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Fassbinder (4.v.l.) mit TAT-Team, rechts Margit Carstensen und Karlheinz Böhm.

Rainer Werner Fassbinder in Frankfurt

Post von den Bahamas

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Ein Rückblick auf Rainer Werner Fassbinders acht Monate in Frankfurt und die Folgen.

Die Hoffnungen beider Seiten erfüllen sich nicht. Rainer Werner Fassbinder und die Kulturstadt Frankfurt – eine nur acht Monate kurze Phase, die aber lange nachwirkt. Es ist Kulturdezernent Hilmar Hoffmann, der 1974 auf den 29 Jahre alten Regisseur zugeht. Der Sozialdemokrat möchte den aufregendsten Filmemacher seiner Generation unbedingt von München an den Main holen. Er soll Intendant des Avantgarde-Theaters am Turm (TAT) werden und so die Kulturstadt Frankfurt schmücken.

Fassbinder seinerseits erhofft sich ein eigenes Theater, an dem er ungehindert seine künstlerischen Vorstellungen verwirklichen kann. Mit dem „antitteater“ in München ist er zuvor wirtschaftlich gescheitert.

So finden Frankfurt und Fassbinder tatsächlich zusammen. Hoffmann ruft ihn an, und der Regisseur sagt: „Gut, komm morgen Abend ins Zero.“ Der Kulturdezernent glaubt, es handele sich um eine Gaststätte in München, doch Fassbinder erklärt lachend, dass er ihn in einer bekannten Schwulenkneipe in Berlin erwartet. Hoffmann fliegt also am nächsten Tag nach Berlin, lässt sich vom Taxi zum „Zero“ bringen – und trifft dort nicht nur auf Fassbinder, sondern dessen halbe Schauspieler-„Familie“: Brigitte Mira, Margit Carstensen, Karlheinz Böhm, Irm Herrmann, Volker Spengler. Sie alle wollen mit nach Frankfurt.

Das Ensemble verlangt eine Einheitsgage: 3000 Mark pro Kopf und Monat. Ein Sondergehalt für sich, das ihm Hoffmann anbietet, lehnt Fassbinder empört ab.

Man ist sich einig. Doch schon bei der ersten Pressekonferenz in Frankfurt, bei der die Pläne der Theatertruppe präsentiert werden sollen, gibt es Probleme. Fassbinder hat keine Lust auf lange Theorievorträge. Zu Hoffmann sagt er: „Fragen über diese ganze theaterpolitische Scheiße beantwortest aber Du.“

Als Jutta W. Thomasius, die bekannte Gesellschaftsreporterin der „Frankfurter Neuen Presse“, seine Theaterkompetenz bezweifelt, empört sich Fassbinder nach Hoffmanns Erinnerung mit den Worten: „Sie verstehen vielleicht was vom Ficken, aber wenig vom Theater.“

Das ist der erste sogenannte Skandal der Ära Fassbinder in Frankfurt. Die ersten Inszenierungen, im September 1974 „Germinal“ nach Emile Zola und im Oktober Strindbergs „Fräulein Julie“, werden von der Kritik durchaus gelobt, auch Fassbinders Darstellung des „Jean“ in Strindbergs Klassiker. Doch die pathetische, oft sehr stilisierte und langsame Spielweise des Ensembles ist beim Publikum kein großer Erfolg. Ende 1974 bleibt der Zuspruch weit hinter den Erwartungen der Stadt zurück.

Das Theater kaputtmachen

Als Fassbinders Vertrauter Kurt Raab dann „Verbrecher“ von Ferdinand Bruckner auf die Bühne bringt, spricht FR-Kritiker Peter Iden von der besten Inszenierung in der laufenden Spielzeit. Aber zu diesem Zeitpunkt hat sich Fassbinder wohl innerlich bereits vom TAT und von Frankfurt verabschiedet. Zu Raab sagt er nach dessen Erinnerung, das Theater sei seiner nicht wert und müsse kaputtgemacht werden. Im Dezember fliegt Fassbinder mit seinem Freund Armin Meier und Raab auf die Bahamas. Von dort schicken sie eine Postkarte an Kulturdezernent Hoffmann. Der Sozialdemokrat versteht das als Provokation, die ihn veranlassen soll, dem Intendanten zu kündigen. Also reagiert er nicht.

Einige Tage vor Weihnachten kommen Fassbinder, Meier und Raab nach Frankfurt zurück. Doch Raab notiert später: „Das Theater kümmert uns überhaupt nicht mehr, und Fassbinder machte keine Anstalten, noch etwas dafür zu tun.“ Im Februar 1975 unternimmt Kulturdezernent Hoffmann einen letzten Versöhnungsversuch und lädt Fassbinder in seine Wohnung ein. Doch der Regisseur macht keine konkreten Zusagen.

Tatsächlich verschärft sich die Situation. Fassbinder lässt Frankfurt wieder hinter sich, diesmal fliegt er nach Los Angeles. Auf dem langen Flug schreibt er ein Theaterstück, das die Kulturstadt und Deutschland lange beschäftigen wird. Es trägt den Titel „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Es ist eine bittere Collage der gesellschaftlichen Verhältnisse in Frankfurt. Im Zentrum der Zuhälter Franz B., die Hure Roma Bahn, einige Nazis und ein Bauspekulant, der von den anderen „Der reiche Jude“ genannt wird.

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Fassbinder kündigt an, das Stück im August 1975 am TAT uraufzuführen. Im Mai beginnen die Proben, die der Intendant abbricht, nachdem er vergeblich von der Stadt mehr Geld und einen zusätzlichen Schauspieler verlangt hat. Es kommt zum endgültigen Bruch, Fassbinder verlässt im Sommer Frankfurt und zieht nach Paris um.

„Der Müll, die Stadt und der Tod“ aber sorgt für jahrzehntelangen Streit. Im März 1976, als der Suhrkamp-Verlag das Stück als Buch veröffentlicht, nennt FAZ-Mitherausgeber Joachim C. Fest Fassbinder einen „Linksfaschisten“ und Antisemiten. Suhrkamp zieht das Buch zurück. Im Oktober 1985 scheitert die Uraufführung im Schauspiel an der Jüdischen Gemeinde, deren Mitglieder die Bühne besetzen. Später wird das Stück erfolgreich in Europa und in den USA gezeigt. In Deutschland ist es bis heute nicht zu sehen gewesen.

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