die meisten Mitarbeiter sind zurzeit in Kurzarbeit, viele Minijobber schon entlassen. Unser Stammpersonal wird sich notgedrungen neue Jobs suchen, weil wir ihm keine Perspektive geben können. Eine katastrophale Abwärtsspirale droht. Und wenn ein Club erst mal weg ist, kann er nicht ersetzt werden. Das ist nicht wie bei einer Bäckerei, wo einfach die nächste Kette bei Schließung übernimmt, und die Brötchen werden weiter gebacken.

Interview: Judith Köneke

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