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In der Platensiedlung: Die oberen beiden Geschosse sind durch Aufstockung entstanden.

Nachverdichtung

Frankfurt wächst nach oben

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In Frankfurt entstehen Hunderte Wohnungen durch Aufstockung und Dachausbau.

Frank Junker, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsgesellschaft ABG, spricht nicht ohne Stolz vom größten Nachverdichtungsvorhaben Deutschlands. Der nördliche Teil der zu Ginnheim zählenden Platensiedlung wird so aufgestockt und später um Neubauten ergänzt, dass die Zahl der Wohnungen von 348 auf mehr als 1000 springt. Den einst von Angehörigen der US-Army genutzten dreigeschossigen 50er-Jahre-Häuserzeilen werden jeweils gleich zwei zusätzliche Geschosse aus Holzmodulen aufgesetzt. Sechs Monate nach offiziellem Baubeginn werden bald die ersten Bewohner einziehen. Schon in etwa einem Jahr sollen alle 380 Wohnungen, die die ABG auf diese Weise schafft, fertig sein. Zur Hälfte entsteht geförderter Wohnraum: Sozialwohnungen, Mittelstandswohnungen und Wohnraum für Studierende. Die frei finanzierten Wohnungen sollen gut 10,50 Euro pro Quadratmeter kosten.

Möglich macht das ambitionierte Vorhaben das bayerische Unternehmen Liwood, das in Nähe der U-Bahn-Station Sandelmühle in einer unscheinbaren Halle vorgefertigte Elemente aus Brettsperrholz zu Modulen zusammenbaut. All der neue Wohnraum, der in der Platensiedlung durch Aufstockung entsteht, besteht aus diesen Modulen. Mehr als 1000 werden einmal verbaut sein. Sie bilden zusammengesetzt die neuen Studentenapartments, je drei sind für die 65 und 80 Quadratmeter großen Wohnungen nötig. Selbst die Treppenhäuser sind aus Holz und vorproduziert. Die Bäder werden gar bereits gefliest, samt Dusche, Toilette, sogar Toilettenpapierhalter, von der Feldfabrik aufgesetzt.

Nachverdichtung in Frankfurt: Viel Wohnraum in kurzer Zeit

So viel Wohnraum in so kurzer Zeit, nur eineinhalb Jahren, zu schaffen, wäre bei einem Neubauprojekt nie möglich gewesen, sagt Junker am Montagmorgen bei einer vom Energieversorger Mainova und dem Immonetzwerk Frankfurt/Rhein-Main organisierten Tour zu Nachverdichtungsprojekten. Dass Wohnungsgesellschaften in öffentlicher Hand, aber auch Unternehmen wie Vonovia in Frankfurt Siedlungen nachverdichten, hat allerdings zum größten Teil mit dem Mangel an Flächen in der enger werdenden Stadt und den regelrecht explodierenden Grundstückspreisen zu tun.

Der Volks- Bau- und Sparverein Frankfurt hat denn auch die Chance genutzt, einen Gebäuderiegel an der Spenerstraße im Dornbusch aufzustocken. 14 Wohnungen sind so entstanden, zu für Frankfurt inzwischen günstigen Mieten von elf Euro pro Quadratmeter. Auch die Genossenschaft hat dabei auf Holz gesetzt. Nun verdichtet sie, wie Vorstandschef Ulrich Tokarski berichtet, an der Reichelstraße in Ginnheim nach. Bis 2020 sollen dort 51 neue Wohnungen entstehen, teils durch Neubau, teils durch Aufstockung.

Planungsdezernent Mike Josef (SPD) zeigt sich angesichts des riesigen Mangels froh über den Wohnraum, den die Nachverdichtung der Stadt beschert. Zumal für Aufstockung und Dachausbauten kein zusätzlicher Boden versiegelt werden muss. Er weist durchaus auf die Belastungen, die die Arbeiten für die Bewohner der Häuser mit sich bringen, hin, nennt es aber notwendig, Siedlungen auch um zusätzliche Infrastruktur – Kitas, Schulen, Läden – zu ergänzen, spricht von Unternehmen, die Nachverdichtungen zum Anlass nehmen, um Luxus zu sanieren und die Bestandsmieten krass zu erhöhen.

Mike Josef will Aufstockung erleichtern

Dennoch will er die Aufstockung erleichtern. In Arbeit sei eine neue Satzung, nach der Eigentümer, die in kleinem Umfang Wohngebäude nach oben hin erweitern, keine Stellplätze mehr nachweisen müssen, sagt er. Beim Dachausbau kann die Stadt schon jetzt auf den Nachweis von Stellplätzen verzichten. Dem Eigentümerverband Haus & Grund Frankfurt geht das allerdings noch nicht weit genug. Geschäftsführer Nikolaus Jung wirbt dafür, die Stellplatzpflicht ganz zu streichen, und fordert Investitionsanreize für private Vermieter, die nachverdichten wollen. Zwei Eigentümer berichten von ihren Problemen, die sie beim Versuch, Dachböden auszubauen, mit der Stadt haben.

Auch der DMB-Mieterschutzverein Frankfurt lobt, dass in der Platensiedlung viele neue Wohnungen entstehen. Es müsse aber mehr darauf geachtet werden, dass die dortigen Mieter nicht unverhältnismäßig belastet werden, sagt Geschäftsführer Rolf Janßen. Die Linke fordert die Stadt auf, genauer hinzuschauen, wenn Nachverdichtungen geplant sind. Im Gallus etwa stocke Vonovia auf und verdränge damit teils Bewohner.

Das Potential

19 000 Wohnungen könnten nach Einschätzung des Frankfurter Planungsdezernenten Mike Josef (SPD) in Frankfurt durch die Ergänzung von Siedlungen um neue Gebäude und die Aufstockung und den Dachausbau von Wohngebäuden entstehen. Allein in Wohnsiedlungen, die mehrheitlich demselben Eigentümer gehören, sieht das Dezernat, das für das integrierte Stadtentwicklungskonzept 222 Flächen etwa auf ihre Eignung als Wohn- oder Gewerbegebiet untersuchte, ein Potenzial von etwa 7000 Wohnungen. Schon die städtische ABG und die mehrheitlich dem Land gehörende Nassauische Heimstätte haben hier Tausende Siedlungswohnungen. Eigentümer könnten nach Schätzung der Stadt darüber hinaus in kleineren Projekten etwa 12 000 Wohnungen durch Nachverdichtung schaffen.

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