+
Die Corona-Krise erhöht auch die Gefahr häuslicher Gewalt gegen Kinder.

Coronavirus

Kinderarmut in Frankfurt: Dramatische soziale Folgen durch Corona-Krise drohen

  • schließen
  • Helen Schindler
    Helen Schindler
    schließen

Durch Schließung der Schulen und Jugendeinrichtungen sind einige Kinder besonders gefährdet. „Die Arche“ in Frankfurt warnt vor dramatischen sozialen Folgen für benachteiligte Familien.

  • In der Corona-Krise sind Schulen und Jugendeinrichtungen in Frankfurt geschlossen
  • Für Kinder und Jugendliche können sich durch die Corona-Krise erhebliche soziale Folgen entstehen
  • Die Landespolitik hat das Problem noch nicht bemerkt

Frankfurt - Daniel Schröder sieht keinen anderen Ausweg. Soziale Einrichtungen für Kinder und Jugendliche sowie Schulen müssen bald wieder öffnen, sagt der Leiter der Kinder- und Jugendeinrichtung „Die Arche“ in Frankfurt. „Das wäre der beste Weg. So würden gewisse Strukturen zurück in den Alltag kehren, genauso wie täglich warmes Essen und soziale Kontakte.“ Doch niemand weiß, wann das geschieht. Und deshalb, sagt Schröder, „braucht sich niemand zu wundern, warum häusliche Gewalt zunehmen wird“.

Corona-Krise betrifft besonders Frankfurter Familien mit Hartz IV

Die Arche engagiert sich bundesweit für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Alle vier Standorte in den Stadtteilen Griesheim und der Nordweststadt mussten wegen der Corona-Krise schließen. Somit entfällt auch die tägliche Betreuung. Den Kontakt halten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter per WhatsApp oder Telefon, oder sie bringen den Familien gespendete Lebensmittelpakete und Hygieneartikel. „Normalerweise haben wir täglich 350 bis 400 Tagesbesuche“, sagt Schröder. 

Insgesamt seien rund 1200 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren bei der Arche registriert. Besonders für sie ist der Wegfall des täglichen Betreuungsangebots hart. Das Jugendamt schätzt, dass sechs bis acht Prozent der Frankfurter Kinder und Jugendlichen die Angebote der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (Okja) wahrnehmen. Hessenweit leben laut Paritätischem Wohlfahrtsverband 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Armut. In Frankfurt leben laut Jugendamt rund 18 600 Kinder im Alter bis 14 Jahren von Hartz IV.

Frankfurt: Vernachlässigung findet in allen Milieus statt

Die Bundesregierung hat noch keine Lösung für dieses Problem gefunden. Und das, obwohl Kitas und Schulen seit drei Wochen geschlossen sind. Notbetreuungen werden nur für Kinder angeboten, deren Eltern systemrelevante Berufe haben. Zwar schließt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) nicht aus, auch für Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen die Notbetreuung zu öffnen. Doch sie macht das davon abhängig, wie lange der Ausnahmezustand noch dauern wird.

Doch so lange keine Entscheidung gefällt wird, wird sich auch an der Situation von Kindern und Jugendlichen in prekärer Lage nichts ändern. In den meist kleinen Wohnungen bleibt wenig Platz für Rückzugsorte, der Frust steigt, die Eltern sind meist überfordert. Die Folge sei die Zunahme von häuslicher Gewalt, sagt Schröder. Eine Mutter habe, so erzählt er, ihre Tochter unter kaltes laufendes Wasser in die Dusche gestellt. Kinder und Jugendliche berichteten Schröder, dass sie es zu Hause nicht mehr aushielten oder „einfach weg wollen“. Gewalt sei strukturell vererbbar. „Wer selbst Gewalt als Kind erlebt hat, nimmt diese Erfahrungen mit.“ Doch wie Studien belegen, ist häusliche Gewalt keinesfalls ein schichtspezifisches Phänomen. Kinder werden quer durch die Milieus geschlagen, gedemütigt und vernachlässigt.

Erhebliche Mehrkosten in der Corona-Krise für Frankfurter Familien

Für alle, die zu Hause keinen emotional geschützten Rahmen haben, sei die aktuelle Situation problematisch, sagt auch Christian Telschow vom Frankfurter Jugendring. Und er sagt auch, dass diejenigen, die die deutsche Sprache nicht oder nicht gut sprechen sowie kleine Kinder aktuell am meisten litten. „Mit ihnen ist es besonders schwer, den Kontakt zu halten.“ Viele seien nun abgeschnitten von ihren Integrationsmöglichkeiten, so bleibe auch der Spracherwerb, der normalerweise in den Treffs geübt werde, auf der Strecke. Auch Familien, die beispielsweise im Bahnhofsviertel übergangsweise in Hotels untergebracht sind, treffe die Situation besonders hart. „Prekärer geht es kaum“, sagt Telschow. „Wenn man da nicht rauskommt, ist das auch ein Stück Abgeschnittensein vom Leben. Die Menschen haben keine Möglichkeit, sich in die Stadtgesellschaft einzufügen.“

Die Eltern der Arche-Kinder leiden unterdessen auch unter der finanziellen Last, sagt Schröder. Denn weil die täglichen Mahlzeiten wie das Frühstück in der Schule oder das Mittagessen in einer der sozialen Einrichtungen wegfallen, entstehen für die Eltern erhebliche Mehrkosten von bis zu 250 Euro im Monat, sagt Schröder. „Das ist vor allem dann nicht einfach, wenn die Familien von Hartz IV leben oder die Eltern in Kurzarbeit geschickt wurden.“

Ehrenämtler helfen in der Corona-Krise aus

Für Entlastung sorgt die Frankfurter Tafel. Sie hat an zehn von elf Lebensmittelausgaben in Frankfurt weiterhin geöffnet, berichtet Sprecherin Edith Kleber. Unter normalen Umständen bedienen die Tafeln circa 15 000 Menschen, darunter 3200 Minderjährige monatlich. Aktuell kämen nur die Hälfte, berichtet Kleber. Doch sie machen weiter. „Wir wollen gerade für die Mitmenschen, die am Rande der Gesellschaft leben, da sein.“

Für die Kinder und Jugendlichen, die am Rande der Gesellschaft leben, sieht Schröder keine rosige Zukunft: „Die soziale Diskrepanz wird steigen, weil viele durch ihre Herkunft sowieso schon benachteiligt sind.“ Das werde durch das „Homeschooling“ noch deutlicher. Verfügen alle über angemessene Geräte? Haben Eltern überhaupt die Ruhe, das Wissen, die Fähigkeiten, den Kindern die Schule ein wenig zu ersetzen? Auf viele Familien treffe dies nicht zu, sagt Schröder. Die Arche versucht hier, die Eltern zu entlasten. „Wir helfen den Kindern per Whatsapp oder Video-Chat bei Schulaufgaben, Ehrenämtler geben virtuell Nachhilfe oder Tipps, wie sie ihren Alltag strukturieren können.“

Probleme aus Frankfurt noch nicht in der Landespolitik angekommen

In der Landespolitik scheinen diese Probleme noch nicht angekommen zu sein. Auf Anfrage der FR teilt das Sozialministerium mit, es befürchte „keine nachhaltigen negativen Auswirkungen“. Aus dem Kultusministerium heißt es, dass „jede Lehrkraft jedes Kind erreichen muss“. Kein Kind dürfe ausgeschlossen werden, sagt Sprecher Julius Bender. Allerdings sei ihm auch klar, dass es „nicht überall optimal läuft“.

Harry Fuchs vom Jugendamt Frankfurt sagt hierzu: „Wir versuchen in Zusammenarbeit mit den Trägern pragmatische Lösungen in jedem Einzelfall zu finden.“ Es werde alles daran gesetzt, „die aktuell laufenden Hilfen für Familien, Kinder und Jugendliche schnell und unbürokratisch fortzusetzen und wo nötig, zusätzliche Hilfen anzubieten“.

Für Schröder und sein Team gilt nur eines: Weiterarbeiten, so gut es geht. Eine andere Möglichkeit sieht er derzeit nicht. Er schätzt die sozialen Folgen als „sehr dramatisch“ ein, vor allem für die Kinder. „Wenn wir nicht für dieses Klientel kämpfen, dann macht es niemand. Wir lassen die Kinder nicht im Stich.“

Mainova-Chef Alsheimer im FR-Interview: Über den Stromverbrauch in Frankfurt in Corona-Zeiten, die Verantwortung für den Betrieb von Kliniken und Supermärkten und Notfall-Szenarien, falls sich die Lage noch zuspitzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare